Wider die Profanierung des Heiligen

Die Internationale Theologische Sommerakademie in Aigen nahm das Sakrale in Kirche und Liturgie in den Blick. Von Ignaz Steinwender

Aigen (DT) Zum 28. Mal trafen sich Ende August im oberösterreichischen Aigen im Mühlviertel Laien, Priester und Referenten zur Internationalen Theologischen Sommerakademie. Im Mittelpunkt der Akademie, der Referate, Diskussionen, aber auch von Gebet und Liturgie, standen das Heilige und die Gottesfrucht.

Der in Eichstätt lehrende Neutestamentler Lothar Wehr ging auf den heidnischen, mittelplatonischen Philosophen Plutarch ein, der die wahre Gottesfurcht zwischen dem Aberglauben als krankhafter Angst vor den Göttern und dem Atheismus, der Leugnung der Götter, ansiedelte. Die Angst beruhe auf dem falschen Urteil, dass es kein seliges, unzerstörbares Leben gebe sowie auf der Unempfindlichkeit gegenüber dem Göttlichen. Wehr erläuterte die Gottesfurcht und die Kategorie des Heiligen bei Paulus, der die Athener ironisch als gottesfürchtig gelobt und den Römern geschrieben habe, sie seien nicht mehr der Sklaverei unterworfen, sondern hätten den Geist der Sohnschaft, sodass sie sich nicht mehr fürchten müssten. Christen seien nach Paulus ein Tempel Gottes, geheiligt und heilig, weil sie an der Heiligkeit Gottes Anteil hätten. Das Ziel sei, dieser Heiligkeit im Leben zu entsprechen, das, was man ist, zu werden. Wehr betonte die Wichtigkeit einer vernünftigen Durchdringung des Glaubens und ein Gottesbild, das von Grundvertrauen bestimmt ist. Der Gläubige versuche nicht, Gott durch magische Praktiken zu beherrschen, sondern gebe sich in seine Hand.

Der Kunstgeschichtler Peter Hawel befasste sich mit theologischen Aspekten des Kirchenraumes. Gott habe sich bestimmten Personen zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten geoffenbart. Er unterstrich die Bedeutung des Kirchenraumes, der helfe, auf das Künftige, auf das „auf uns Zukommende“ zu verweisen. Die Liturgie im Kirchenraum müsse eine Verbindung von Irdischem und Himmlischem schaffen und helfen, das Erlösungswerk zu vergegenwärtigen. Hawel führte aus, dass man in der Aufklärung alles, was nicht unter die Rubrik des Verstandes fällt, entfernen wollte, man habe sich dann in das romantisch muffige Heiligtum zurückgezogen. Im 19. Jahrhundert habe sich die Kirche stark auf das Soziale zurückgezogen, das Kontemplative sei zurückgedrängt worden. Diese Entwicklung sei nicht geeignet gewesen, das Religiöse zu tragen. Zur modernen Architektur sagte er kritisch, Räume mit religiöser Stimmung seien noch keine sakralen Räume. Es müsse gelingen, Zeichen, Sinnbilder zu finden, die auf das Heilige verweisen. Der frühere CDU-Politiker und in Heiligenkreuz lehrende Philosophieprofessor Christoph Böhr versuchte eine Fundierung des christlichen Sacrum aus philosophischer Sicht. Er unterschied zwischen dem Heiligen als Person (Sanctus) und dem Heiligen (Sacrum). Das Heilige werde als „Momentum numinosum“ und „Mysterium tremendum“ erfahren. Als Unantastbares sei es Geheimnis, das man nicht aufklären könne. Durch das Christentum habe sich das Verhältnis von Sakralität und Profanität geändert, so Böhr. Das Profane sei nicht ein Unwert, sondern eben weltlich. Sakralität und Profanität stünden sich gegenüber und nicht in einem Verhältnis der Über- und Unterordnung. Daher sei das Wort Säkularität relativ neu und eine Schöpfung der christlichen Theologie. Die säkulare Ordnung der Gesellschaft ruhe auf der religiösen Grundlage der christlichen Anthropologie. Das Christentum sakralisiere den Menschen, insofern dieser Anteil an der neuen Schöpfung Christi habe.

Das Christentum habe die Innerlichkeit des Menschen entdeckt. Der Zugang zur Heiligkeit finde sich in der Innerlichkeit, im Gewissen des Menschen. Es sei eine entscheidende Frage, was uns als heilig zu gelten habe. Wenn das Sacrum sich profaniere, dann verliere es sich selbst. Wenn das Profane sakralisiert werde, dann würden wir in die pagane, vorchristliche Welt zurückfallen. Der Versuch, Profanes zu sakralisieren, trete heute etwa in der „Moralpolitik“, der Verwischung von Politik und Moral, zutage. Um der Rettung beider willen, der Sakralität wie der Profanität, dürfe man den Unterschied nicht verwischen.

Der in Frankfurt lehrende Michael Schneider brachte das Tagungsthema aus dem Blickwinkel der östlichen Christenheit zur Sprache, indem er auf die Jakobusliturgie einging und auf die Verehrung der Gottesgebärerin im Hymnos Akathistos. Im alltäglichen Leben drücke sich die Gottesfurcht vor allem in Weihe- und Segenshandlungen, in der ausgeprägten Praxis des Fastens, der gelebten Hauskirche, in der Würdigkeit des Kommunionempfanges und in der Beziehung zum geistlichen Vater aus. Ein leidenschaftliches Plädoyer für die Musica Sacra hielt der Liturgiewissenschaftler Gabriel Steinschulte aus Bad Honnef. Er kritisierte Rahner und Vorgrimler, die im Konzilskommentar Weisungen des Konzils gegenteilig und im Sinne einer Einengung der „participatio actuosa“ interpretiert hätten. Die Musica Sacra der römisch-katholischen Kirche stehe am Scheideweg: Die Kontinuität sei „entgegen der Macht eines fiebernden Zeitgeistes in Gremien und Publizistik bewahrt worden“, aber das weit verbreitete Verständnis und der Vollzug der Wirklichkeit seien noch immer „von Verwirrung und kulturellem wie sakralem Kahlschlag“ geprägt. Steinschulte plädierte für ein „Zurück zu einer theozentrischen Liturgie mit einem eucharistischen Glaubensfeuer“ und schloss mit den Worten: „Die heilige Musik war, ist und bleibt das nicht materielle, aber sinnenhaft wahrnehmbare Einfallstor des Heiligen Geistes. Durch Sein Wirken und nur durch Sein Wirken erhält und verdient sie die Bezeichnung ,sacra‘.“

Weihbischof Athanasius Schneider aus Kasachstan zeigte klare Prinzipien der Liturgie auf. Er sprach davon, dass wir gegenwärtig „das liturgische Exil von Avignon“ durchschreiten würden. Weisungen des Zweiten Vatikanischen Konzils, wie die Forderung, dass das Heilige in der Liturgie mehr zum Ausdruck gebracht werden soll, werde nicht entsprochen. Jedes Wort und jede Geste sollten streng theologisch sein, die Reinheit des Glaubens ausdrücken und Gott die Ehre geben. Die liturgische Praxis der Kirche müsse sich immer am Geist und an der Norm der Kirchenväter messen lassen. „Wir sind zuerst Diener Gottes, wir müssen uns frei machen von Menschenfurcht und dürfen nicht zulassen, dass unser Gott und Heiland gedemütigt wird.“ In seiner Predigt ermutige Weihbischof Schneider zur Treue im Glauben. Er zitierte Chesterton, der sagte, dass die Kirche die einzige Wirklichkeit sei, die den Menschen von der erniedrigenden Sklaverei befreie, ein Kind seiner Zeit sein zu müssen. Den Abschluss der Tagung bildete der Rektor der Hochschule Heiligenkreuz, Pater Karl Wallner mit einem fulminanten Referat, in dem er Wechselbeziehungen aufzeigte zwischen der Profanisierung des Heiligen in Liturgie, Kunst und Architektur und der Sakralisierung des Profanen in vielen Bereichen. Im Kirchlichen verpönte Worte wie Kult oder Zelebration würden außerhalb der Kirche positiv entdeckt. Die Erfahrung des Heiligen werde im Christlichen gereinigt und erweise sich als Begegnung mit Gott, der uns persönlich nahekomme. Wenn wir das Heilige vernachlässigen, so Pater Wallner, dann müssen wir damit rechnen, dass Götzen emporsteigen. Wo der von Gott geoffenbarte Glaube zur Tür hinausgehe, springe der Aberglaube beim Fenster herein. Die innerkirchliche Entsakralisierung habe keine Zukunft. Eine junge Generation von Priestern und Gläubigen schätze das Feierliche und Heilige wieder und werde die Sakralität in großer Freiheit wieder zurückerobern.

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