Wenn Freunde über ihren Glauben sprechen

Ein christlich-jüdischer Austausch dokumentiert, wieviel Wertschätzung im interreligiösen Dialog möglich ist. Von Barbara Stühlmeyer

Nostra aetate, jene zentrale Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils, in der das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen seinen Ausdruck findet, war schon zu ihrer Entstehungszeit ein umstrittenes Dokument. Der Jesuitenkardinal Augustin Bea äußerte bereits damals, dass viele das Konzil gemäß ihrer Zustimmung zu den Inhalten von Nostra aetate oder ihrer Missbilligung derselben beurteilen würden. Kardinal Kurt Koch, der eines der beiden Vorworte zum Dialogbuch des jüdischen Theologen, Coleiters des Züricher Lehrhauses und Fachreferenten für das Judentum, Michael Bollag, und des Provinzials der Schweizer Jesuiten und langjährigen Leiters der Bildungsarbeit im Lasalle-Haus Bad Schönbrunn, Christian Rutishauser „Ein Jude und ein Jesuit im Gespräch über Religion in turbulenter Zeit“ geschrieben hat, bestätigt diese Diagnose. Der fünfzigste Jahrestag des Erscheinens dieser Konzilserklärung brachte also zwangsläufig auch eine Bewertung von deren kritischer Rezeption mit sich. Warum das Verhältnis der Kirche zu anderen Religionen so eine Herausforderung ist, braucht sich gerade heute niemand mehr zu fragen, denn es ist offenkundig, dass die zur Entstehungszeit von Nostra aetate schon anfanghaft erkennbaren, damals bereits groß erscheinenden Probleme inzwischen geradezu riesenhafte Ausmaße angenommen haben. Das Verhältnis zu und das Gespräch mit Vertretern anderer Religionen ist auch deshalb schwieriger geworden, weil die Anzahl derjenigen, die sich noch mit unserem Glauben auskennen, ihn zu bekennen und grundlegend zu erklären bereit und in der Lage sind, erschreckend gering geworden ist. Dass man sich in Konfliktsituationen gern und schnell bereitfindet, anstatt das Kreuz durchzutragen, dasselbe abzunehmen, um dem Ärgernis des Kreuzes aus dem Weg zu gehen, hat sicher mehr als einen Grund. Der Kern des Problems ist ein zu wenig im Lebensalltag verankerter Glaube, der die Kraft des Zeugnisses so sichtbar schwächt.

Was in dieser Situation notwendig ist, sind Bücher wie das vorliegende Gespräch zweier langjähriger Freunde über ihren jeweiligen Glauben. Jeder der beiden Gesprächspartner hat fest verwurzelte Überzeugungen, klare Ansichten, Fachwissen über die historische Entwicklung der jeweils eigenen Religion, eine luzide Intellektualität und einen geschulten Blick für wichtige Details. Genau dies macht die Lektüre dieses von gegenseitiger Wertschätzung getragenen interreligiösen Dialoges so wichtig. Denn er zeigt, dass Katholiken, wie Johannes Paul II. es formulierte und Rabbiner David Rosen, der das zweite Vorwort zu diesem Band beigesteuert hat, es zitiert, „das Volk des ersten ungekündigten und nie zu kündigenden Bundes“ als den „geliebte[n] ältere[n] Bruder der Kirche“ sehen und auf dieser Basis vom eigenen Glauben Zeugnis ablegen kann. Rosen zieht eine durchaus kritische Bilanz der derzeitigen Situation. Während an vielen Orten jüdisch-christlicher Dialog seit Jahren gepflegt wird, weiß man an anderen noch nicht einmal, wo die Synagoge ist oder verweigert, zum gemeinsamen Gottesdienst eingeladen, das Betreten der Kirche. Gerade deshalb ist das Öffentlichmachen eines Dialoges, wie es die beiden befreundeten Theologen Bollag und Rutishauser in diesem Buch tun, ein unterstützenswertes Anliegen. Damit die Lektüre nicht einer nicht enden wollenden Talkshow gleicht, ist das Gespräch in sieben Kapitel gegliedert, die jeweils eine konsistent durchgeführte Untergliederung haben. Am Beginn jeden Kapitels steht der Austausch zwischen Michel Bollag und Christian Rutishauser, in dem jeder der beiden Theologen fundiert seinen Standpunkt erläutert und die beiden Freunde auf die vorgetragenen Argumente und Beiträge eingehen. Die jeweils gemeinsam von beiden Autoren verfasste Reflexion bietet weiterführende Gedanken zum jeweiligen Themenschwerpunkt an. Abgeschlossen wird jedes Kapitel durch einen der jüdischen oder christlichen Tradition entnommenen Text und dessen Auslegung durch die Autoren.

Da die Veröffentlichung der Gespräche durch das Jubiläum der Konzilserklärung Nostra aetate angestoßen wurde, stammt folgerichtigerweise die Mehrzahl der christlichen Texte aus den Konzilsdokumenten und auch die jüdischen Textbeiträge spiegeln die verschiedenen Denktraditionen der vergangenen Jahrzehnte wieder. Der inhaltliche Bogen der Gespräche ist weit gespannt. Er beginnt in Kapitel eins mit der Frage nach den Formen von Jude- beziehungsweise Christsein in der heutigen Gesellschaft und diskutiert im zweiten Kapitel die Gemeinsames und Trennendes bergenden Grundworte des jüdisch-christlichen Dialoges, Schöpfung, Offenbarung und Erlösung. Im dritten Kapitel beschäftigen sich die beiden Theologen mit den untrennbar mit den Brennpunkten des jüdischen und christlichen Glaubens verbundenen Gottes- und Menschenbildern ihrer Religionen. Kapitel vier widmet sich dem jüdischen und christlichen Verständnis der Heiligung von Raum und Zeit. Kapitel fünf bietet einen historisch fundierten Rückblick auf die facettenreiche Geschichte der jüdisch-christlichen Dialoges, der besonders durch die sehr persönlichen Statements und Einblicke in die je eigenen Lebensgeschichten der Autoren farbig und lebendig wird und Kapitel sechs führt in den derzeitigen Stand des Austausch ein. Das letzte und siebente Kapitel öffnet den Blick für den notwendigen Dialog mit dem Islam, der von den Erfahrungen des langjährigen jüdisch-christlichen Dialoges so sehr profitieren kann. Bollag und Rutishauser erweisen sich in ihrem Dialogbuch nicht nur deshalb als überzeugende Gesprächspartner, weil sie über fundiertes theologisches Fachwissen verfügen und dieses für einen Leser, der geistige Anstrengung wagen möchte, durchaus verständlich vermitteln.

Man liest ihren Austausch auch deshalb mit Gewinn, weil sie sich der Realität nicht verschließen. Rutishauser beispielsweise merkt mit trockener Ironie an, dass sich die Frage nach dem Extra Ecclesia nulla salus, außerhalb der Kirche kein Heil, die bei der Entstehung der Konzilserklärung Nostra aetate noch so eine große Rolle spielte, heute schon deswegen überhaupt nicht mehr stellt, weil an ihre Stelle auch unter vielen Katholiken das Extra mercatum nulla salus, außerhalb des Marktes gibt es kein Glück, getreten ist. Und leider ist es für viele angesichts des von Rutishauser zu Recht beklagten unethischen Handelns derer, von denen man eine Orientierung an der Heiligkeit erwartet, nicht leichter geworden, daran zu glauben, dass es außerhalb der Kirche kein Heil gibt.

Als hilfreich erweisen kann sich, wie Michel Bollag anhand seiner eigenen Erfahrungen als in der jüdischen Tradition aufgewachsener, urbaner, frankophoner Akademiker das Zusammenführen der verschiedenen Zugehörigkeiten, die sich im je eigenen Leben zeigen in der Wirklichkeit des einen Glaubens. Bei all dem ist, wie die Diskutanten betonen, Realismus angesagt. Wichtig sind hier Statements wie das von Michel Bollag, der der Philosemitismus nicht für eine Errungenschaft, sondern vielmehr für ein Problem hält. Hier kann und muss auch ein Dialog mit dem Islam inhaltlich ansetzen. Es muss, damit die Auseinandersetzung fruchtbar werden kann, das Eigene betont werden und die Fähigkeit bestehen, in aller unvermeidlichen Gegensätzlichkeit anständig miteinander umzugehen. Die Grundlage für jeden gelungenen Dialog, dies zeigt die gewachsene Nähe zwischen Bollag und Rutishauser, aber auch die langjährige Verbundenheit zwischen Papst Franziskus und dem Rabbiner Abraham Skorka, ist Freundschaft. Sie zu knüpfen und zu pflegen und zugleich eine inhaltliche Auseinandersetzung zu wagen – dazu lädt dieses lesenswerte Buch ein.

Michael Bollag/Christian Rutishauser: Ein Jude und ein Jesuit im Gespräch über Religion in turbulenter Zeit. Matthias Grünewald Verlag, Ostfildern 2016, 211 Seiten, ISBN 978-3-7867-3045-3,

EUR 19,99

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