Wider die Überinterpreten

Der Neutestamentler Klaus Berger entschärft mit seinem Buch über die Bibel und ihre philosophischen Feinde das Minenfeld der modernen Exegese. Von Clemens Schlip
Foto: KNA | Der Engel vor dem leeren Grab, dargestellt im Perikopenbuch Heinrichs II. – manche liberalen Theologen stolpern beim Lesen der Heiligen Schrift über beides.
Foto: KNA | Der Engel vor dem leeren Grab, dargestellt im Perikopenbuch Heinrichs II. – manche liberalen Theologen stolpern beim Lesen der Heiligen Schrift über beides.

Man kennt die Umfragen, nach denen bestimmte Grundwahrheiten der christlichen Religion nur noch von einer Minderheit der formalen Kirchenmitglieder in Deutschland geglaubt werden. Dazu gehört beispielsweise die Auferstehung Christi von den Toten.

Dafür sind verschiedene Faktoren verantwortlich. Ein wesentlicher Grund liegt jedoch sicher in dem geistigen Klima der theologischen Fakultäten, das nicht zuletzt auf den Religionsunterricht ausstrahlt. Dabei ist vor allem an den dort eingeübten Umgang mit den biblischen Texten zu denken.

So ist die Behauptung, dass Jesus nicht in Bethlehem geboren wurde, zu einer Art Gemeinplatz geworden. Dann ist das Weihnachtsevangelium nach Lukas allerdings eine große Lüge. Die Frage nach der historischen Faktizität des leeren Grabes wird beiseite geschoben und stattdessen betont, dass die Apostel eine faszinierende religiöse Erfahrung machten. Auf diese Weise verwandeln sich weite Strecken der neutestamentlichen Berichte in erbauliche Märchen. Wenn aber die Evangelien keinen historischen Wert haben, warum sollte man ihnen dann vertrauen? Kein Zweifel: Die Krise des Glaubens resultiert nicht zuletzt aus einer Krise der neutestamentlichen Exegese.

„Das Buch legt einen deutlichen Schwerpunkt auf die evangelische Theologie“

Der Neutestamentler Klaus Berger, langjähriger Autor dieser Zeitung, hat sich dieses Problemfeldes schon öfters angenommen. Sein hier vorzustellendes Buch „Die Bibel und ihre philosophischen Feinde“ ist eine überarbeitete Neuauflage der 1986 erschienenen Studie „Exegese und Philosophie“. Der frühere, weniger polemische Titel, wurde dem Inhalt des Buches weit besser gerecht. Die Neuauflage bildet Band 1 der Reihe „Studium der Theologie“ des in der Trappisten-Abtei Mariawald in der Eiffel ansässigen Patrimonium-Verlags. Das Buch legt einen deutlichen Schwerpunkt auf die evangelische Theologie. Da die dort im 19. und frühen 20. Jahrhundert entwickelten Modelle sich gerade in den letzten Jahrzehnten auch in der katholischen Theologie explosionsartig ausgebreitet haben, findet man hier die Ursachen für so manche Krankheitserscheinung nicht nur der evangelischen, sondern auch eines Teils der katholischen Verkündigung unserer Tage. Das in einem sehr wissenschaftlichen Stil abgefasste Buch setzt beim Leser gute philosophische Grundkenntnisse voraus.

Berger zeigt, mit welchen ideologischen Vorannahmen einige exemplarisch ausgewählte wirkmächtige protestantische Exegeten an die Schrifttexte herantraten. Die fünf ausgewählten Theologen standen jeweils in engem persönlichen Kontakt mit Philosophen ihrer Zeit oder beschäftigten sich zumindest intensiv mit deren Werken. Berger stellt dar, wie auf diesem Wege bestimmte philosophische Denkmodelle ihren Einzug in die Exegese hielten und zur Verdunklung der christlichen Botschaft beitrugen. Bei den von ihm vorgestellten theologisch-philosophischen „Gruppen“ handelt sich um 1. Ferdinand Christian Bauer, Schelling und Hegel; 2. David Friedrich Strauß und Georg Wilhelm Friedrich Hegel; 3. Franz Overbeck und Friedrich Nietzsche; 4. Wilhelm Bousset, Thomas Carlyle und Jakob Friedrich Fries; 5. Rudolf Bultmann und Martin Heidegger. Die Einflüsse werden auch durch Graphiken, die den Ideentransfer illustrieren, und durch tabellarische Biografien augenfällig gemacht.

Die Methode des Buches lässt sich gut am Bultmann-Kapitel demonstrieren. Bultmann, der Vertreter der „Entmythologisierung des Christentums“, stand in den 1920ern in Marburg mit Heidegger in engem persönlichen Verkehr. Der Theologe übernahm von dem Existenzphilosophen Heidegger Teile seiner Terminologie. Berger kann zeigen, wie die Übernahme Heideggerscher Denkkategorien bei Bultmann zum Beispiel zu Überinterpretationen des Johannesevangeliums führte. Als grundlegendes Problem arbeitet Berger in seinem Buch besonders bei Bultmann heraus, dass dieser den Glauben von der Historie trennte. Bei Bultmann muss der Glaube „sich nicht auf historische Einzeltatsachen der Vergangenheit stützen, besteht nicht in der Annahme, dass dieses oder jenes Ereignis sich so zugetragen habe, wie es die Schrift berichtet“. Dieses Denkmuster liegt ja tatsächlich vielen zeitgenössischen Verkündigungen der christlichen Botschaft zugrunde, etwa wenn die Frage, ob das Grab Christi am Ostermorgen tatsächlich leer war, als irrelevant beiseite geschoben wird. So geistreich und intellektuell hochstehend sich eine solche Verkündigung auch geben mag, sie ist kontraintuitiv, unlogisch und widerspricht dem gesunden Menschenverstand. Die schon rein numerisch an der Zahl der Kirchenaustritte festzumachende Erosion des Christentums belegt alleine schon den mangelnden Erfolg einer solchen liberalen Theologie.

Dabei ist hier wie in den übrigen Kapiteln bemerkenswert, dass Berger nicht einfach nur kritisiert, sondern auch auf positive und tatsächlich weiterführende Aspekte im Vorgehen der vorgestellten Exegeten hinweist und sie teilweise gegen mögliche Vorwürfe auch in Schutz nimmt.

Fragwürdige Aspekte werden jedoch deutlich herausgearbeitet. Das gelingt besonders gut im Kapitel über David Friedrich Strauß, als dessen Hauptfehler unter anderem sein mangelnder Sinn für Geschichte und sein unkritischer Anschluss an ein „modernes“ Wissenschaftsverständnis herausgearbeitet wird.

In seinem zusammenfassenden Schlusskapitel plädiert Berger überzeugend gegen unangemessene Aktualisierungen der christlichen Botschaft und gegen manche Engführungen der üblichen historisch-kritischen Exegese. Bei aller Kritik an den Modernen grenzt Berger sich zugleich deutlich von einer fundamentalistischen Exegese ab.

Mit Blick auf die „neuen Atheisten“ und den in seinen koranischen Überzeugungen innerlich unangefochtenen Islam macht Berger im Vorwort dieser überarbeiteten Neuauflage darauf aufmerksam, wie sehr die moderne Exegese die Position des Christentums zur Freude seiner Feinde geschwächt und es innerlich wehrlos gemacht hat: „Wie dankbar sind alle Gegner doch der historisch-kritischen Exegese, weil sie an den Wurzeln nahezu aller Bäume Sprengladungen angebracht hat.“ Zumindest einige davon kann Berger in diesem lehrreichen und klugen Buch entschärfen.

Klaus Berger: Die Bibel und ihre philosophischen Feinde. Patrimonium-Verlag in der Verlagsgruppe Mainz, Aachen 2015, ISBN 978-3-86417-037-9, 231 Seiten, EUR 14,80

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