Würzburg

„Zu dir selbst kehre zurück“

Wie den Kirchenvater Augustinus (354–430) die Sehnsucht nach Gotteserkenntnis und Gottesbeziehung zur Bekehrung und Nachfolge Jesu antrieb.
Heiliger Augustinus
Foto: Benedikt Plesker (KNA) | Lektüre als Tor zur Seligkeit: Augustinus – hier dargestellt am Kölner Dom - gilt vielen als bedeutendster Denker der Spätantike.

Hochwürdigster Herr Bischof Augustinus, in einer Zeit des weltanschaulichen Pluralismus wurden Sie von Ihrer Mutter, einer engagierten Christin, mit der Gottesfrage recht früh vertraut gemacht. Können Sie sich an eine kindliche Form von Gottesbeziehung erinnern?

Schon als Knabe begann ich zu Gott zu flehen, ... und ich betete – ich kleiner Mann mit großer Inbrunst –, dass ich doch in der Schule nicht geschlagen würde.

Als Sie ein bildungsorientierter und erfolgreicher junger Mann wurden, haben Sie Gott aus den Augen beziehungsweise aus dem Herzen verloren. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Meine Sünde ... lag darin, dass ich Freude, Erhebung, Wahrheit nicht in Gott, sondern in seinen Geschöpfen, in mir und den anderen, suchte und so in Schmerz, Verwirrung und Irrtum versank. Du (Gott) standest vor mir. Ich aber war vor mir selbst weggelaufen und fand mich nicht mehr, wieviel weniger Dich.

Was war inmitten Ihrer steilen akademischen Karriere der Anstoß, sich erneut der Frage nach Lebensorientierung und nach Gott zuzuwenden?

Im Verlauf des konventionellen Studienganges geriet ich an das Buch eines gewissen Cicero ... Jenes Buch indes enthält seine Aufforderung, sich mit der Philosophie zu beschäftigen; es trägt den Titel Hortensius. Jenes Buch führte fürwahr eine geistige Wende herbei und es veränderte meine Gebete, meine Wünsche und meine Sehnsüchte. Plötzlich verblasste in mir alle eitle Hoffnung und ich lechzte nach der unsterblichen Weisheit mit einer unglaublichen Heftigkeit, und ich begann mich zu erheben, um zu Gott zurückzukehren.

Mit Anfang 30 machten Sie dann bekanntlich eine religiöse Schlüsselerfahrung, die Ihr bisheriges Leben auf den Kopf stellte und Sie ganz auf den Weg der Spiritualität führte. Bitte zitieren Sie uns doch eine Passage aus Ihren Bekenntnissen, in denen Sie diese Gotteserfahrung literarisch gestalten.

Spät habe ich dich geliebt, du Schönheit, so alt und doch so neu, spät habe ich dich geliebt. Und siehe, du warst drinnen und ich draußen, und dort habe ich dich gesucht, in jenen wohlgestalteten Dingen, die du schufst, suchte ich missgestaltet das Heil. Du warst zwar mit mir, aber ich nicht mit dir. Weit hielten mich jene Dinge von dir entfernt, die kein Sein hätten, wären sie nicht in dir. Du hast gerufen, du hast geschrien und hast meine Taubheit zerrissen; du hast geblitzt und gestrahlt und hast meine Blindheit in die Flucht geschlagen; du hast geduftet, und ich habe deinen Hauch eingesogen und nun lechze ich nach dir; ich habe dich gekostet und ich hungere und dürste; du hast mich angerührt, und da bin ich entbrannt nach deinem Frieden.

"Suche ich dich, mein Gott, so suche
ich das glückselige Leben. Ich werde dich
suchen, damit meine Seele lebe"

Bedeutete diese radikale Hinwendung zum Christentum, zur Kirche und zu Gott für Sie nicht einen Verlust an Identität, Selbstverwirklichung und Lebensglück? Auch dazu dürfen Sie uns gerne aus Ihrem Dialog mit Gott in den Bekenntnissen zitieren.

Suche ich dich, mein Gott, so suche ich das glückselige Leben. Ich werde dich suchen, damit meine Seele lebe. Es lebt nämlich mein Körper von meiner Seele und meine Seele von dir.

Das eben gefallene Stichwort „Suche“ spielt ja in Ihrem Gottesbild ohnehin eine große Rolle; ich denke da nur an Ihre bekannte Formel „Du (Gott) hast uns zu Dir hin geschaffen, und ruhelos ist unser Herz, bis es ausruhen kann in Dir“ (Bekenntnisse 1,1). Können Sie uns dieses fast schon geflügelte Wort ein wenig erläutern?

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Ist Gott vielleicht, auch wenn er bereits gefunden ist, immer noch zu suchen? Natürlich, denn das Unbegreifliche ist so zu suchen, dass der Suchende nicht meine, er habe überhaupt nichts gefunden, wenngleich unbegreiflich ist, was er suchte und finden konnte. Warum also sucht er so leidenschaftlich, wenn man doch begreift, dass das, was man sucht, unbegreiflich ist, warum anders als deshalb, weil man nicht nachlassen darf, solange man bei der Suche nach unbegreiflichen Dingen Fortschritte macht, weil besser und besser der wird, der ein so großes Gut sucht, das man sucht, um es zu finden, das man findet, um es weiter zu suchen? Denn es wird sowohl gesucht, um es süßer zu finden, als auch gefunden, um es noch begieriger zu suchen.

Das ist freilich schwierige Kost, Herr Bischof, und klingt nach mystischer Erfahrung, die womöglich nicht jedem Zeitgenossen gegeben ist.

Geh nicht nach außen, zu dir selbst kehre zurück; im inneren Menschen wohnt die Wahrheit.

Aber gibt es denn nicht auch innerhalb unserer „normalen“ Lebenswelt Möglichkeiten, der Gottesfrage und womöglich Gott selbst näherzukommen?

Lasst uns sehen, wie weit die Vernunft vom Sichtbaren zum Unsichtbaren und vom Zeitlichen zum Ewigen fortschreitend sich aufzuschwingen vermag. Nicht vergebens und nutzlos soll man die Schönheit des Himmels betrachten, die Ordnung der Gestirne, den Glanz des Lichtes, den Wechsel von Tag und Nacht, den Monatslauf des Mondes, die vierfach geordneten Jahreszeiten mit den ebenfalls vierfachen Elementen, die so große Kraft des Samens, der Arten und Zahlen hervortreibt und alles nach seiner Gattung, seinem Maß und seiner Natur bewahrt. Bei Betrachtung dieser Dinge darf freilich nicht die Befriedigung eitler und flüchtiger Neugierde im Vordergrund stehen, vielmehr soll diese um des Aufstiegs zum Unsterblichen und allzeit Bleibenden willen unternommen werden.

"Gott ist unaussprechlich; es ist leichter zu sagen,
was er nicht ist, als was er ist"

Sie haben diese Aufstiegswege nach innen und nach oben ja selbst vollzogen. Sind Sie damit denn am Ziel der Gotteserkenntnis angelangt und können unseren Lesern kurz skizzieren, was und wie Gott denn nun tatsächlich ist?

Gott ist unaussprechlich; es ist leichter zu sagen, was er nicht ist, als was er ist. Du denkst an die Erde: Gott ist das nicht; du denkst ans Meer: Gott ist das nicht; alles, was auf Erden lebt, Menschen und Tiere: Gott ist das nicht; alles, was im Meer lebt, was in den Lüften fliegt: Gott ist das nicht; was immer am Himmel leuchtet, die Sterne, die Sonne und der Mond: Gott ist das nicht; selbst der Himmel: Gott ist das nicht; denke an die Engel, an die Kräfte, an die Mächte, an die Erzengel, an die Throne, an die Grundfeste, an die Herrschaften: Gott ist das nicht. Was also ist er? Ich kann nur sagen, was er nicht ist. Fragst du dennoch, was er sei? Was kein Auge gesehen, kein Ohr gehört, was keinem Menschenherz in den Sinn gekommen ist. (vgl. Erster Korintherbrief 2, 9)

So spielt also die „Hoffnung“ für Sie eine große Rolle bei der Gotteserkenntnis und Gottesbeziehung. Wie aber steht es mit der Bedeutung der beiden weiteren „theologischen Tugenden“: dem Glauben und der Liebe?

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Was die menschliche Vernunft zu bewerkstelligen nicht in der Lage ist, das gelingt dem Glauben. Und wo die menschliche Vernunft versagt, dort erweist sich der Glaube als erfolgreich.

Und wie steht es mit der Liebe? Braucht man die überhaupt für das Erkennen Gottes und für eine gelungene Gottesbeziehung?

Man liebt nicht, was man überhaupt nicht kennt. Liebt man aber, was man auch nur einigermaßen kennt, so bewirkt die Liebe, dass man es besser und vollkommener erkennt. Was muss man also machen ... wenn nicht denjenigen, den wir erkennen wollen, zuvor mit unserer ganzen Liebe zu lieben?

Gott lieben und dadurch Gott erkennen – das klingt einfacher, als es ist. Wir Menschen haben doch zunächst nur unsere menschlich-allzu-menschlichen Artgenossen vor unserer Nase.

Erst indem du den Nächsten liebst und für deinen Nächsten Sorge trägst, begibst du dich auf den Weg. Wohin geht dein Weg, wenn nicht zu Gott dem Herrn; zu ihm, den wir lieben sollen aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele, aus ganzem Geiste? Wir sind nämlich noch nicht beim Herrn angelangt, aber wir haben den Nächsten bereits bei uns. Trage also ihn, mit dem du dich auf dem Weg befindest, um zu dem zu gelangen, bei dem zu bleiben du dich sehnst.

Verehrter Herr Bischof Augustinus, wir danken Ihnen für das Interview!


Der Verfasser ist wissenschaftlicher Leiter des Zentrums für Augustinusforschung an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg sowie Projektleiter und Herausgeber des Augustinus-Lexikons

 

Lesetipps:

Das Interview bezieht sich auf die autobiographischen Bekenntnisse Augustins, ferne seine Schriften Über die wahre Religion, Über die Dreieinigkeit, Über die Sitten der katholischen Kirche und der Manichäer, seine Auslegung der Psalmen und des Johannesevangeliums sowie seine Predigten.
Quellen:
Corpus Augustinianum Giessense a Cornelio Mayer editum (Online-Datenbank sämtlicher lateinischer Schriften Augustins)
Augustinus, Confessiones – Bekenntnisse (in verschiedenen deutschen Übersetzungen)
Augustinus – Opera – Werke. Deutsche Gesamtausgabe (in Entstehung), Paderborn 2002 ff.
Augustinus-Lexikon. Hrsg. von Cornelius P. Mayer u.a., Basel 1986 ff.

Ausführliche Informationen über sein Leben und Werk unter: www.augustinus.de

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