Wider ein „Christentum light“

Was der Regensburger Bischof Georg Michael Wittmann dem Klerus riet, zeigt eine Edition seiner geistlichen Werke. Von Alexander Ertl

Drei Priester in Soutane, die in der römischen Hitze durch die Ewige Stadt schreiten. Da die Sonne sehr stark scheint, kneift einer von ihnen seine Augen zu. Zugegeben, eine recht eigenwillige Erscheinung für sicherlich viele Menschen jenseits der Alpen. Dieses Titelbild und die Tatsache, dass der Autor der in diesem Band versammelten Beiträge von 1760 bis 1833 lebte, mögen diesem Buch vermutlich nur einen kleinen Leserkreis bescheren. Dies wäre allerdings überaus bedauerlich, zeugen Georg Michael Wittmanns Schriften doch von seiner hohen Bildung und gleichermaßen tiefen Spiritualität. Er war zwar nur kurz (von 1832 bis zu seinem Tode) Bischof von Regensburg, prägte aber das Bistum doch ungemein, in besonderer Weise natürlich als Beichtvater der seligen Maria Theresia Gerhardinger, der Gründerin der Armen Schulschwestern, und als Regens des örtlichen Priesterseminars, wo er ganze Generationen von Priesteramtskandidaten prägte und zum Weihealtar hinführen durfte.

Wittmann war aber nicht nur der fromme Beter, als den man ihn gerne darstellt, sondern auch ein ausgezeichneter Kenner der orientalischen Sprachen. In seinen hier veröffentlichten Exerzitienvorträgen werden aber ebenso seine profunden Kenntnisse von der Astronomie bis hin zur Zoologie offenbar. Doch all das ist für den Seelsorger Wittmann nur Rüstzeug, um seine Zöglinge und den Regensburger Klerus für die Herausforderungen des priesterlichen Wirkens zu wappnen. Viel zu oft wurde zwischen Wittmanns Vorgänger, Bischof Michael Sailer und ihm ein Gegensatz aufgebaut, der aber so nicht zu halten ist. Der Pastoraltheologe Konrad Baumgartner spricht etwa davon, dass Sailer ein großer Theologe gewesen sei, der Heilige aber sei Wittmann gewesen. Der vorliegende Band räumt mit dem Mythos der Konkurrenz der beiden Kirchenmänner auf, denn es finden sich hier auch einige Einleitungen und Vorträge Sailers, die die tiefe Verbundenheit beider Gelehrten bezeugen.

Dass der Name Wittmann heute kaum mehr bekannt ist, ist umso tragischer. Das Verdienst der Abteilung für Selig- und Heiligsprechungsprozesse beim Bischöflichen Konsistorium Regensburg kann daher nicht hoch genug geschätzt werden. In mühevoller Kleinstarbeit haben Monsignore Georg Schwager und sein Mitarbeiter Matthias Waldmann die beinahe zweihundert Jahre alten Schriften Wittmanns durchgesehen und nun in einer vorzüglichen und äußerst preiswerten Ausgabe der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. In der Einleitung nennt Prälat Ludwig Mödl Wittmann eine „partielle Leitfigur für uns Priester (…). Denn Wittmann war ein Kirchen-Mann, der in Furcht und Zittern die Gott-Wirklichkeit in seine Welt hineinzutragen suchte.“

Furcht ist allerdings nicht Aberglaube oder gar Ängstlichkeit Gott gegenüber, sondern Ehrfurcht. Und so legt Wittmann in seinen Beiträgen den Finger in die Wunde. Er verachtet geradezu ein „Christentum light“. In einem Vortrag an die neuen Seminaristen stellt er 1817 fest, dass es unter den Geistlichen auch solche gebe, „die es nicht mit dem Evangelium oder nicht mit der Kirche halten. Sie tadeln das Breviergebet, das Zölibat, billigen das Kaffeetrinken vor dem Messelesen et cetera Solche falschen Mitbrüder um uns werden es uns sauer machen, wenn wir sagen wollen: Nein, da halte ich's nicht mit!“ Kommt uns das nicht bekannt vor? Ein weiteres Beispiel: „Kruzifixbilder werden aus den Wohnungen weggeräumt. Man schämt sich des Gekreuzigten.“ Verschämtes Christentum, soviel ist klar, darf es nach Wittmann nicht geben.

Seine auch philologisch exakten Darlegungen lassen sein Schreiben über den Nutzen des Breviergebets als einen wahren Hymnus auf die Psalmen erscheinen. Ebenso sind seine Überlegungen zum geistlichen Gewand nach wie vor aktuell. Der Priester, so Wittmann, müsse schließlich auch in der Öffentlichkeit Zeugnis für Christus ablegen, ganz besonders in einer Welt, die Christi so sehr bedarf. Wer das als Priester, aber auch als Laie verstehe, der wird die priesterlichen Identitätsmarker Soutane und Kollarhemd bestimmt nicht mehr als „erzkonservative Symbole“ verschreien. Wittmann verlangte vom Priester nichts weniger als eine vollkommene Christusfrömmigkeit. Die Ratschläge, die er erteilt, lesen sich deshalb aus heutiger Sicht sehr streng, dabei vernachlässigte Wittmann aber auch nicht, mit Nachdruck auf die Bedeutung der Botschaft von Umkehr und Vergebung hinzuweisen.

Bedeutsam erscheint auch die Unterscheidung zweier „Priestergattungen“. Auf der einen Seite gibt es nämlich die „geistlich-geistlichen“, deren Lebensart und Verkündigung sich mit der kirchlichen Lehre und Dogmatik deckt. Andererseits gibt es aber auch den Typus des „welt-geistlichen“ Klerikers, der verweltlichte Priester, vor dem Wittmann mit sehr eindringlichen Worten warnt. Auf der Kanzel und in der Schule möchte dieser im Mittelpunkt stehen, die Armen aber findet dieser Geistliche „ekelhaft und liederlich“, er ergibt sich „entweder dem Wohlleben oder der Ehrgierde“. Papst Benedikts Erbe von der „Entweltlichung der Kirche“ findet hier seinen Vorläufer.

Die Herausgeber zeigen ein durchaus „faszinierendes Priestertum“, dessen kluge Gedanken von zeitlos gültiger Wahrheit leuchten. Monsignore Schwager, einer der Herausgeber, nennt im Gespräch mit dieser Zeitung die wesentliche Einsicht, die Wittmann zu vermitteln versuchte: „Ohne lautere, echte Christusverbundenheit gibt es kein fruchtbares priesterliches Wirken, deshalb ist Wittmann so ein großer und vorbildhafter Kirchenmann.“ Ein Buch, nicht nur für Priester und Seminaristen.

Georg F. X. Schwager, Matthias Waldmann (Hrsg.): Faszinierendes Priestertum. Eine Sammlung geistlicher Werke des Bischofs Georg Michael Wittmann. Patrimonium-Verlag, Heimbach/Eifel 2016, ISBN: 978-3-86417-054-6, 352 Seiten, EUR 19,40

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