Wenn das Warten auf ein Stück Papier zur Zitterpartie wird

Der Nahostkonflikt wirkt sich auch auf die Heilig-Land-Wallfahrten aus – Palästinenser müssen mit Hürden leben von Johannes Zang

Jerusalem (DT) Der israelisch-palästinensische Konflikt durchzieht den Alltag von Palästinensern weit mehr als den Alltag von Israelis. Palästinenser aus Bethlehem oder Gaza benötigen beispielsweise bis zum heutigen Tag die israelische Zustimmung zur Familienzusammenführung. Diese muss ein Palästinenser beziehungsweise eine Palästinenserin dann beantragen, wenn der Ehepartner aus dem Ausland stammt und beide in den palästinensischen Gebieten leben möchten. Etwa 100 000 Paare warten bis heute auf die Zustimmung, manche schon seit mehr als zehn Jahren. Israel als Besatzungsmacht kontrolliert nach wie vor das Bevölkerungsverzeichnis des West-Jordanlandes und des Gaza-Streifens – Namen oder Adressen kann deshalb die Palästinensische Autonomiebehörde nur mit israelischer Zustimmung ändern.

Auch in anderen Bereichen, in denen man es vielleicht nicht vermuten würde, zeigt sich der Unfriede zwischen Israel und Palästina. Beispiel: Tourismus.

George D. ist palästinensischer Christ aus Bethlehem. Vor einiger Zeit hat der 40-Jährige seinen Lehrerberuf an den Nagel gehängt. Wegen steigender Nachfrage wollte er in seinen alten Beruf als Pilgerführer zurückkehren. Doch wenig später musste der Palästinenser ein Arbeitsangebot absagen – trotz gültigen israelischen Passierscheins, einer Art Visum, das Palästinenser benötigen, um israelisches Staatsgebiet betreten zu dürfen. Der Haken: Die italienischen Pilger, die George D. führen sollte, hatten den Sinai im Programm. Nach der Übergabe der Pilger in die Obhut eines ägyptischen Führers an der israelisch-ägyptischen Grenze, hätte George zwei Tage in Elath auf die Rückkehr der Gruppe warten sollen. Doch dazu kam es nicht. Passierscheine gelten für ganz Israel, jedoch nicht für Elath am Roten Meer.

Dass George D. und seine palästinensischen Kollegen Reisen, die den Sinai im Programm haben, nicht annehmen können, ist bei weitem nicht die einzige Hürde beim Versuch, sich den Lebensunterhalt zu verdienen.

Einmal lief sein Passierschein ab, als er mit einer Pilgergruppe unterwegs war. Er konnte deshalb die Gruppe nicht mehr zum Flughafen begleiten. Der letzte Tag der italienischen Pilger im Heiligen Land wäre für George der erste illegale Tag auf israelischem Staatsgebiet gewesen. „Jemand aus dem Reisebüro übernahm die Gruppe und brachte sie zum Flughafen“, berichtete er unserer Zeitung. Nicht selten hat es der 40-Jährige erlebt, dass 24 Stunden vor einer geplanten Pilgerreise sein längst beantragter israelischer Passierschein noch nicht vorlag. Das Warten auf dieses Stück Papier ist regelmäßig eine Zitterpartie bis zum letzten Tag.

Wie wirkt sich der Bürokratiemarathon der Passierscheine auf die Zusammenarbeit von Reisebüros mit Reiseleitern aus? In der Nebensaison könne man auch noch kurzfristig Ersatz finden, versichert ein Reiseveranstalter aus Jerusalem, der bevorzugt mit palästinensischen Reiseleitern arbeitet. „Aber in der Osterzeit kann ich nicht mehr bis zum letzten Tag auf den Passierschein warten. Versetzen Sie sich doch mal in unsere Situation“, erklärt der Geschäftsmann, der seinen Namen nicht nennen will. Über die Situation der palästinensischen Fremdenführer urteilt er: „Die sitzen ganz schön in der Tinte.“

„Wir können so nicht leben“, klagt George. Eines der Reisebüros, mit dem er zusammenarbeitet, hat ihm einmal empfohlen, er solle sich nach Jerusalem hinüberschmuggeln. Doch was geschähe, sollte er in eine Verkehrskontrolle geraten? „Dann bekomme ich vielleicht nie mehr im Leben einen Passierschein!“, befürchtet er. Einmal wartete George auf seinen Passierschein – einen Frühling lang, auch noch den Sommer, und den halben Herbst. Im November erhielt er endlich seinen Passierschein – am Ende der Reisesaison.

Ein deutscher Reiseleiter, der aus Angst vor Repressalien seinen Namen nicht nennen möchte, weist auf einen ganz anderen Aspekt im Tourismus hin, in dem sich der Konflikt ebenfalls spiegelt: Israelische Nationalparks wie beispielsweise Qumran oder das Herodion liegen auf palästinensischem Boden. Doch fließen sämtliche Eintrittsgelder nach Israel. „Israel erwirtschaftet jährlich mit diesen Nationalparks Millionen von Euro – ein Gewinn, der eigentlich den Palästinensern zusteht!”

Während für die allermeisten der jährlich über zwei Millionen Heilig-Land-Touristen Qumran ein Muss ist, besuchen sie, wenn überhaupt, an palästinensischen Sehenswürdigkeiten allenfalls das 30 000-Einwohnerstädtchen Bethlehem. Dabei gäbe es mit Jericho, Nablus oder Bethanien drei weitere palästinensische Orte, wo der Wallfahrer der Zachäusgeschichte, der Begegnung am Jabobsbrunnen und der Auferweckung des Lazarus gedenken könnte. Für den palästinensisch-evangelischen Pfarrer Mitri Raheb von der Weihnachtskirche in Bethlehem zeigt sich in der Tatsache, dass viele heutige Pilger einen Bogen um das West-Jordanland machen, eine Parallele zur Zeit Jesu. Schon damals mieden fromme Juden Samaria, das heutige nördliche West-Jordanland, aus Gründen der angeblichen Unreinheit. Heutzutage sind es Gründe der (Un-)Erreichbarkeit – im Falle von Nablus bedarf es einer Zustimmung des israelischen Militärs und Bethanien liegt nun hinter der acht Meter hohen israelischen Sperrbarriere, was zu einem Umweg von etwa 10 Kilometern plus Wartezeit an einem Kontrollpunkt zwänge.

Der in Marburg ausgebildete Raheb bemängelt seit Jahren das Ungleichgewicht der Standardpilgerreise: Viele Pilger würden dabei gerade einmal eineinhalb Stunden auf palästinensischer Seite verbringen, die restliche Reise fände dagegen auf israelischem Staatsgebiet statt. Mit den 90 Minuten in Palästina meint der lutherische Pastor die Anfahrt von Jerusalem nach Bethlehem, der Besuch der Geburtskirche und die Rückreise. Der Theologe plädiert deshalb für ein gerechtes Aufteilen einer Reise nach der Formel: die Hälfte der Reise in Israel, die andere in Palästina.

Zukunftsmusik? Derzeit, so meinen die Palästinenser, bleiben für sie von Tourismus und Wallfahrtsgeschäft nur die Brosamen übrig, die vom israelischen Tisch fallen.

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