Wenn der Glaube ins Herz rutscht

Pure Freude an der Kirche: Die erste deutsche Stadtmission in Regensburg begeisterte Menschen aus allen Generationen und Nationen

Regensburg (DT) Anna Köchert, 43, Wienerin und Georg Bickl, Rentner, stehen vor einer Haustür und klingeln. Ein Student öffnet. „Guten Tag, wir kommen von der katholischen Kirche. Herzliche Einladung zu den Veranstaltungen der Stadtmission.“ Nachdem sich der Student vergewissert hat, dass sie keine Zeugen Jehovas sind, wird er neugierig. „Dass die Kirche zu mir kommt freut mich.“ Infos zu einem Musical, einem Beziehungsabend und dem Jugendevent der Stadtmission, „Nightfever“ finden sein Interesse und so ziehen die beiden weiter. „Manche Menschen sind dankbar, wenn wir ihnen am Ende des Besuchs anbieten, für sie zu beten. Bei verschlossenen Türen hinterlassen wir einen Türhänger, damit die Bewohner wissen, dass wir da waren. Gestern ist sogar eine ältere Dame zum Seniorencafé gekommen, weil wir sie einen Tag zuvor eingeladen haben“, so die beiden Einladenden.

Zehn Tage lang sind 300 Menschen in Regensburg unterwegs, als „Missionare“, im Namen der Kirche. Es sind Laien, keine Profis, die sich dafür eine Woche freigenommen haben. Unter ihnen Ehepaare, Rentner, Jugendliche, Familienväter und -mütter, Studenten der Evangelisationsschulen aus Altötting (IME) und aus Rom (ESM), aber auch Ordensmitglieder. Sie kommen aus 15 verschiedenen Ländern und sind zwischen 16 und 80 Jahre alt. Was sie verbindet? Anna Köcherts Antwortet: „Wir haben eine persönliche Erfahrung der Liebe Gottes gemacht, die wir gemeinsam teilen. Das ist Kirche. Wir laden in dieser Woche andere ein, ebenfalls Gottes Liebe zu begegnen. Mein Mann hat sich Urlaub genommen und passt auf die vier Kinder auf, damit ich hier sein kann.“

Seit über einem Jahr haben sich alle Pfarreien auf Anregung von Bischof Gerhard Ludwig Müller gemeinsam mit einem Team der neuen geistlichen Gemeinschaft Emmanuel unter Leitung von Christian Haider auf diese Stadtmission vorbereitet. Schon eine Woche vor Startschuss der Mission sind die Studenten der IME in den Schulen unterwegs, um mit den Klassen über den Glauben zu sprechen und die Jugendlichen zur Stadtmission einzuladen.

Die Stadt ist in vier Regionen aufgeteilt. Die Pfarrei Herz Jesu gehört zur Region Altstadt. Sie hat wie jede der vier Regionen Missionare zugeteilt bekommen und bietet gemeinsam mit den Missionaren von Emmanuel zahlreiche Veranstaltungen an, um Gott neu zu entdecken. Durch die Zusammenarbeit der Pfarrgemeinden in der Region rücken alle näher zusammen. W. Kaiser, Pastoralreferent der Pfarrei, freut sich mit seinen Gemeindemitgliedern, die das Angebot der täglichen Missionsmessen und dem Morgenlob mit den frischen, biblisch inspirierten Liedern der Gemeinschaft Emmanuel gern annehmen, selbst wenn es nicht sein Weg ist. Aber doch ein Weg, um der Kirche neue Dynamik und Hoffnung zu schenken. Anna Zahalka, eine ältere Katholikin, hat die Freude der Mission buchstäblich auf die Stimme geschlagen, sie kann wieder mitsingen. „Die freudigen Gottesdienste waren für mich eine Wiederbelebung, ich bin aus der Glaubensmüdigkeit rausgekommen.“

Alexandra Mühlbauer, Pfarrsekretärin der Pfarrei Herz Jesu, hat mit ihrem Mann Konrad schon zum zweiten Mal einen Hauskreis veranstaltet. Drei junge Missionare kommen zu ihren Gästen dazu. Um den Tisch sitzen eine Frau, die vor fünf Jahren wieder in die Kirche eingetreten ist, zwei atheistische Männer ganz in Schwarz, ein von der Kirche enttäuschtes Ehepaar, ein junger Lehrer und das Gastgeberehepaar. Das Ziel: Über Gott ins Gespräch kommen. Erstaunlich offen und unbefangen tauschen die Teilnehmer persönliche Glaubenserfahrungen aus. Die Sprache der Missionare ist einfach, nicht verzückt, sehr ehrlich. Gott nimmt nicht alle Probleme weg, auch nicht in der Kirche, aber man darf sich von diesen Problemen nicht verwirren lassen und Gottes Liebe in seinem Leben nicht mehr sehen. Über die Rolle der Frau in der Kirche ärgert sich ein Ehepaar besonders. Ohne sich in eine Diskussion einzulassen bemerkt eine Missionarin: „Erinnern Sie sich noch an den Papst zur Zeit Katharinas von Siena? Gott funktioniert nicht in unseren Machtsystemen.“ Der neunzehnjährige Steven aus Ägypten, Student der IME aus Altötting fügt hinzu: „Jesus möchte mir seine Freude schenken! Wenn ich das vergesse und mich nur noch ärgere über die Kirche, dann stimmt was nicht.“ Zum Abschluss singen alle gemeinsam das Lied „Komm, lobe unseren Herrn und Gott“ mit Gitarre und Jambe. Die drei Kinder haben sich mittlerweile auch dazugesellt. Gegen Mitternacht verabschiedet sich auch Steven, er hat sich noch lange mit einem Gast ausgetauscht.

In einem anderen Hauskreis beschließen die Teilnehmer, sich weiterhin zu treffen. Der Kolpingverein hat zu seinem regulären Treffen Missionare eingeladen. Nach dem Abend sind einige überrascht, dass Mitglieder aus den eigenen Reihen von ihrer persönlichen Erfahrung mit Gott erzählt haben.

Maria Schambeck, Ärztin und Mutter von drei Kindern, gehört zur Region Altstadt, Dompfarrei. Sie ist verantwortlich für die Übernachtung der Missionare und hat selbst Gäste aufgenommen. Ihre Highlights der Mission sind die Veranstaltung „Musica sacra“ und der Nightfeverabend auf dem Neupfarrplatz, „beides Abende mit unterschiedlicher Zielgruppe, aber professionellem Niveau“.

Im Stadttheater berichtet der emeritierte Domkapellmeister, Apostolischer Protonotar Georg Ratzinger, dass durch die Musik sein Glaube „ins Herz gerutscht“ sei. Olaf Schmidt, Ballettdirektor des Hauses, spricht von Grenzerfahrungen im Tanz, die für ihn auf etwas Höheres hinweisen. Auch wenn er diese Erfahrungen nicht deutlich bezeichnen kann, es gibt mehr für ihn als nur das hier. Umrahmt wird der Abend von „12 geistlichen Gesängen“ von Michael Ostermann. Sehr authentisch und mit sichtbarer Mühe, die richtigen Worte zu finden, lässt der Komponist in sein Leben blicken. Durch eine Glaubenserfahrung konnte er mit der Arbeitslosigkeit als Dirigent umgehen und in seiner neuen Tätigkeit den Ruf Gottes aus seiner Beziehungsunfähigkeit heraus erkennen. Im gefüllten Neuhaussaal ist kein Laut zu hören.

Der Open-Air-Abend für die Jugend „Nightfever“ an Christi Himmelfahrt hat Unterstützung bekommen: Seit heute lassen sich 120 junge Leute im „Youth Mission Forum“ vier Tage zu Missionaren ausbilden, um nachmittags und abends auf die Straße zu gehen. Bei Nightfever sind sie auch dabei und beten. Denn es regnet in Strömen, während schon seit spätem Nachmittag verschiedene Bands spielen und junge Leute vom Glauben sprechen. Doch genau während des Lieds der Priestband „I will raise you up“ klärt sich der Himmel und ein kräftiger Regenbogen erscheint. So kann Überraschungsgast Paddy Kelly, mittlerweile Bruder Jean Paul Mary in der Johannesgemeinschaft, seine Berufungsgeschichte im Trockenen erzählen. Ein paar Minuten später: Fast alle Zuschauer folgen sichtlich beeindruckt einem großen Holzkreuz, das in den Dom getragen wird. Das Mittelschiff ist mit zweitausend Menschen gefüllt. Unablässig bringen Menschen Kerzen nach vorne und knien sich vor das Allerheiligste, Diakone segnen junge Paare, beim „Gebet füreinander“ betet ein Zweiterteam in dem Anliegen, das an sie herangetragen wird, Priester sitzen in den Seitenschiffen und hören Beichte. Bis nach Mitternacht ist Leben im Dom.

Am nächsten Morgen singen die Kinder von Maria Schambeck die Lieder der Priestband. Die sechzehnjährige Tochter ist glücklich, weil fünf Klassenkameradinnen beim Nightfever waren, obwohl die letzte Folge von „Germany's next Topmodel“ lief. „Sie verstehen jetzt, warum ich gern die IME in Altötting besuchen will.“ Die Regensburgerin Schambeck hat den Bischof beobachtet: „Ich habe ihn noch nie so entspannt und voll innerer Freude erlebt.“ Ingrid Wagner, Leiterin der Region Altstadt, zieht ihr persönliches Fazit: „Wir haben nicht nur gegeben, sondern sehr viel Liebe von den Leuten empfangen. Die Mission ist für mich immer wieder eine Erneuerung für meinen eigenen Glauben.“

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