Berlin

Wenn katholische Parallelkirchen aufeinanderprallen

Während in der Canisius-Kirche in Berlin homosexuelle Paare gesegnet werden, protestieren junge Katholiken gegen die Segnungsfeiern. Ein Bild der sich spaltenden Kirche und den daraus hervorgehenden rivalisierten Parallelkirchen.
Protest gegen Segnung homosexueller Paare
Foto: Marco Gallina | Eine Gruppe von jungen Katholiken protestiert gegen die Segnung homosexueller Paare, die gegenüber in der Canisius-Kirche in Berlin stattfindet.

Er sei „wütend“, sagt Jan Korditschke. Der Ordenspriester der Jesuitenpfarrei Sankt Canisius in Berlin-Charlottenburg macht seinen Unmut über das Responsum der Glaubenskongregation, mit dem diese Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare verbietet, deutlich. Auf der Webseite der Pfarrei schreibt er: „Ich bin über dieses Verbot entsetzt und schäme mich für die Homophobie meiner Kirche.“

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Die „Vielfalt der Lebensentwürfe und Liebesgeschichten“ feiern

Ein Segnungsgottesdienst zum Valentinstag, wie er in „St. Canisius und andernorts guter Brauch“ seien, „wäre also gar nicht mehr (…) durchführbar, wenn das römische Verbot konsequent zu Ende gedacht würde“. Dazu zählt auch die Segnung von Wiederverheirateten und Paaren, die „einfach so“ zusammenlebten. „Ich bin sicher, dass dieser Gott die Liebe zweier Menschen würdigt – völlig unabhängig von Geschlecht oder sexueller Orientierung und auch bei einem kirchenrechtlich ,irregulären‘ Status.“ Auch gegenüber der TAZ schafft er sich Luft. Er möchte mit seinem Segen „das Gute feiern“, dazu gehöre auch die Liebe von homosexuellen Paaren – auch wenn das der „derzeitigen offiziellen Lehre“ widerspreche.

Die Einladung zur Segensfeier für homosexuelle Paare am 16. Mai fällt dementsprechend inklusiv aus: „Dabei wollen wir keine:n ausschließen.“ Die Aktion, die vierte dieser Art in der Millionenmetropole Berlin, steht unter dem Motto „Nie sollen Liebe und Treue Dich verlassen!“ (Sprüche 3,3). Man wolle die „Vielfalt der Lebensentwürfe und Liebesgeschichten“ feiern. Korditschke rebelliert als Jesuit gegen Rom, hat aber die „ausdrückliche Unterstützung“ der Jesuiten-Kommunität, wie er in seiner Predigt wiederholt. Keiner soll ausgeschlossen werden – das lassen sich auch einige junge Katholiken nicht zweimal sagen.

Junge Katholiken protestieren gleichzeitig gegen Segnungsaktion

Während der Gottesdienst in und vor der Canisius-Kirche stattfindet, breitet die Gruppe ein Plakat aus: „Gott segnet nicht die Sünde“. Es ist das Gegenprogramm zu der Veranstaltung, die per Mikrofon und Lautsprecher bis auf die gegenüberliegende Straßenseite schallt. Das gute Dutzend junger Erwachsener stimmt den Rosenkranz an, bittet Maria um die „Einheit der Kirche“.

Während auf der einen Seite das Ave Maria und das Gebet zum heiligen Erzengel Michael erklingt, predigt Korditschke gegenüber zu den Paaren. „Eure Liebe ist das Gegenteil von Sünde, ein Grund zum Feiern, ein Grund zur Freude“. Es müsse Schluss sein mit der „Heimlichkeit“, kein Licht dürfe unter den Scheffel gestellt werden. Die Gruppe betet im Angesicht der modernistischen Betonkirche das nächste Ave, während dissonante Harfentöne bei der Segenshandlung aus der Kirche tönen.

Keine Diskussion zwischen den beiden Gruppen

Es ergibt sich das bizarre Bild zweier rivalisierender Parallelkirchen. Die Gemeinde und Korditschke ignorieren die Aktion – mehrheitlich. Ältere Gottesdienstbesucher echauffieren sich über den „Hochmut“ der Gruppe, die sich anmaße, über Sünde urteilen zu wollen. Eine Frau sagt: „Ihr seid doch alle bescheuert.“ Einige jüngere Gottesdienstbesucher zeigen sich dagegen freundlicher.

Nach der Segnung kommt auch einer der Priester ins Gespräch mit der Gruppe, erkundigt sich darüber, ob es sich um eine Organisation handelt. Die Antwort fällt negativ aus. Eine Diskussion findet nicht statt. „Ich wollte ein Zeichen setzen, dass es ein Irrtum und ein schwerer Fehler ist, den katholischen Glauben nach eigenem Gutdünken neu zu definieren“, sagt einer der Teilnehmer. „Mit der Segnung homosexueller Paare kommen die ausführenden Priester ihrem Auftrag, die ihnen anvertrauten Gläubigen recht zu leiten, nicht nach“, rechtfertigt sich ein anderer. Ein „Sakrileg“ nennt es eine junge Erwachsene, die sich „hoffnungslos“ fühlt, aber mit ihrer Anwesenheit zeigen möchte, dass nicht alle Katholiken den Vorgängen indifferent gegenüberstehen. Weitere Aktionen planen die Beteiligten nicht – jedenfalls solange, wie auch von den Initiatoren von „Liebe gewinnt“ nichts Neues kommt.

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