Wider die Überschätzung Luthers

Wie Kardinal Walter Kaspers Schrift über den deutschen Reformator und die Ökumene einzuordnen ist. Von Klaus Berger
Foto: dpa | In Luthers Namen ist derzeit vieles vorstellbar, woran der Reformator nicht im Traum gedacht hätte: Der stilisierte Luther samt Thesen-Chat per Smartphone ist dafür ein Beispiel.

Am Ende ist der verehrte Kardinal doch wohl eher ratlos. Das vor allem ist das Resultat, wenn sich der vergleichsweise weiche schwäbisch-katholische Ökumenismus an dem zerklüfteten Felsgestein namens Martin Luther bricht. Pünktlich zum Luther-Jubiläum hat der frühere Ökumene-Kardinal ein Büchlein zu Luther vorgelegt: „Martin Luther. Eine ökumenische Perspektive“, kleinformatig, knapp 94 Seiten, groß und mit weitem Zeilenabstand gedruckt und so vor allem für Alte und Ältere mit abnehmendem Sehvermögen gut und in einer Stunde lesbar. Die gewisse Ratlosigkeit bezieht sich vor allem auf die Grundfrage, warum überhaupt Kircheneinheit sein soll – geschweige denn, wie sie aussehen soll.

Der Leser behält in Erinnerung, dass sich der Kardinal vor allem an das Modell des Polyeders von Papst Franziskus anschließen möchte. Laut Google ist Polyeder „ein von mindestens drei ebenen Flächen begrenzter dreidimensionaler Körper“. Über die Mitte des Polyeders sagt Kardinal Kasper nichts, denn die ist nach reformatorischem Kirchenverständnis ohnehin verborgen, und wohl eben deshalb solle man bei Luther die Mystik würdigen. Der Kardinal schwärmt in diesem Sinne weiter von der „versöhnten Verschiedenheit“, wobei nicht gesagt wird, was im Laufe der Jahre gegen dieses schwer verständliche Begriffsmonster eingewandt wurde. Wenn zum Beispiel der eine den Papst für Christi Stellvertreter auf Erden hält, der andere aber – was es leider immer noch gibt – für den leibhaftigen Antichristen, wo ist da die versöhnte Verschiedenheit?

Seine konkrete Hoffnung setzt der Kardinal und frühere Dogmatik-Professor auf ein von Bedford-Strohm, dem deutschen EKD-Ratsvorsitzenden, vorgeschlagenes Christusfest der Konfessionen. Was auch immer das sein soll – es bleibt nur zu hoffen, dass es jedenfalls nicht stattfindet. Denn angesichts der Spaltung der Konfessionen ist das zugehörige Christusbild das des verhöhnten und blutüberströmten gequälten Jesus. Und jedes Sichtbarmachen der Glaubensspaltung ist nur voyeuristisches Wühlen in den Wunden des Leibes Christi. Denn was vor allem fehlt, ist ein auch nur halbwegs stabiler Ansprechpartner für Beiträge zur Ökumene.

Und was Luther selbst betrifft, von dem dieses Büchlein eigentlich handelt: Er hätte mit ziemlicher Sicherheit den Begriff des Polyeders ebenso verworfen wie die „versöhnte Verschiedenheit“. Vorstellbar ist lediglich, dass er angesichts dessen, was sich lutherisch nennt, nur weinen, klagen und sich die Haare raufen kann. Vor allem aber ist der außerhalb der Kirche eingerissene grenzenlose Missbrauch seines Begriffs von Freiheit nur als Unverschämtheit zu bezeichnen.

Offenbar, um die konfessionellen Differenzen zu nivellieren (und so die Einheit zu fördern?), dreht der Kardinal an zwei wichtigen katholischen Stellschrauben. Zum einen behauptet er, das katholische Kirchenverständnis sei eigentlich bis zum Tridentinum inklusive noch nicht wirklich ausgebildet worden. Und eben daher noch ganz offen. Zu diesem Urteil kann man kommen, wenn man seine Bildung in diesem Falle in einem gewissen und zu kritisierenden Übermaß aus den überdeutlich ideologischen Kommentaren zum Neuen Testament seitens des älteren und neueren Protestantismus gewinnt. Es ist zu empfehlen, hier vor allem ideologiekritisch anzusetzen. Und zum anderen: Martin Luther hat – trotz seiner unübersehbaren Größe als Übersetzer und Liederdichter – die Barmherzigkeit und die Gnade Gottes nicht „entdeckt“. Die erzkatholischen Wurzeln aller Rechtfertigungslehre hat Luther den in seinem Orden hoch geschätzten Bernhard von Clairvaux und Augustinus zu verdanken, die Kardinal Kasper in einem Halbsatz auch nennt. Nun haben diese beiden Autoritäten außer über Gnade auch über Kirche jede Menge Wichtiges gesagt. Das betrifft nicht nur sie, sondern auch den Freund des heiligen Bernhard, Wilhelm von St. Thierry, der mit seinem liebenswerten Römerbrief-Kommentar von 1131 Luther weit voraus ist und ihn links hätte überholen können, wären die Straßen in der Kirchengeschichte zweispurig. Auch Wilhelm von St. Thierry klagt bereits mit erstaunlichem Freimut über unnütze Prälaten, ähnlich wie sein noch radikalerer Ordensbruder Joachim von Fiore. Anzusetzen wäre also bei der Frage, welche Voraussetzungen und Folgen hinsichtlich des Kirchenbildes die Rechtfertigung schon beim Apostel Paulus besitzt.

Gegen Ende seine Büchleins schreibt der Kardinal: „Wir sind 2017 nicht mehr wie nach 1517 auf dem Weg zur Trennung, sondern auf dem Weg zur Einheit“. Richtig ist daran der Vorschlag, den Benedikt XVI. in Erfurt den Protestanten machte: „Lest Luther!“ Doch freilich gibt es einen Sog, der immer weiter von Luther wegführt: Und zum Beispiel ein kirchenloses Evangelium – das geht gar nicht.

Bei Gesprächen mit katholischen Pfarrern ist häufig zu hören, das Interesse ihrer Gemeinden an „Ökumene“ tendiere gegen Null. Betroffen davon seien auch viele eher ideologieverdächtige Moden der 70er und 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Die Pfarrer erklären: Unsere Katholiken wollen schlicht und einfach „katholisch“ sein. Ohne Zweifel: Es gibt hier neue Bewegung. Nach meinem Eindruck kommt die Einheit der Christen nicht durch immer neue theologische Papiere zustande, sondern mutmaßlich durch konkludentes Handeln großer Heiliger wie zum Beispiel der heiligen Brigitta. Omnes sancti et sanctae Dei orate pro nobis!

Walter Kardinal Kasper: Martin Luther. Eine ökumenische Perspektive. Patmos, 96 Seiten, 2016, ISBN: 978-3843607698, EUR 8,–

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