Wider das funktionale Liturgieverständnis

Die Schriften des Wilhelm Durandus fördern den Sinn für das sakrale Geschehen am Altar. Von Clemens Schlip
Foto: KNA | Der Sinn für Ehrfurcht verbindet: Vieles aus dem Buch von Wilhelm Durandus werden orthodoxe Christen nachvollziehen: Die Aufnahme zeigt koptische Christen bei einer Festliturgie.
Foto: KNA | Der Sinn für Ehrfurcht verbindet: Vieles aus dem Buch von Wilhelm Durandus werden orthodoxe Christen nachvollziehen: Die Aufnahme zeigt koptische Christen bei einer Festliturgie.

„Alles in den kirchlichen Dienstverrichtungen, Gegenständen und der künstlerischen Ausstattung ist voll von göttlichen Zeichen und Geheimnissen und strömt über von himmlischer Süße – doch nur dann, wenn es einen gründlichen Untersucher findet, der sich darauf versteht, Honig aus dem Felsen und Öl aus dem harten Gestein zu holen.“ Der diesen Satz schrieb, war ein solcher „gründlicher Untersucher“: Wilhelm Durandus (1230–1296), zeitweise Bischof von Mendes, ein hochgelehrter und weit über seinen Tod hinaus wirkmächtiger Kirchenrechtler und Liturgiker. In seinem insgesamt acht Bücher umfassenden „Rationale divinorum officiorum“ (etwa: „Buch über die Gründe für die verschiedenen Formen und Gebräuche in den gottesdienstlichen Handlungen“) behandelte er vom Kirchengebäude über die Priestergewänder bis zum liturgischen Kalender alle Bereiche des gottesdienstlichen Lebens der Kirche in Art einer liturgischen Enzyklopädie. Das Werk ist so etwas wie ein liturgisches Gegenstück zur „Summa Theologiae“ des heiligen Thomas von Aquin, der ein Zeitgenosse Wilhelms war. Thomas führte die mittelalterliche Theologie und Philosophie zur Vollendung. Analoges tat für den Bereich der Liturgik Wilhelm Durandus, der auf eine umfängliche Tradition allegorischer Messerklärungen zurückgreifen konnte. Sein Werk wurde weit verbreitet. Nach Erfindung des Buchdrucks war es im fünfzehnten Jahrhundert das meistgedruckte Buch nach der Bibel. Das vierte Buch im Gefüge des „Rationale“, gewissermaßen das „Herzstück“ des umfangreichen Werks, behandelt die Riten der heiligen Messe in ihrem Verlauf.

Was Durandus hier schreibt, verdient vielleicht gerade heute unsere besondere Aufmerksamkeit, um zu einem echten Verständnis des schauererregenden Mysteriums der Heiligen Messe zurückzufinden, das vielfach verloren gegangen ist. Unsere Zeit führt uns nur allzu deutlich die Verheerungen vor Augen, die ein allzu lange die Deutungshoheit beanspruchendes rein funktionales und letztlich säkularistisches Liturgieverständnis zu verantworten hat. Gerade sie wird sich nicht scheuen dürfen, bei Meistern wie Wilhelm Durandus in die Schule zu gehen. Eine gute Möglichkeit dazu bietet nun eine im Carthusianus-Verlag erschienene Übersetzung des vierten Buches über die Messe. Schon diese Auswahlausgabe aus dem Rationale beeindruckt durch ihren schieren Umfang. Umso mehr ist die Leistung der Übersetzerin Claudia Barthold hervorzuheben, der es gelungen ist, einen sehr gut verständlichen deutschen Lesetext herzustellen; dabei hat sie sich nicht alleine auf die gängige wissenschaftliche Ausgabe des lateinischen Textes verlassen, sondern diesen selbst kritisch gesichtet. Eine erfreulich knapp gehaltene Einleitung versorgt den Leser mit den notwendigen Basisinformationen über Leben und Werk des Autors und die literarische Gattung der Messerklärungen. Hilfreiche Anmerkungen erleichtern das Verständnis.

Wo es nötig ist, verteidigt Wilhelm Durandus die gottesdienstlichen Gebräuche der Kirche auch gegen häretische Einwürfe. Anhänger einer „Mahlideologie“ und Verfechter des „liturgischen Archäologismus“, die urkirchliche Gebräuche absolut setzen, kannte auch Wilhelm schon: „Sie behaupten sogar, dass (...) weder Christus noch die Apostel [die Messe] eingesetzt haben (...) das, was die Messe darstellt, wurde von den Evangelisten ,Mahl‘ genannt. Auch sangen am Anfang weder die Kirche noch die Apostel die Messe unter Begleitung von Musikinstrumenten (...) und sie werfen uns vor, dass wir solches tun.“

Durandus, der als Mitglied der Kurie auch einige Jahre in Rom verbrachte, geht an nicht wenigen Stellen auf die Sondergebräuche in den Messen der Päpste ein, wie etwa die Verwendung eines Saugröhrchens beim Trinken des Heiligen Blutes.

Der inhaltliche Reichtum des umfangreichen Buches kann hier nur ausschnitthaft präsentiert werden. Durandus behandelt sowohl das liturgische Gerät wie die Gebärden des Zelebranten des Altarpersonals und vieles mehr. Wichtige Texte wie die Präfation und das Kanongebet analysiert und kommentiert er genau und erläutert ihre Bedeutung.

Weshalb stehen die Gläubigen beim Hören des Evangeliums? „Dies soll unsere Bereitschaft anzeigen, für die Bewahrung des Glaubens Christi zu kämpfen.“

Im Verlauf der Messe wendet sich der Priester insgesamt fünfmal mit dem Gruß „Dominus Vobiscum“ zum Volk. Durandus hat für diese Zahl eine Erklärung: „Die fünffache Wendung zum Volk (...) versinnbildlicht die fünf Erscheinungen, die Christus seinen Jüngern am Tag der Auferstehung zukommen ließ. Weshalb wendet sich der Priester dabei immer auf der rechten Seite zum Volk. Unter anderem, weil „der Engel im Grab des Herrn auf der rechten Seite saß“. Solche Deutungen der heiligen Riten, die in ihnen eine Vergegenwärtigung der Taten Christi erkennen („rememorative Allegorese“), nimmt Durandus öfter vor, gemäß seiner Überzeugung, „dass das Messamt in derart providentieller Ordnung eingerichtet ist, dass es das, was durch Christus und in Christus von seinem Abstieg aus dem Himmel bis zu seiner Himmelfahrt geschehen ist, großenteils enthält und durch Worte wie Zeichen in erstaunlicher Weise vergegenwärtigt“. Deshalb spricht der Priester etwa auch das Sekretgebet leise, „denn auch der Herr hat sich von seinen Jüngern einen Steinwurf weit entfernt, um sein Gebet zu verrichten“.

Weshalb gibt bei der Opferung der Priester einige Tropfen Wasser in den Kelch mit Wein? „Erstens um anzuzeigen, dass es ohne das Vergießen des Blutes Christi niemals Heil für das Volk hätte geben können (...) Es steht nämlich geschrieben, dass viele Wasser viele Völker sind (...) Christus aber goss sein Blut für das Volk aus (...) Zweitens, um anzuzeigen, dass aus der Seite Christi zugleich Blut und Wasser austraten (...) Drittens ist unter der Vermischung die Verbindung von Gottheit und Menschheit in einer Person zu verstehen.“

Beim Gebet „Quam Oblationem“ im Kanon macht der Priester drei Kreuzzeichen über Hostie und Kelch. Diese symbolisieren „die Höhe des Preises (...), zu dem Christus verkauft worden ist“, nämlich 30 Silberlinge. Denn die Zahl 30 entsteht durch Vervielfachung der Drei.

Bei alldem merkt man auch oft den Kirchenrechtler: Durandus zitiert gerne aus kanonistischen Schriften. Häufig zitiert und verwendet er auch seine Vorgänger in der Messerklärung. „Dieses Werk habe ich nach Art der Honig produzierenden Biene (...) in fruchtbringender Weise zusammengestellt“, bekennt er am Ende seines „Rationale“. Es ist zu hoffen, dass die Lektüre seines Werkes auch heute viele gute Früchte hervorbringt, nämlich in Form eines besseren Gespürs für die tiefere Bedeutung des sakralen Geschehens. Mit der hier erstmals vorliegenden Übersetzung sollten die Voraussetzungen dafür eigentlich geschaffen sein.

Wilhelm Durandus: Rationale divinorum officiorum – Der geistliche Sinn der göttlichen Liturgie, Buch IV, übersetzt von Claudia Barthold. Carthusianus-Verlag, Mühlheim/Mosel 2012, 350 Seiten, ISBN 978-3-941862-07-4, EUR 39,90

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