Wie der Reformator wirklich war

Ringen um das Lutherbild: Osterakademie des Kardinal-von-Galen-Kreises in Kevelaer wirft einen Blick auf 2017. Von Doris de Boer
Luther Denkmal in Wittenberg
Foto: dpa | Der Lutherübersetzung der Heiligen Schrift sind in evangelischen Kreisen andere Übersetzungsversuche gefolgt. Was der Reformator wirklich wollte ist nicht immer so offensichtlich wie sein Denkmal in Wittenberg.

Kevelaer (DT) 2017 jährt sich die Kirchenspaltung durch Luther zum 500. Mal. Die evangelische Kirche Deutschlands begeht das große Reformationsjubiläum in einer Lutherdekade, die durch vielfältige Veranstaltungen an den deutschen Reformator erinnert. Doch ist das Jubiläum einer Kirchenspaltung ein Grund zu feiern? Was für ein Mensch war Martin Luther? Was machte ihn und sein Denken aus? Diesen Fragen widmete sich die 21. Osterakademie in Kevelaer.

Der Historiker und Bestsellerautor Michael Hesemann nahm in seinem Einführungsvortrag das Leben des Reformators kritisch in den Blick. Als Ältester von neun Kindern habe Martin Luther in seinem Elternhaus oft Gewalt und Jähzorn erfahren. In einem Brief an seinen Beichtvater bekannte er, seit seiner Jugend der Völlerei, Trunkenheit, Hurerei erlegen zu sein und Wollust, Hass, Zorn und Neid nie überwunden zu haben. Nachdem er im Duell einen Kommilitonen tödlich verletzt habe, habe er sich zum Schutz vor Strafverfolgung ins Kloster der Erfurter Augustiner-Eremiten gerettet. Im Kloster selbst hätten ihn schwere Gewissensbisse und Depressionen geplagt, bis er beim sogenannten „Turmerlebnis“ den Durchbruch zu seiner Rechtfertigungslehre vollzog. Am 31. Oktober 1517 sandte er einen Brief mit seinen Ablassthesen an Erzbischof Albrecht von Mainz. Gewiss, so Hesemann, war die damalige Ablasspraxis kritikwürdig, doch schuf Luther, statt die Kirche zu reformieren, eine neue Lehre. Luther sei später zunehmend in pathologische Selbstüberschätzung verfallen und als innerlich tief zerrissener, von Schuldgefühlen geprägter Mensch gestorben. Luther hätte aber, so Hesemann, auch die Reinigung und Heiligung der katholischen Kirche in der Folgezeit bewirkt. Das kommende Jubiläum könne dazu beitragen, sich auf Luther als Impulsgeber und suchenden Menschen zu besinnen, aber es sei dringend geboten, ihn zu entmythologisieren und zu entmystifizieren.

Ein ähnlich negatives Urteil über Martin Luther vertrat die Philosophin Alma von Stockhausen. Die Gründerin der Gustav-Siewerth-Akademie stellte in ihrem Vortrag die These auf, dass Luthers Theologie nichts anderes sei als eine Anpassung an seine sündhaften Leidenschaften. Auch sie erwähnte Zeugnisse für einen versehentlichen Totschlag Martin Luthers während eines Duells, der ihn zum Klostereintritt gezwungen hätte. Im Kloster hätte Luther für sich die Lösung gefunden, dass Gott an dem Tod schuld sei, denn der Mensch sei unfrei, Gott allein sei frei, zudem allmächtig und allwissend. „Nehmen wir Abschied von Luther und seiner Theologie, die nichts anderes ist als eine Metapsychologie, eine Selbstrechtfertigung seiner bösen Leidenschaften“, folgerte sie.

Dass Luthers Klostereintritt dagegen aus echter Berufung geschah, diese These vertrat der Historiker Harm Klueting, der selbst Konvertit ist. Er kennzeichnete Luther als katholischen Reformer, der vor allem in der Observanzbewegung seines Ordens, den Augustiner-Eremiten, engagiert gewesen sei. Sein Ordenseintritt 1505 sei ernst zu nehmen. Erst mit der Leipziger Disputation von 1519 sei der endgültige Bruch erfolgt. Die Reformation sei, so Klueting, „eine aus dem Ruder gelaufene Ordensreform“.

Das Spezifische der Theologie Luthers arbeitete der Neutestamentler Klaus Berger anhand eines Vergleichs der Römerbriefkommentare von Luther und Wilhelm von St. Thierry (+ 1131) heraus. Während Wilhelm in diesem „schönsten, meditativsten Römerkommentar des Mittelalters“ die Freiheit des Menschen und die Liebe zwischen Gott und Mensch wunderbar herausgearbeitet hätte, fehle, so Berger, in Luthers Auslegung die Freiheit des menschlichen Willens, die Dimension der Liebe zwischen Gott und Mensch sowie eine Einbettung in die Kirche fast ganz.

„Die Dimension der Liebe fehlt bei Luther völlig“ – zu diesem Urteil kam auch Rudolf Kaschewsky. Der Experte für den Theologen Paul Hacker (1913–1979), der als Konvertit ein eigenes Buch über Luther herausgab, kennzeichnete Luthers Glauben als reflexiv, er führe ohne Einbettung in die Kirche zu einer Subjektivierung und Individualisierung, sowie zu einer Säkularisierung, da bei einem Bezug auf sich selbst eine Ausrichtung auf die Dimension des Übernatürlichen überflüssig sei. Diese „Austreibung der Dimension der Liebe“ sei Hacker zufolge eine Folge der einseitigen Lehre Luthers über die Rechtfertigung, die allein durch Gott ohne Mitwirkung des Menschen erfolge.

Die Rechtfertigungslehre Luthers verdeutlichte auch der Dogmatiker Manfred Hauke. Diese mache das Zentrum seiner Theologie aus. Gott allein sei aktiv, indem er uns seine Gnade anrechne, jede menschliche Mitwirkung jedoch lehnte Luther ab.

Ähnlich der Rechtfertigungslehre wurde auch die Gnadenlehre Luthers als einseitig herausgestellt. Pfarrer Josef Wieneke führte dies anhand der Magnifikatauslegung bei Luther aus. Maria sei nach Luther ein rührendes junges Mädchen ohne eigene Heiligkeit und ohne eigene Verdienste. Zwar käme Luther immer wieder auf Maria zurück; ein Gebet Martin Luthers an Maria sei auch im neuen Gotteslob gelandet (Nr. 10, 3), doch sei Luthers Verständnis von Maria so grundverschieden vom katholischen Verständnis, dass Wieneke Luthers Ausführungen über Maria nicht als Brücke zwischen den Konfessionen wertete.

Einige dunkle Seiten Luthers als Gewaltprediger erwähnte Peter Bruns in Luthers Urteil über den Islam. Der Bamberger Kirchengeschichtler betonte, dass Luthers Bild des Islam nicht aus eigenem Urteil, sondern nur durch die apologetische Tradition geprägt war. Luther kam daraus zum Schluss, dass nicht nur der Papst der Antichrist sei, sondern auch der Türke, den er mit dem Islam identifizierte. Allah sei ein Abgott, den der Christ durch ständiges Gebet vom Thron zu stürzen habe, der Islam stehe für Lüge, Mord und Vielehe und sei als Häresie notfalls mit Gewalt zu bekämpfen.

In acht verschiedenen Vorträgen erhielten die Teilnehmer teils sich widersprechende Thesen und Theorien über die Person und Lehre Luthers. In engagierten Diskussionen konnten einige Divergenzen geklärt werden, etwa die Einsicht, dass die heute lutherische Theologie in vielen Punkten nicht mit der Theologie Luthers identisch sei. Einigkeit herrschte jedoch darin, dass ein Spaltungsjubiläum kein Anlass zum Feiern sein könne und das bevorstehende Lutherjahr 2017 eher zur Besinnung als zum Jubilieren einladen müsse.

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