Wo christliche Mission unerwünscht ist

Für die Gläubigen am Bosporus ist das Paulusjahr ein willkommener Anlass,

über die Wahrheitsfrage erneut nachzudenken

Istanbul (DT) Am 29. Mai 1453 ist das christliche Konstantinopel von Sultan Mehmed II. erobert worden und in die Hände der Osmanen gefallen. Seitdem die Stadt zum Herrschaftsbereich des Islam gehört und Istanbul heißt, ist die Christengemeinde ständig geschrumpft. Heute gehören zur deutschen römisch-katholischen Gemeinde am Goldenen Horn wohl gerade mal eintausend Seelen. Gemessen an den schätzungsweise zwanzig Millionen Einwohnern, die in der Megacity an Marmarameer und Bosporus leben, eine sehr kleine Schar.

Gleichwohl ist von Verzagtheit nichts zu spüren, als sich am 24. Mai in St. Paul die Katholiken deutscher Zunge zum Festhochamt mit dem Apostolischen Vikar, Bischof Louis Pelâtre, versammeln, um mitzufeiern, wenn Loris, Johannes, Chiara, Melissa, Hannah, Elias und Oliver erstmals die heilige Kommunion und Megan, Franziska, Kira und Sebastian das Siegel der Firmung empfangen. Die Kirche, die eher ein Kirchlein zu nennen wäre, ist schon eine halbe Stunde vor Beginn gesteckt voll. Wohlweislich sind rechtzeitig die Glasschiebetüren zur Gartenterrasse geöffnet worden. Auch auf den dort aufgestellten einfachen Beiselbänken sitzt man kurz vor Beginn der heiligen Messe eng an eng. Als Bischof Pelâtre, Ortspfarrer Peter Wehr und sein Priesterkollege Hofrath Franz Kangler von der ortsansässigen österreichischen Gemeinde St. Georg gemeinsam mit den Kommunionkindern und Firmlingen feierlich einziehen, sind auch die letzten Gartenstehplätze vergeben.

St. Paul ist wohl das, was man in frühchristlicher Zeit eine Hauskirche genannt hat. Die Adresse Büyük Ciftlik Sokak 22 ist ein vom Architekten Clemens Holzmeister erbautes zweistöckiges Giebelhaus mit einem kleinen Anbau in einer schmalen Straße im vornehmen Nisantasi. Dieser Stadtteil erinnert, trotz aller offensichtlichen Unterschiede, an die Gegend rund um den Hamburger Jungfernstieg. Auch in Nisantasi sind die Nobelmarken der Welt zu finden. Aber in den Seitengassen gibt es neben den Boutiquen mit eleganten Damenschuhen und seidenen Abendroben auch noch genügend „kleine“ Gemüsehändler, Fleischer und Bäcker.

„Zum Wesen des

Islam gehört, dass

nur ein Muslim

Vollbürger in einem ihrer Staatswesen

sein kann“

Der Status der römisch-katholischen Kirche in der Türkei ist komplex, kompliziert und fragil. Selbst zu einem Festhochamt mit Bischof bleibt die Kirchentür zur Straße verschlossen. Jedes Gemeindemitglied weiß, dass man erst durch das Hoftor des Nachbarhauses und über dessen Parkplatz zu gehen hat, um dann dort linker Hand durch ein vergittertes Pförtlein zum Pfarrgarten zu schlüpfen. Für Peter Wehr sind solch „konspirative“ Maßnahmen nicht unvertraut. Denn der gebürtige Berliner stammt aus dem bis 1990 sozialistischen Ostteil der Stadt. Der Achtundvierzigjährige ist also erstens diasporageübt und zweitens ist ihm aus seiner Zeit als „Bürger der DDR“ eine Regierung wohlvertraut, die auf einer Skala von skeptisch über unfreundlich bis feindlich virtuos zu spielen weiß. Für die SED war Religion „Opium des Volkes“. Mit Karl Marx wussten die roten Genossen: „Für Deutschland ist die Kritik der Religion im Wesentlichen beendigt, und die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik.“

Doch während für marxkundige Kommunisten Religion „das Gemüt einer herzlosen Welt und den Geist geistloser Zustände“ abbildet, ist für den strenggläubigen Muslim Atheismus als Weltanschauung etwas Absurdes. Zum Wesen des Islam gehört, dass nur ein Muslim Vollbürger in einem ihrer Staatswesen sein kann. Konvertierungsunwillige Christen und Juden können das naturgemäß nicht sein. Immerhin stehen sie dank ihres „heiligen Buches“ nicht so tief unten wie andere Religiöse. Nach der Eroberung von Konstantinopel und der Umwidmung der Hagia Sophia und zahlreicher, aber keineswegs aller christlichen Kirchen in eine Moschee, will Mehmed II. zunächst seine Hauptstadt Adrianopel – im heutigen Dreiländereck Bulgarien, Griechenland, Türkei – weiter ausbauen. Doch schon bald wird dem Sultan klar, dass er mit dem Besitz von Roma Nova, wie Kaiser Konstantin seit 330 das um 660 v. Chr. von Griechen gegründete Byzantion nennt, ein kaiserliches Erbe in Händen hält. Deshalb entschließt er sich, die verwüstete Stadt wieder aufzubauen, hier auf Dauer zu residieren und, wie die christlichen Kaiser, einen griechisch-orthodoxen Patriarchen zu ernennen und mit allen überlieferten Insignien auszustatten. Auf diese Weise haben die Christen einen nun muslimischen Herrscher erhalten, und ihr Platz ist in einem sogenannten Millet. Worunter wir uns so etwas wie eine eigenständige Ethnie vorstellen müssen, die gegenüber der Mehrheitsbevölkerung mindere Rechte besitzt, der aber auch ein gewisser Schutz verbürgt wird – solange man sich an die Regeln hält.

Als Mustafa Kemal, genannt Atatürk, 1924 nach seinem gewonnenen Krieg gegen die Griechen die Reste des im Ersten Weltkrieg untergegangenen Osmanischen Reiches zusammenführt, daraus eine laizistische Türkische Republik macht und damit den Islam zu einer religiösen Privatsache herabstuft, der ja – und dieser Umstand ist enorm wichtig – seinem Wesen nach immer nur Religion und Staat zugleich sein kann, ist das aus islamischer Sicht ein revolutionärer Einschnitt in eine mehr als tausendjährige Tradition. Für die verbleibenden Christen ändert sich allerdings rein rechtlich gesehen so gut wie nichts. Sie bleiben Millet und werden weiterhin, religiös betrachtet, wie Ausländer behandelt. Atatürks Versuch, den Islam durch einen Staatskult zu ersetzen, hat den Tod seines Urhebers nur bedingt überlebt. Mehr als einmal muss die kemalistische Armee das Prinzip Laizismus gegenüber einem Islam, der auch die Rechtsprechung für sich beansprucht, mit einem Putsch verteidigen. Doch wie lange kann der türkische Laizismus gegenüber der Scharia das Feld behaupten? Die Religionsbehörde, die den staatlich geduldeten sunnitischen Islam steuert und äußerliche religiöse Zeichen wie das Kopftuch der Frauen in öffentlichen Gebäuden verbietet, scheint, wenn selbst die Ehefrau des Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan sich an der Seite ihres Mannes mit Kopftuch zeigt, auf dem Rückzug zu sein.

Auch die deutsche Gemeinde St. Paul ist so etwas wie ein Millet. Pfarrer Peter Wehr ist mit Dienstpass des Auswärtigen Amtes in die Türkei eingereist. Er hat zwar eine Arbeitserlaubnis als Pfarrer. Doch kann er weder im eigenen, noch im Namen seiner Kirche Rechtsgeschäfte erledigen. Haus und Grundstück in der Büyük Ciftlik Sokak 22 sind auf eine Aktiengesellschaft nach türkischem Recht eingetragen. Als Wehr im Dezember 2004 sein Amt in Istanbul antritt, erfährt er, dass kurz zuvor der geschäftsführende türkische Rechtsanwalt den Gemeindebesitz für drei Millionen Dollar an einen türkischen Immobilienkonzern verkauft hat. Das ist weniger als die Hälfte des tatsächlichen Wertes!

Dank Wehrs Nervenstärke und Umsicht kann der Verkauf mit der tatkräftigen Unterstützung von Fachleuten in der Istanbuler deutschen Gemeinde und im Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz rückgängig gemacht werden. Vielleicht ist die Berufung des krisenerprobten Wehr nach Istanbul eine Fügung gewesen. Schon als Berliner Generalvikar, der die Beinahe-Zahlungsunfähigkeit seines Bistums nach seinem Amtsantritt im April 2001 offengelegt und gemeinsam mit den deutschen Bischöfen eine für die Berliner Kathedra tragfähige finanzielle Zukunftslösung gefunden hatte, durfte Wehr seine Unerschrockenheit im Umgang mit schier aussichtslosen geschäftlichen Lagen unter Beweis stellen.

Das von Papst Benedikt XVI. 2008 ausgerufene Paulusjahr wird vom deutschen Pfarrer nachdrücklich begrüßt. Für Peter Wehr ist es wichtig, über Mission und Wahrheitsfrage neu nachzudenken. In der de facto muslimischen Millionenstadt Istanbul verbindet ein Priester der römischen Kirche anderes mit seinem christlichen Auftrag, allen Völkern das Evangelium zu verkünden, als in einem traditionell katholischen bayerischen Dorf.

Innerhalb seiner vier Kirchenwände darf Peter Wehr über den auferstandenen Christus sagen, was immer er will. Aber außerhalb nicht. In der Türkei ist christliche Mission unerwünscht. Auch der türkische Staatsislam duldet keine Konversion seiner Bürger zum Christentum. Denn auch aus kemalistischer Sicht verließe er damit seine Ethnie und würde zum Fremden. Wer – wie übrigens nicht nur die Muslime, sondern auch die Angehörigen der anderen großen Weltreligionen – durch Geburt seinen religiösen Status erhält, der betrachtet einen Austritt aus der angestammten Religion offenbar nicht bloß als Konfessionswechsel, sondern als den Verlust der ureigenen, ja, quasi naturrechtlichen Identität.

„Ein gewisses

Harmoniebedürfnis gegenüber anderen

Religionen“

Wenn also Christus sagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“, dann gilt das auch für Pfarrer Wehr in Istanbul. Darum sieht er seine kleine Gemeinde als einen „Lernort“. Deutscher Katholik in dieser Fremde zu sein, bedeutet – wie Wehr es nennt – „das Eigene neu reflektieren“. Im Paulusjahr ist Wehr zusammen mit seiner Pfarre auf den Spuren des Völkerapostels nach Tarsus, Jerusalem und Rom gereist. Dadurch ist Paulus als Identifikationsfigur relevanter geworden.

Durchaus kritisch sieht der Auslandspfarrer, dass in den Jahren nach dem Zweiten Vatikanum eine weitverbreitete Missdeutung der Erklärung über die Religionsfreiheit auch in St. Paul ein gewisses Harmoniebedürfnis gegenüber anderen Religionen, Relativismus befördert und zur Verdunklung der Wahrheitsfrage geführt hat. Bei der Konzilserklärung „Dignitatis humanae“ ging es allerdings nicht darum, wie der Kirchenhistoriker Walter Brandmüller in der Pfingstausgabe der „Tagespost“ so treffend wie knapp formuliert hat, „dem Irrtum gleiche Rechte einzuräumen. Vielmehr geht das Konzil von der Würde der Person und ihrem Recht aus, bezüglich ihres Gewissens und ihres Glaubens von niemandem beeinträchtigt zu werden. Das ist die klassische Lehre der Kirche.“ Peter Wehr folgt dieser Sichtweise: „Wer glaubt, dass der Glaube an den Dreifaltigen Gott für alle Menschen heilsam ist, wird hoffen, dass sie diese Heilsamkeit erkennen – und er wird versuchen, sie ihnen aufzuzeigen. In dieser Hinsicht ist der Dialog mit Menschen aus einer anderen Religion ein Aspekt der Sendung und Weltverantwortung einer christlichen Gemeinde.“

Aber zum Dialog gehören immer zwei. Das weiß auch Peter Wehr. Deshalb ist ihm klar, dass in der Konstellation der Abhängigkeit, in der sich seine Gemeinde aufgrund der rechtlichen Gegebenheiten in der Türkei befindet, interreligiöse Veranstaltungen praktisch unmöglich sind. Seitdem das Land im Oktober 2005 in offizielle Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union eingetreten ist, unterliegt die Türkei einem enormen Reformdruck in wirtschaftlicher und in gesellschaftlicher Hinsicht. Manche Beobachter ziehen daraus sehr optimistische Schlussfolgerungen. Peter Wehr tut das nicht. In seiner 2008 abgeschlossenen Dissertation „Christ sein in der Fremde. Die deutschsprachige katholische Gemeinde in Istanbul zwischen Anpassung und Bewahrung“ kommt Wehr zu dem Schluss, „dass die Religionsfreiheit trotz aller übrigen Reformen in absehbarer Zeit in diesem Land nicht realisiert werden wird“.

„Es ist deshalb davon auszugehen“, so Wehr, „dass der Gemeinde St. Paul der Zugang zur Mitte der türkischen Gesellschaft verwehrt bleibt. Denn die Türkei knüpft an die aus muslimischer Sicht jahrhundertelang währende und bewährte Tradition des Osmanischen Reiches an, wonach Christen zwar Refugien zugebilligt werden, aber dennoch darauf geachtet wird, dass die Christen keine gesellschaftliche Relevanz erhalten. Diese Vorgaben werden auch für St. Paul bestehen bleiben. Daher wird sich die Gemeinde in absehbarer Zeit weiter in großen Abhängigkeiten und Determinationen bewegen. Eine Grenzüberschreitung in die türkische Gesellschaft hinein würde ihre faktische Existenz gefährden. Dessen ungeachtet muss die Gemeinde St. Paul ihrem Schutzpatron weiter verpflichtet bleiben und sich auch im Gastland Türkei immer wieder ihres Sendungsauftrages versichern. Im Rahmen der Verkündigung und der Bildungsveranstaltungen empfiehlt es sich, diesen Aspekt des Christseins immer wieder zu thematisieren. Es ist eine bleibende Herausforderung für die Gemeinde, nach Wegen zu suchen, um sich mit den Menschen des Gastlandes dialogisch zu verständigen, ohne dabei die eigene Institution zu gefährden. Die von außen gezogenen Grenzen bedürfen vor dem Hintergrund einer sich in Bewegung befindenden Gesellschaft immer wieder der Überprüfung.“

Die Grundlagen für eine solche Sichtweise hat das Zweite Vatikanische Konzil mit der Erklärung zur Religionsfreiheit, gelegt. Welche Sprengkraft „Dignitatis humanae“ in der Türkei innewohnt, ist dem Faktum zu entnehmen, dass dieser Text nicht nur den Einzelnen, sondern auch den Gemeinschaften religiöse Freiheit als Freisein von Zwang zubilligt und zu dem Ergebnis kommt, dass auch religiöse Gemeinschaften „nicht durch Mittel der Gesetzgebung oder durch verwaltungsrechtliche Maßnahmen der staatlichen Gewalt daran gehindert werden, ihre eigenen Amtsträger auszuwählen, zu erziehen, zu ernennen und zu versetzen, mit religiösen Autoritäten und Gemeinschaften in anderen Teilen der Erde in Verbindung zu treten, religiöse Gebäude zu errichten und zweckentsprechende Güter zu erwerben und zu gebrauchen“.

Pfarrer Peter Wehr hat die uralte Erfahrung gemacht, dass „gerade eine Gemeinde in Bedrängnis zur Identifikation einlädt. Diese Identifikation ist zugleich Ansatzpunkt seitens der Gemeinde, ihre inneren Anliegen zu thematisieren. Die Suche nach Gründen, warum den christlichen Kirchen in der Republik Türkei keine volle Religionsfreiheit zugebilligt wird, sollte präsent bleiben. Denn sie führt dazu, sich mit dem eigenen christlichen Gottes- und Menschenbild auseinanderzusetzen. Die Diskussion darüber, warum die türkische Gesellschaft lediglich Refugien zubilligt und der römisch-katholischen Kirche keine adäquate Form der Annahme einer Rechtspersönlichkeit einräumt, muss nicht nur im Zeichen der EU-Beitrittsverhandlungen, sondern vor allem um der Verständigung der Völker willen sowohl in der Türkei als auch in Deutschland geführt werden. Dabei sollte die Frage nach den politischen oder religiösen Motiven derer, die das Christentum nicht in der Mitte der Gesellschaft lassen, so lange wach gehalten werden, bis produktive Antworten zur grundlegenden Veränderung dieser eigentlich unhaltbaren Lage dafür gefunden sind.“

Peter Wehrs Blick für die Realitäten einer Christengemeinde in einer muslimischen Umwelt ist in Istanbul deutlich geschärft worden. Dazu beigetragen hat auch ein Blick zurück. Als Konstantinopel 1453 fällt, ist die lateinische Welt schockiert. Doch trotz intensiver Bemühungen des Heiligen Stuhls können sich die Westmächte nicht auf einen gemeinsamen Weg einigen. Bei allen historischen Unterschieden: Die uneinheitliche Haltung gegenüber der „Türkischen Frage“ ist auch im Zeitalter der Europäischen Union geblieben. Demgegenüber ist die Botschaft des Völkerapostels Paulus eindeutig. Er wollte, dass alle Eins werden. Oder wie es Klaus Berger in dieser Zeitung kürzlich formuliert hat: „Für Paulus besteht die konkrete Bedeutung des Heiligen Geistes vor allem in der universalen Völkermission. Seine Berufung zum Völkerapostel steht und fällt mit der Wirkung des Heiligen Geistes, der alle Menschen zu Gottes Kindern machen kann. Dabei ist das Wort ,Kind‘ ein Ausdruck, mit dem die größtmögliche Ähnlichkeit zu Gott gemeint ist.“

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