„Wir sehen den besseren Teil“

Ein Gespräch mit Monsignore Mark Langham vom Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen zum Papstbesuch in Großbritannien Von Claudia Kock

Monsignore Mark Langham ist seit 2008 Sekretär für den Dialog mit Methodisten und Anglikanern im Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen. Er wurde 1990 zum Priester des Erzbistums Westminster geweiht und war von 2001 bis 2008 Verwalter der Kathedrale von Westminster, der katholischen Hauptkirche für England und Wales. In Vorbereitung des Besuchs Papst Benedikts XVI. in Großbritannien beriet er das Vatikanische Staatssekretariat zu Fragen, die die Church of England betreffen. Für den britischen Sender BBC wird er die heilige Messe in der Kathedrale von Westminster, die ökumenische Feier in der Westminster Abbey sowie die Seligsprechung von Kardinal John Henry Newman kommentieren.

Monsignore, als Sie 2008 in den Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen berufen wurden, sagten Sie: „Nie war es so wichtig wie heute, mit anderen Gemeinschaften einen Dialog zu führen und unseren Glauben zu bekennen. Ich freue mich darauf, die herzlichen Beziehungen, die ich während meiner Zeit in der Kathedrale von Westminster zu Anglikanern und Methodisten hatte, weiter ausbauen zu können.“ Waren die beiden letzten Jahre wirklich eine freudige und konstruktive Zeit für den ökumenischen Dialog?

Es war eine wunderbare Zeit für den ökumenischen Dialog. Das heißt nicht, dass es keine Probleme gegeben hat. Besonders in den Beziehungen zur Anglikanischen Gemeinschaft gibt es echte Herausforderungen für den ökumenischen Dialog. Es ist jedoch wunderbar, dass wir durch die Entschlossenheit, den Weg weiterzugehen, und die Freundschaften, die sich gebildet haben, trotz dieser Probleme unsere Beziehungen fortsetzen und ausbauen können. Wir betrachten die Dinge im größeren Rahmen, und so spornt uns der wahre Ruf zur Einheit der Christen auch weiterhin an – trotz der Probleme und Herausforderungen, vor denen wir stehen.

Zur Zeit Ihrer Ernennung befand sich die anglikanische Gemeinschaft auf dem Höhepunkt einer Strukturkrise zwischen dem liberalen und dem konservativen Flügel, besonders in Bezug auf die Frauenordination und die Homo-„Ehe“. Welche Entwicklung hat die Anglikanische Gemeinschaft in den letzten zwei Jahren durchgemacht?

Damals war in der anglikanischen Gemeinschaft der Dialog über diese Fragen sehr aufgeheizt. Der Erzbischof von Canterbury hat sich sehr dafür eingesetzt, die Gemeinschaft zusammenzuhalten und einen Weg zu finden, die verschiedenen Auffassungen unter einen Hut zu bringen. Unsere Aufgabe im Päpstlichen Rat war es immer, den Erzbischof von Canterbury zu unterstützen. So haben wir über die letzten beiden Jahre hinweg die Dinge beobachtet, mit ihm zusammengearbeitet, ihm gegenüber auch schwierige Themen angeschnitten, denn einige Entwicklungen in der Anglikanischen Gemeinschaft stellen für die römisch-katholische Kirche echte Probleme dar. Er weiß, dass wir in aufrichtiger Freundschaft diese Dinge zur Sprache bringen müssen. Und sie haben den Anglikanern geholfen, die Dinge deutlicher zu sehen. Wir haben mit sehr vielen Anglikanern zusammengearbeitet. Ich war als Beobachter bei vielen Treffen dabei. Unser Präsident, Kardinal Kasper, hat durch viele Beiträge unsere Position deutlich gemacht – nicht um zu kritisieren, sondern um den Anglikanern zu helfen, die Konsequenzen bestimmter Verhaltensweisen deutlicher zu erkennen. Es gibt also ernsthafte Probleme innerhalb der Anglikanischen Gemeinschaft, die gelöst werden müssen. Zurzeit sind sie noch lange nicht gelöst. Aber das charakterisiert weder die Anglikanische Gemeinschaft noch unsere Beziehungen. Wir sehen den besseren, den positiven Teil. Das ist sehr wichtig.

In Vorbereitung auf den Papstbesuch in Großbritannien haben Sie das Staatssekretariat des Heiligen Stuhls hinsichtlich der Church of England beraten. Wie sieht die Situation nach dem Motu proprio aus? Hatte es Auswirkungen auf die ökumenischen Beziehungen zur katholischen Kirche?

Das Motu proprio war ein pastorales Angebot an Gruppen und Einzelpersonen, die über ihre Zukunft in der Church of England nachdachten. Die Probleme, die sie zum Nachdenken gebracht haben, sind noch nicht gelöst. Die Entscheidung über weibliche Bischöfe ist noch nicht endgültig gefallen. Die Gesetzgebung geht voran, aber es gibt noch Möglichkeiten, zu einer Einigung zu gelangen. Daher haben Anglikaner, die das Angebot des Motu proprio vielleicht wahrnehmen möchten, noch keine konkreten Schritte unternommen. Es ist eine mögliche Option. Ganz allgemein betrachtet gab es dadurch keine großen Veränderungen in den Beziehungen zwischen Katholiken und Anglikanern in England, da es keine dogmatische Erklärung über die offizielle Beziehung zwischen beiden Gemeinschaften ist, sondern ein pastorales Angebot, das Einzelpersonen und Gruppen helfen soll. Der offizielle Dialog wird fortgesetzt, sowohl hier in Rom als auch in England. Unsere Beziehungen sind ausgezeichnet, weil es – und das wird ein Teil der Botschaft Benedikts XVI. sein – in unserer Gesellschaft viel zu tun gibt; wir müssen es gemeinsam tun.

Nach dem Erscheinen dieses lehramtlichen Dokuments wird jetzt der Papst Großbritannien besuchen. Handelt es sich um eine Pastoralreise oder um einen Staatsbesuch?

Es ist ein Staatsbesuch, denn der Papst kommt auf Einladung Ihrer Majestät der Königin und der Regierung. Im Gegensatz zum Besuch Johannes Pauls II. im Jahre 1982 ist dies ein offizieller Besuch, bei dem offizielle Termine wahrgenommen werden. Der Heilige Vater kommt aber nicht einfach nur als Staatsoberhaupt. Er kommt auch als Hirte mit einem dreifachen Anliegen: Er möchte sich erstens an die britische Gesellschaft wenden und sie ermutigen, über die Rolle des Glaubens nachzudenken. Zweitens möchte er die Katholiken in England, Wales und Schottland besuchen und ihnen zum Glauben und zum Zeugnis Mut machen. Drittens kommt er – vielleicht ist dies sein persönlichstes Anliegen –, um Kardinal John Henry Newman seligzusprechen, einen sehr einflussreichen Theologen des 19. Jahrhunderts, dessen Theologie für Papst Benedikt selbst sehr wichtig ist.

Sie waren sieben Jahre lang in der Kathedrale von Westminster tätig. Im Rahmen des Papstbesuchs werden Sie die dortige Messe sowie die ökumenische Feier in Westminster Abbey und die Seligsprechung von John Henry Newman für die BBC kommentieren. Wie wird der Papst an diesen Orten aufgenommen werden?

Ich glaube, dass man ihn mit großer Begeisterung und Freude aufnehmen, aber auch bereit sein wird, ihm zuzuhören. Eine großartige Eigenschaft von Papst Benedikt ist, dass das, was er sagt, sehr tiefgründig und sehr verständlich ist. Es bringt die Menschen zum Nachdenken. Wenn er zu sprechen beginnt, dann lassen die Menschen alles stehen und liegen und hören ihm zu. Wenn er zur Kathedrale von Westminster, nach Westminster Abbey und Cofton Park in Birmingham kommt, werden die Menschen überrascht sein von dem, was er zu sagen hat; er wird eine große Zuhörerschaft haben.

Es wird auch Proteste geben...

Dass es Proteste geben wird, wissen wir natürlich. Aber wir wissen auch, dass Regierung und Polizei große Sicherheitsvorkehrungen getroffen haben, damit jene, die protestieren – sie haben ein Recht dazu –, nicht diejenigen, die den Papst hören und am Gottesdienst teilnehmen wollen, in Gefahr bringen oder die Gottesdienste stören.

Welche Auswirkungen hat Kardinal Newmans Seligsprechung auf die ökumenischen Beziehungen zwischen Anglikanern und Katholiken? War er nur der Heilige des „zurück nach Rom“ oder ist er auch eine Gestalt, die den Dialog fördern kann?

Das ist eine sehr interessante Frage. Newman war Konvertit; er folgte seinem persönlichen Weg. Er ließ die Vergangenheit bewusst hinter sich und sagte als Katholik einige sehr harsche Dinge über die Church of England. In seiner Autobiografie Apologia pro vita sua, ein großes Meisterwerk, sagt er jedoch, dass er der Church of England stets dankbar sein wird, dass sie ihn ausgebildet und geformt hat. Er erwähnt in diesem Buch anglikanische Theologen und Priester, die ihn beeinflusst und geführt haben und denen er viel verdankt. Er sagt, dass die englischen Katholiken mit der Church of England zusammenarbeiten sollen, um deren Sendung zu unterstützen. Er ist also ein Brückenbauer. Er ging seinen persönlichen Weg, blickte jedoch stets liebevoll auf die Church of England zurück. Es gibt auch noch einen weiteren Aspekt: In der ersten Hälfte seines Lebens, als Anglikaner, trug er zur Entstehung der sogenannten „Oxford-Bewegung“ und der High Church bei. Diese hat die heutige Church of England geprägt. Er hat dazu beigetragen, die katholischen Züge wiederzuentdecken, was uns wiederum befähigt hat, einen Dialog mit der Church of England zu führen und dort viele katholische Züge wiederzufinden. Wenn wir über Maria, über die Sakramente, über die Liturgie sprechen können, so haben wir es teilweise dem zu verdanken, was Kardinal Newman vor etwa 150 Jahren getan hat. Sein Beitrag zur Church of England hat den Dialog sehr fruchtbar gemacht.

Gibt es Hoffnung für die Anglikanische Kommunion? Oder werden immer mehr Anglikaner Newmans Weg „zurück nach Rom“ gehen?

Es wird immer Anglikaner geben, die wie Newman auf der Suche nach der Wahrheit ihrem persönlichen Gewissen folgen und Katholiken werden. Es gibt jedoch auch Katholiken, die Anglikaner werden – die Bewegung geht in beide Richtungen. Meine Hoffnung und mein Gebet sowie unsere Arbeit im Päpstlichen Rat gehen nicht dahin, uns hier und da den einen oder anderen zu schnappen, sondern dahin, dass beide Kirchen zusammenwachsen und eines Tages die volle und sichtbare Einheit zwischen der anglikanischen Gemeinschaft und der ganzen römisch-katholischen Kirche hergestellt sein wird. Das ist unser Ziel. Wenn Einzelne ihrem persönlichen Weg folgen, so ist das von großer Bedeutung; darauf hat auch das Zweite Vatikanische Konzil hingewiesen. Aber es ist etwas anderes als Ökumenismus. Beim Ökumenismus geht es darum, dass zwei Gemeinschaften einen Dialog führen, immer mehr Gemeinsamkeiten entdecken und sich auf dieses Ziel hinbewegen. Dahin geht meine Hoffnung und mein Gebet.

Und wohin geht Ihre Hoffnung und Ihr Gebet in Bezug auf Papst Benedikts Besuch in Großbritannien?

Ich hoffe und bete dafür, dass seine Botschaft angenommen, diskutiert und beherzigt wird. Ich glaube, dass der Papst die Botschaft bringen wird, dass der Glaube einen positiven Beitrag zur Gesellschaft und zum Leben des Einzelnen leisten kann. Der Glaube kann der britischen Gesellschaft zu einem Bewusstsein für Werte, für Recht und Unrecht verhelfen, um einen Lebensstil zu entwickeln, den die Briten leben können, an dem sie freudig, ganzheitlich und rechtmäßig teilhaben können. Ich hoffe, dass diese Botschaft angenommen und beherzigt wird. Und ich glaube, dass dies der Fall sein wird. Das britische Volk hat einen großen Sinn für Gerechtigkeit, und viele Ansichten des Papstes finden ein großes Echo in den Werten der Menschen in Großbritannien. Es wird auch Herausforderungen geben. Das wirkliche Resultat wird jedoch hoffentlich die Erkenntnis sein, dass der Glaube einen positiven Beitrag leistet zum Aufbau der Gesellschaft, in der wir leben wollen.

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