Fünfhundert Jahre Wormser Reichstag

Wie Luthers Gedankenwelt sich heute im deutschen Katholizismus spiegelt

Luther gilt seit der Reformation als Übervater der Deutschen, der sie aus Unfreiheit und Bevormundung geführt hat. Wie sehr der lutherische Geist die Deutschen gefangen hält, zeigt sich aktuell in der frappierenden Lust am Aufbegehren gegen Rom.
Segnung homosexueller Paare in München
Foto: Felix Hörhager (dpa) | Der lutherische Widerstandsgeist prägt die Deutschen noch heute: Trotz des Neins der Glaubenskongregation zur Segnung homosexueller Paare, fanden am 10. Mai deutschlandweit Segnungsgottesdienste statt.

Nationaler Überschwang herrschte 1875 in der "Gartenlaube", der großen deutschen Illustrierten des 19. Jahrhunderts. Anlass war die Einweihung des Hermannsdenkmals. Das Massenblatt verkündete  von den Erfahrungen des Deutsch-Französischen Krieges und der Reichsgründung gezeichnet   das Denkmal werde auch noch "ferne Geschlechter" daran erinnern, unter dem Schlachtruf "Wider Rom!" zu den Waffen zu greifen.

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Luther und Arminius: Die Überväter der Deutschen

Das Satireblatt "Kladderadatsch" begleitete das Geschehen mit einer Karikatur, die Arminius und Luther im gemeinsamen Kampf gegen Rom einte, mit dem Versprechen, dass der Reformator dort siegen werde, wo schon der Cheruskerführer gesiegt habe. Der Kulturkampf befand sich auf dem Höhepunkt, doch der aktuelle Konflikt war nur eine Facette. Wie Arminius galt Luther als Übervater der Deutschen, der sie aus Unfreiheit und Bevormundung geführt hatte, Luthertum und Deutschtum waren identisch. Dass ein Drittel der Deutschen katholisch war, störte kaum; wichtiger war die über Jahrhunderte ausgebildete geistige Verfassung.

Es wäre zu einfach, die Selbstinszenierung des Deutschen Kaiserreichs als "Heiliges Evangelisches Reich Deutscher Nation" und den dort gepflegten Luthermythos als historische Wahrheit zu verbuchen und die damalige Luther-Rezeption zum alleinigen Schlüssel für den Einfluss des Reformators auf die deutsche Seele zu erklären. Doch offenbart sich in ihr jener Geist, der tatsächlich als lutherisches Gedankensubstrat diagnostiziert werden kann.

Reformation: Instrument deutscher Territorialfürsten

Luther ist der einsame Revolutionär eines zur Innerlichkeit neigenden Volkes, dem der Aufstand zutiefst zuwider bleibt. Umso mehr hat dieser Anführer der eigentlichen deutschen Revolution  - eine "Reformation" waren die Ereignisse ab 1517 im Wortsinn nie - Spuren in der Erinnerungskultur hinterlassen, weil sein Widerstand nicht partiell, nicht nuanciert oder nur auf eine Ebene bezogen war; Luthers Aufbegehren war eine prinzipielle Sache. "Deutsch sein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen tun" mag zwar ein verkürztes Zitat des Komponisten Richard Wagner sein, steht aber ganz in der Tradition dieser lutherischen, in seiner Evolution späterhin preußischen und damit reichsdeutschen Gedankenwelt.

Luther spaltete nicht nur das abendländische Christentum, indem er gegen den Papst opponierte. Die Reformation wurde zum Instrument deutscher Territorialfürsten, um sich den Ansprüchen des Kaisers zu widersetzen. Die protestantische Opposition verhinderte nicht nur die Erbfolge der Habsburger als römisch-deutsche Kaiser, sondern auch eine Straffung des Reiches, zuletzt im Dreißigjährigen Krieg; in der Gestalt Friedrichs II. von Preußen gewann dieser protestantische Geist menschliche Gestalt, indem dieser mit Verweis auf Preußens "Unabhängigkeit" nicht nur gegen Reich und Kaiser Krieg führte, sondern sogar das österreichische Schlesien stahl.

Luther vertiefte anti-römischen Reflex in der deutschen Seele

Mit Luther vertiefte sich ein anti-römischer Reflex in der deutschen Seele, den spätere Nationalisten als Narrativ aufnahmen. Der lutherische Geist stellte sich fortan gegen "äußere Kräfte", die als römisch-imperial wahrgenommen wurden: zuerst in der Gestalt des Papstes, im Dreißigjährigen Krieg in der des Kaisers; in den Koalitionskriegen kehrte der Gegner als napoleonisches Schreckbild zurück, im Zeitalter des Nationalismus richtete sich der Widerstand gegen alles "Welsche". Letzteres war nicht nur angesichts der alten französischen Affinität Preußens eine Ironie, sondern eine zutiefst tragische Wendung der Geschichte.

Dass von den germanischen Stämmen nur die eine historische Relevanz erhielten, die sich gleichermaßen zu Jesus Christus wie zum römischen Erbe bekannt hatten, geriet als eigentliche Genese der Deutschen in Vergessenheit. Dabei waren es die Franken, die das abendländische Kaisertum in tiefer Verbundenheit mit Rom begründeten, waren es die römisch-deutschen Könige, die als Verteidiger des Glaubens sich nicht als Widersacher, sondern im Gegenteil als Nachfolger Roms verstanden. Trotz Differenzen gab es keinen Zweifel daran, dass die Kaiser seit karolingischer Zeit als "defensor ecclesiae" Schutzherren der katholischen Kirche waren.

"Spießige brandenburgische Kleinstadt" statt
universal-katholische Reichsvorstellung

Mit Luther wandten sich die Deutschen von der abendländischen Mission zugunsten eines lokalen, später: nationalen Schollenbewusstseins ab. Dass Luthers Widersacher, Kaiser Karl V., noch nach Italien zog, sich vom Papst krönen ließ und sich damit als "universaler" christlicher Herrscher verstand, seine Nachfolger jedoch auf diese Tradition verzichteten, belegt den Gesinnungswandel. Das Heilige Römische Reich wurde auch in Deutschland immer mehr als ein Korpus "Deutscher Nation" verstanden. Die preußische Geschichtsschreibung sollte den "Blick nach Rom" später als Irrweg abstempeln, im Gegensatz zu jenem von Heinrich dem Löwen geprägten Drang nach Osten.

Dass nicht die tausend Jahre Heiligen Römischen Reiches mit seinen freien Städten und geistlichen Stiften, sondern das halbe Jahrhundert Preußendeutschland bis heute das Geschichtsbewusstsein prägt, ist ganz lutherisch gedacht: das Deutsche Reich von 1871 als Erfüllung einer protestantischen Erzählung, wogegen das "Alte" Reich mit seinen katholischen Monarchen, seinen nicht-deutschen Völkern, seiner europäischen Vernetzung und seinen Kompromissen bis hin zum Laissez-faire ganz im Gegensatz zur preußisch-protestantischen Idee stand. An die Stelle der Pracht einer universal-katholischen Reichsvorstellung trat die Norm einer spießigen brandenburgischen Kleinstadt.

Luthers neue Ordnung war keine freiheitliche

In seiner Schrift "Deutschland und die Deutschen" legt Thomas Mann dar, dass die deutsche Innerlichkeit und Luther im politischen Bereich eine schicksalhafte Synergie bildeten. Luthers neue Ordnung war keine freiheitliche. Als Instrument der Fürsten zeigte Luther eine Untertänigkeit, die er gegenüber der Geistlichkeit vermissen ließ. Wie sehr die unterwürfige Haltung der Deutschen in Staatsbelangen mit Luthers Wirken zusammenhängt, zeigt sich an den Stereotypen, die die Außenwelt den Deutschen zuschrieb.

Noch im 16. Jahrhundert bewunderte Machiavelli die Selbstbehauptung der Deutschen gegen ihre Fürsten; und selbst im 18. Jahrhundert galten die Deutschen als schwer zu "gängeln", da sie immer wieder gegen als ungerecht empfundene Gesetze rebellierten, indem sie diese schlicht nicht befolgten. Erst ab dem 19. Jahrhundert verfestigte sich das Bild des Deutschen als staatsgläubiger Untertan. Die von der Theologie Luthers beeinflusste Philosophie Hegels hat dem ebenso Vorschub geleistet wie der real-existierende preußische Staat, dessen protestantische Identität prägend war. Zu dieser Wahrheit gehört auch, dass derselbe Luther, der die "Freiheit eines Christenmenschen" schrieb, zur Tötung jener Bauern aufrief, die sich auf diese Freiheit beriefen. Die "geistige Freiheit" galt den Deutschen ab Luther mehr als die politische.

Vernunft hat bei Luther keinen hohen Stellenwert

Generationen deutscher Intellektueller haben eine Verbindungslinie zwischen Luther, der Aufklärung und dem deutschen Idealismus gezogen. Die These ist in ihren Details anzufechten: Die für die Aufklärung so wichtige Vernunft hat bei Luther keinen hohen Stellenwert, der in seiner anti-thomistischen Theologie die Vernunft eine "Hure des Teufels" nennt. Andererseits ist das Fortleben lutherischer Mentalität im Sinne "geistiger Autonomie" kaum abzustreiten;

wie Luther glaubte, allein die Bibel verstehen und deuten zu können, so glaubten die Aufklärer, ganz auf ihre Vernunft bauen zu können, um der Welt ihre Geheimnisse zu entlocken. Die Liebe zum Geist, zum Idealismus, zur Theorie, zur These, zum Persönlichen   entspringt nicht zuletzt einer lutherischen Geisteswelt, über die nicht nur die katholischen Nachbarn, sondern auch die anglikanischen Engländer immer wieder erstaunt sind, etwa, wenn Deutschland moralische Entscheidungen trifft, die den ganzen Globus betreffen sollen, obwohl die Deutschen nur ein Hundertstel der Weltbevölkerung ausmachen.

Heutiger belehrender Tonfall erinnert an den Wormser Reichstag

Es ist eine Mentalität, die den Geist über das Leben stellt, im festen Bewusstsein, einem geradlinigen, moralischen, überlegenen Weg gewählt zu haben. Der im Ausland gefürchtete belehrende Tonfall, der bei Widerspruch angeschlagen wird, erreicht manchmal eine unversöhnliche Standfestigkeit, die an Episoden auf dem Wormser Reichstag von 1521 erinnert. Tempi passati? Wie sehr der lutherische Geist die Deutschen gefangen hält, selbst wenn sie katholisch getauft sind, zeigt sich aktuell in einer frappierenden Lust am Aufbegehren gegen Rom und in der tiefen, unversöhnlichen Überzeugung, es ohne Rücksicht auf Verluste besser als alle anderen zu wissen.

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