Wider die Asymmetrie in der Orientforschung

An der Katholischen Universität Eichstätt soll ein Masterstudiengang „Christlicher Orient“ errichtet werden. Von Reinhild Rössler

Seit gut zwei Jahren ist der Theologischen Fakultät der Universität Eichstätt eine Forschungsstelle angeschlossen, die sich dem christlichen Orient von Äthiopien bis Georgien widmet. Die reichen Kulturschätze, die diese Länder seit Hunderten von Jahren bergen, sind in der Wissenschaft zu großen Teilen noch unbearbeitet. Professor Peter Bruns, der Vorsitzende der Forschungsstelle, und der emeritierte Professor Heinz-Otto Luthe arbeiten dafür, dass die Wissenschaft vom christlichen Orient weiter betrieben wird. Die Lehre in diesem Fach ging in den letzten Jahren an den deutschen Universitäten zunehmend zurück. Luthe sieht die Ursache des Rückgangs der Lehre und Forschung in diesem Bereich vor allem in dem stärkeren Aufkommen der Islamwissenschaften und der Orientalistik. „Die allgemeine Wahrnehmung ist“, so Bruns, „dass arabische Quellen auch immer islamisch sind. Dabei wird jedoch oft vergessen, dass der Orient bis zum Aufkommen des Islams vollkommen christlich war.“

Ohne Sprachenkenntnis keine Arbeit mit den Quellen

Die interdisziplinären, wissenschaftlichen Projekte der Forschungsstelle beziehen sich hauptsächlich auf die Übersetzung und Edition arabisch-christlicher Quellen. Momentan arbeiten die Forscher an der Übersetzung und Bearbeitung des syrisch-klementinischen Oktateuchs, einer Sammlung von Kirchenordnungen. Die Förderung des Projektes zur Edition und Übersetzung dieser und weiterer Kirchenordnungen wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft auf drei Jahre bewilligt. In interdisziplinären Arbeitstreffen werden historische, politisch-kulturelle, theologische und sozialwissenschaftliche Fragestellungen des christlichen Orients bearbeitet und diskutiert. Die starke Zusammenarbeit und Vernetzung mit anderen europäischen sowie orientalischen Universitäten und Instituten und mit kirchlichen Würdenträgern des Orients ist ein wichtiger Bestandteil der Arbeit.

Die Wissenschaft über den christlichen Orient, so Luthe, muss gerade in Europa weiter betrieben werden. Die Christen in den orientalischen Ländern kennen ihre eigenen Wurzeln oft selbst nicht. Bruns sieht daher die Aufgabe der Forschung auch darin, „sie von außen anzustoßen und sie zu ermutigen, ihre eigene Kultur kennenzulernen und zu erforschen“.

Interesse ist auch bei jüngeren Wissenschaftlern durchaus vorhanden. Die Forschungsstelle betreut einige Promotionsstudenten der Universität Eichstätt. Luthe sieht eine Schwierigkeit dieser Wissenschaft darin, dass es an der Kenntnis der alten Sprachen wie Syrisch, Koptisch oder Arabisch fehlt. Diese sind zur Bearbeitung der Texte Voraussetzung. Daher wurde von der Forschungsstelle bereits ein Sprachkurs in Arabisch für die Universität Eichstätt organisiert. Ein Ausbau der Lehre ist geplant. Ziel ist, einen Masterstudiengang „christlicher Orient“ zu errichten. Des Weiteren soll in sogenannten Summer schools die Auswertung älterer Handschriften auch jungen Wissenschaftlern gelehrt werden. Idealfall für die Forschungsstelle wäre eine eigene Stiftungsprofessur an der Universität; bis jetzt war das aber, trotz der Unterstützung des Rektors der Universität, noch nicht möglich. In Zusammenarbeit mit dem in Eichstätt befindlichen „Collegium Orientale“, einem Priesterseminar für die Ostkirchen, hat die Forschungsstelle es sich außerdem zur Aufgabe gemacht, Studenten aus diesen Ländern zu fördern. In einem ökumenischen Verständnis ihres Schaffens wollen die Professoren auch Stütze für die Annäherung der katholischen Kirche zu den Ostkirchen sein.

Keine Unterwerfung unter den Islam

Eine Kenntnis des christlichen Orients ist nicht nur für den interreligiösen und ökumenischen, sondern auch für den politischen Dialog von Bedeutung. Die Forschungsstelle sieht ihre Aufgabe zwar darin, „die wissenschaftliche Tradition, die bedroht ist, weiterzuführen“, sie ist aber „kein Politikinstitut.“. Bei der Beschäftigung mit dem Orient können die Professoren „den Islam nicht außen vor lassen“, sie wollen sich aber „auf das Christentum konzentrieren“. In der Wissenschaft arbeiten sie dafür, „dass es wirklich die Kunde vom christlichen Orient ist und nicht, der Mode folgend, die Kunde vom Islam“. Die Islamwissenschaften wachsen in Europa immer stärker, gerade in Frankreich, wo Bruns von einer „Islamophilie“ bei einigen, oder gar von einer „geistigen Unterwerfung“ unter den Islam spricht. Der Islam wird in der Öffentlichkeit zu „einer Art besseres Christentum“ gemacht, während „vor hundert Jahren die Islamwissenschaft wesentlich kritischer war“. Das Problem der Christen dabei sieht Bruns darin, dass ihnen die eigene christliche Identität fehlt. „Was die Muslime zuviel haben, das haben wir zuwenig“, schließt er aus den Problemen im Interreligiösen Dialog der Christen mit dem Islam. Doch braucht es zu einem christlichen Selbstbewusstsein die Kenntnis der eigenen Hintergründe, Geschichte, Traditionen und Kultur.

Bruns bemerkt, dass „eine Asymmetrie herrscht, wenn der Islam im christlichen Abendland immer stärker wächst, das Christentum im Orient jedoch unterdrückt wird“. Dieser Asymmetrie, die sich in der Wissenschaft bemerkbar macht, soll durch die philologische, historische, kulturelle und sozialwissenschaftliche Arbeit in Eichstätt entgegengewirkt werden. Durch die Lehre und Forschung in Eichstätt soll auch, so wünschen sich die Mitglieder der Forschungsstelle, wieder ins Bewusstsein gerufen werden, dass es eine Vielfalt an Riten gibt und woher sie kommen.

 

Eine Edition der Forschungsstelle mit den Vorträgen der Eröffnungsveranstaltung wird als erster Band in der geplanten Reihe „Eichstätter Studien zum Christlichen Orient“ im Sommer 2011 herausgegeben.

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