„Wir vertuschen nicht“

Die bayerischen Bischöfe wollen ab sofort bei Missbrauchsfällen enger mit der Staatsanwaltschaft zusammenarbeiten

Vierzehnheiligen (DT) Die Freisinger Bischofskonferenz hat zum Abschluss ihrer Frühjahrsvollversammlung im fränkischen Wallfahrtsort Vierzehnheiligen ihre Entschlossenheit gezeigt, sexuellem Missbrauch oder körperlicher Misshandlung Minderjähriger in kirchlichen Einrichtungen durch striktere Leitlinien entgegenzuwirken. Der Vorsitzende der Freisinger Bischofskonferenz, Erzbischof Reinhard Marx von München, erklärte am Donnerstag, alle bayerischen Bistümer wollten ab sofort in jedem Verdachtsfall die Staatsanwaltschaft einschalten und Opfer zur Zusammenarbeit mit dem Staatsanwalt ermutigen.

Die Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz von 2002 sehen vor, dass bei „Erhärtung eines Verdachts“ eine kirchenrechtliche Voruntersuchung eingeleitet wird sowie „in erwiesenen Fällen“ dem Verdächtigten zur Selbstanzeige geraten wird. Die DBK-Leitlinien sehen darüber hinaus vor, „je nach Sachlage“ die Staatsanwaltschaft zu informieren. Fälle, in denen Opfer eine weitere juristische Strafverfolgung ablehnen, soll aus Sicht der bayerischen Bischöfe künftig die Staatsanwaltschaft prüfen. Der Gesetzgeber habe die Anzeigepflicht bei sexuellen Missbrauchsfällen „bewusst nicht eingeführt“, obwohl er für pädagogische Einrichtungen aktiv werden könnte. Die bayerischen Bischöfe würden eine solche Meldepflicht in allen pädagogischen Einrichtungen begrüßen. Dies sei aber Sache des Gesetzgebers. „Wir vertuschen nicht“, stellte Marx mit Nachdruck fest. Ohne auf Einzelfälle einzugehen räumte er allerdings ein, er wolle „nicht leugnen, dass auch Verantwortliche in der Kirche weggesehen haben“. Eine hundertprozentige Sicherheit werde es auch in Zukunft nicht geben, so der Erzbischof, aber „eine hundertprozentige Anstrengung“.

Die Beschlüsse der bayerischen Bischöfe sollen auch in die Debatte um die Leitlinien der deutschen Bischofskonferenz zum Vorgehen bei sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch Geistliche einfließen. Die Grenzen der bischöflichen Handlungsspielräume mit Blick auf Präventionsmaßnahmen ergeben sich aus Sicht des Münchner Erzbischofs auch aus der noch in den Anfängen steckenden wissenschaftlichen Erforschung pädosexueller Gewalt. „Wir müssen uns auf das verlassen, was uns Fachleute sagen“, so Marx wörtlich.

Marx erinnerte die Journalisten während der Pressekonferenz daran, „dass es auch ihre Aufgabe ist, aufzuklären“. Zugleich bat der Vorsitzende der Freisinger Bischofskonferenz die Berichterstatter, insbesondere bei nicht überprüfbaren Vorwürfen oder anonymen Beschuldigungen mit Informationen achtsam umzugehen, damit Menschen nicht leichtfertig in Verruf gerieten. „Generalverdacht kann kein christlicher Weg sein“, unterstrich der Erzbischof.

Entschieden wandte er sich gegen die „abenteuerliche Konstruktion“, derzufolge ehelos Lebende gefährdeter für Pädophilie seien. Kritische Worte fand Marx auch für „merkwürdige Zweifel“ an der Haltung von Papst Benedikt XVI. zum Vorgehen bei sexuellem Missbrauch Minderjähriger. Der Heilige Vater habe sich mehrfach einschlägig geäußert. Auch wenn kein eigenes Hirtenwort aus Rom zu den Missbrauchsfällen in Deutschland zu erwarten sei, habe das von Benedikt XVI. angekündigte Schreiben an die irischen Bischöfe, das an diesem Samstag veröffentlicht wird, auch für die deutsche Kirche Bedeutung. Schließlich spreche der Papst immer für die ganze Kirche. Marx hob hervor, dass im Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen in Deutschland die Ortsbischöfe die Verantwortung trügen. „Die will ich nicht auf den Papst schieben.“

Ebenfalls nicht zur Debatte stand für die Freisinger Bischofskonferenz während der Frühjahrsvollversammlung eine Zulassung zum Priesteramt für bewährte verheiratete Männer (viri probati), das der Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke unlängst angesprochen hatte. Marx zufolge ist dieses Thema „nicht im Kontext der Missbrauchsdebatte zu diskutieren“. Ausdrücklich appellierte der Erzbischof an die Solidarität der Gläubigen, die Folgen der Untaten „im Gebet und gemeinsamen Leiden“ mitzutragen. Die Bischöfe wollten ihre „moralische Pflicht annehmen“ und auch in Fällen helfen, in denen der Täter bereits verstorben oder zur Unterstützung nicht imstande sei. Dies könne „sicher auch finanzielle Aspekte haben“. In den nächsten Wochen werde über Formen von Entschädigung zu reden sein. Zu Vorschlägen von Politikern aus Union und SPD, die gesetzliche Verjährungsfrist bei sexuellem Missbrauch zu verlängern oder aufzuheben, äußerte sich der Vorsitzende der Freisinger Bischofskonferenz weder zustimmend noch ablehnend. Marx zufolge ist vorerst auch nicht mit einer Stellungnahme der Deutschen Bischofskonferenz zu rechnen. Die Bischöfe rechnen jedoch mit Wortmeldungen von Kirchenrechtlern.

Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick verwies in diesem Zusammenhang auch auf die bisher geltende kirchliche Verjährungsfrist von zehn Jahren, die in der Praxis bereits aufgehoben sei.

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