„Werde, was du bist“

Im Wortlaut die Ansprache des Heiligen Vaters beim Angelus am 10. Januar

Liebe Brüder und Schwestern!

Heute morgen habe ich während der Heiligen Messe, die in der Sixtinischen Kapelle gefeiert wurde, mehreren Neugeborenen das Sakrament der Taufe gespendet. Dieser Brauch ist mit dem Fest der Taufe des Herrn verbunden, mit dem liturgisch die Weihnachtszeit endet. Die Taufe vermittelt sehr gut den umfassenden Sinn der Weihnachtsfeiertage, bei denen das Thema „Kinder Gottes zu werden“ dank des Kommens des eingeborenen Sohnes in unsere Menschheit ein beherrschendes Element darstellt. Er ist Mensch geworden, damit wir Kinder Gottes werden können. Gott wurde geboren, damit wir neu geboren werden können.

Diese Begriffe tauchen in den liturgischen Texten der Weihnachtszeit immer wieder auf und stellen einen begeisternden Grund zum Nachdenken und zur Hoffnung dar. Denken wir an das, was der heilige Paulus an die Galater schreibt: „Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt, damit er die freikaufe, die unter dem Gesetz stehen, und damit wir die Sohnschaft erlangen“ (Gal 4,4–5); oder auch der heilige Johannes im Prolog seines Evangeliums: „Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden“ (Joh 1,12). Dieses wunderbare Geheimnis, das unsere „zweite Geburt“ darstellt – das Neugeborenwerden eines Menschen vom „Himmel“, von Gott aus (vgl. Joh 3,1–8) – wird im sakramentalen Zeichen der Taufe verwirklicht und zusammengefasst.

Durch dieses Sakrament wird der Mensch wirklich „Kind“, Kind Gottes. Von nun an besteht das Ziel seines Daseins darin, auf freie und bewusste Weise das zu erreichen, was von Anfang an die Bestimmung des Menschen ist. „Werde, was du bist“ stellt den fundamentalen erzieherischen Grundsatz der durch die Gnade erlösten menschlichen Person dar. Dieser Grundsatz weist viele Analogien zum menschlichen Wachstum auf, wo die Beziehung der Eltern zu den Kindern – über verschiedene Momente der Abwendung und über Krisen hinweg – von der völligen Abhängigkeit zu dem Bewusstsein übergeht, Kinder zu sein, zur Dankbarkeit für das Geschenk des empfangenen Lebens und zur Reife und Fähigkeit, Leben zu schenken. Durch die Taufe zu einem neuen Leben geboren, beginnt auch der Christ seinen Weg des Wachstums im Glauben, der ihn dazu führen wird, Gott bewusst als „Abba – Vater“ anzurufen, sich voller Dankbarkeit an Ihn zu wenden und die Freude zu leben, sein Kind zu sein.

„Aus der Taufe lässt sich auch das Modell einer Gesellschaft ableiten: einer Gesellschaft der Brüderlichkeit“

Aus der Taufe lässt sich auch das Modell einer Gesellschaft ableiten: einer Gesellschaft der Brüderlichkeit. Brüderlichkeit kann nicht durch eine Ideologie und erst recht nicht durch die Verordnung irgendeiner gesetzlichen Macht festgesetzt werden. Als Brüder und Schwestern erkennt man sich ausgehend von dem demütigen aber tiefen Bewusstsein, selbst Kind des einen himmlischen Vaters zu sein. Als Christen werden uns dank des Heiligen Geistes, den wir in der Taufe empfangen haben, das Geschenk und die Aufgabe zuteil, als Kinder Gottes und als Brüder und Schwestern zu leben, um der „Sauerteig“ einer neuen, solidarischen Menschheit zu sein, die reich an Frieden und Hoffnung ist. Dabei helfe uns das Bewusstsein, neben dem einen Vater im Himmel auch eine Mutter, die Kirche, zu haben, deren ewiges Vorbild die Jungfrau Maria ist. Ihr vertrauen wir die neugetauften Kinder und ihre Familien an und erbitten für alle die Freude, jeden Tag „vom Himmel aus“ neu geboren zu werden, durch die Liebe Gottes, der uns zu seinen Kindern und untereinander zu Brüdern und Schwestern macht.

Die Besucher deutscher Sprache begrüßte der Papst mit den Worten:

Gerne grüße ich alle deutschsprachigen Gläubigen beim heutigen Angelusgebet, besonders die Schüler aus Bad Tölz und die Pilger aus Eisenstadt. Bei der Taufe im Jordan stellt sich Jesus Christus in eine Reihe mit uns Menschen. Er ist der geliebte Sohn des Vaters und zugleich einer von uns. Durch unsere eigene Taufe werden auch wir in Christus geliebte Kinder Gottes. Wir haben Anteil erhalten am Heiligen Geist. In der Kraft dieses Geistes wollen wir leben und die Welt gestalten, wie es Gott gefällt. Der Herr geleite euch alle Tage dieses neuen Jahres mit seiner Gnade.

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