Wenn die Schrift zur Staffage wird

Esoterik statt Mariologie: In „Maria, Königin der Engel“ spielt Doreen Virtue mit einem Titel der Lauretanischen Litanei. Von Klaus-Peter Vosen
Foto: Symbolbild: KNA | Zum Wegsehen: Die neue „Engelreligion“ treibt auf dem Esoterikmarkt kuriose Blüten und bedient sich christlicher Bilder und Begriffe.
Foto: Symbolbild: KNA | Zum Wegsehen: Die neue „Engelreligion“ treibt auf dem Esoterikmarkt kuriose Blüten und bedient sich christlicher Bilder und Begriffe.

Wer den Titel von Doreen Virtues Buch „Maria, Königin der Engel“ liest, freut sich zunächst über das offenbare Faktum, dass hier eine Autorin ein ganzes Buch über eine der „entlegeneren“ Anrufungen der Lauretanischen Litanei geschrieben hat, die heute ziemlich im Hintergrund steht. Handelt es sich um fromme Meditationen – da man ja schließlich theologisch zu der Thematik nicht allzu viel wird sagen können? Sind hier traditionelle Gebete und Liedtexte zur Königin der Engel aus der Frömmigkeitsliteratur katholischer Völker zusammengestellt? Neugierig öffnet man den immerhin 251 Seiten umfassenden Band – und erlebt – entsprechend der Farbe des Einbandes – sein blaues Wunder: Es handelt sich um ein keineswegs katholisches Buch, sondern um eines, das dem Bereich der Esoterik zuzuordnen ist.

Doreen Virtue – ob das eigentlich ihr wirklicher Name ist oder vielmehr ein Pseudonym? – in Kalifornien lebende, nichtkatholische Psychologin und Familientherapeutin, stellt sich in ihrem Werkverzeichnis am Ende des Buches als „aus einer hellseherisch begabten“ Familie stammend vor; „schon als Kind“ habe sie „ihren ,sechsten Sinn‘ zur Kommunikation mit ihren ,unsichtbaren Freunden‘ genutzt“. Weiter heißt es über die Verfasserin: „In der von ihr entwickelten Engeltherapie verbindet sich ihre Kompetenz als Psychologin mit ihren spirituellen Fähigkeiten“. Auf der Liste ihrer literarischen Opera finden sich aufschlussreiche Titel wie „Engel-Notruf“, „Feen-Notruf“, „Erzengel und wie man sie ruft“; weiter ist Virtue mit CDs und Kartendecks hervorgetreten, die zum Beispiel überschrieben sind: „Die Engel von Atlantis“, „Das Einhorn-Orakel“ und „Das magische Orakel der Feen“. Vor diesem Hintergrund verwundert den Leser der Inhalt von „Maria, Königin der Engel“ nicht mehr.

wie sie sagt, was immer das heißen mag. Vermutlich drückt sie so ihren synkretistischen Ansatz aus, der sie schreiben lässt: „Maria, genau wie Jesus und die Engel – und insbesondere Gott – gehören allen Religionen, allen Glaubensformen, allen spirituellen Wegen und allen Menschen. Sie sind reine Liebe, die alles umfasst“.

Der Relativismus, der sich hier kundtut und das Christentum nur noch einen Weg unter anderen sein lässt, kann vom Standpunkt nicht nur des katholischen, sondern jeden christlichen Bekenntnisses, das diesen Namen wahrhaft verdient, nie und nimmer gebilligt werden. Eine ähnliche Auflösung christlicher Glaubenssubstanz ins rein Gefühlsmäßige, ja geradezu Wirre tut sich in der weiteren Aussage Virtues kund, mit der sie ihre – richtige – Ablehnung der Vergötterung Mariens und der Engel gleichsam wieder aufhebt: „Da der Schöpfer allgegenwärtig ist, sind Mutter Maria und die Engel in der spirituellen Wahrheit eins mit Gott.“

Man nimmt es der Autorin durchaus ab, wenn sie schreibt: „Ich bin voller Leidenschaft für Mutter Maria und ihre heilige Präsenz“; sie spricht mit Ehrfurcht von Inhalten des katholischen Glaubens und bringt auch einige katholische Mariengebete (das „Memorare“ kurioserweise doppelt –, die Lauretanische Litanei in „Sparversion“ und unter Verzicht unter anderem auf jene ihrer Anrufungen, die den Titel des Buches bildet).

In ihrem Buch aber geht es „überkonfessionell“ um Erlebnisse von Menschen mit Maria in Träumen, Visionen, Heilungen und so weiter. Bei den katholischen Marienerscheinungsorten findet sich Anerkanntes neben vom kirchlichen Lehramt nicht Anerkanntem.

Maria speziell als „Königin der Engel“ scheint interessanterweise in Virtues Werk im Kontrast zum Titel keine besondere Rolle zu spielen, um die Gestalt von „Mutter Maria“ dreht sich freilich alles. Die mitgeteilten Erlebnisberichte hat man sicherlich unterschiedlich zu beurteilen, einfach lieblos darüber zur Tagesordnung übergehen wird man sicher nicht. So hinterlässt Virtues Buch ein uneinheitliches Bild und einen schalen Nachgeschmack.

Die Wirksamkeit Gottes, die Liebe der allerseligsten Jungfrau zu den Menschen wird man nicht auf den Bereich der Angehörigen des katholischen Glaubens eingrenzen können, obgleich die Gliedschaft in der einen katholischen Kirche nach unserem Glauben der von Gott für alle gewünschte eigentliche Heilsweg ist. Wegen solcher Nicht-Beschränkbarkeit ist es gut möglich, dass Maria sich auch Menschen außerhalb der katholischen Kirche als Helferin, Vorbild und dann allerdings auch als Weggeleiterin zu Christus kundmacht. Es gibt mehr als ein Beispiel dafür, dass die Begegnung mit Maria für einen Menschen entscheidend dafür wurde, dass er den katholischen Glauben gefunden hat. Insofern braucht man angesichts der von Virtue mitgeteilten Erlebnisberichte als Katholik nicht von vorneherein die Nase zu rümpfen.

Was jedoch größte Sorge bereitet, ist die oben angesprochene relativistische Sicht der Autorin. Manches Merkwürdige in ihrem Buch mag auf eine schlechte Übersetzung aus dem Englischen zurückzuführen sein – da heißt es „Schrein“ (von englisch „shrine“), wenn angemessen von „Heiligtum“ gesprochen werden müsste, irgendwann ist schließlich dann fatalerweise doch von „Marien-Anbetung“ die Rede, wo der Begriff „Marienverehrung“ am Platze wäre. Und was, bitte, sind Marien-„Visitationen“? Meint man hier „Marienvisionen“? Das Grundproblem ist bei allem aber, dass das biblische und kirchliche Marienzeugnis von Virtue bewusst umgangen wird. Die „biblischen Referenzen“ im Anhang (warum in der Luther-Übersetzung?) sind nur Staffage. Letztlich macht sich die Verfasserin auf diese Weise die Gottesmutter „passend“. Dabei entzieht sich ihr jedoch die wahre Mariengestalt. nicht umgekehrt. Die heilende Dimension der Gottesmutter, von der Virtue überzeugt ist, kann von katholischer Warte aus etwa mit dem Blick auf Lourdes oder Banneux nur von Herzen bejaht werden – aber warum enthält man den Lesern des Buches letztlich den Blick auf Maria unter Bezugnahme auf Schrift und Tradition vor? Da würde doch eigentlich erst in ganzer Tiefendimension deutlich, wie sehr Maria uns fürbittend Heilung schenkt. Heilung haben wir ja vor allem nötig aus „Angst und Schuld“ – ein Thema, das die Verfasserin nach eigenem Bekunden bewusst ausschließt.

Wer Maria auf eine Weise haben möchte wie die Autorin, hat letztlich und endlich nur Ergebnisse in der Hand von der Qualität eines „Feen-Notrufs“ oder der „Engel von Atlantis“. Vor dem Buch muss deswegen gewarnt werden – gerade auch, weil es in einer „katholischen“ Aufmachung daherkommt und die Fähigkeit vieler katholischer Christen geschwunden ist, das Wahre vom Falschen zu unterscheiden. Deswegen kann man es auch nicht einfach schweigend übergehen.

Doreen Virtue, Maria, Königin der Engel. Ullstein Buchverlage, Berlin, 2012, 251 Seiten, ISBN: 978-3-7934-2224-2, EUR 19,99

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