Kommentar um "5 vor 12"

Wenn der Kriminologe das Schweigen der Hirten bricht

Der Umgang mit Missbrauchsfällen wirft erneut die Frage auf, wie Christen mit einer bischöflichen Bitte um Verzeihung umgehen. Dem Kriminologen Pfeiffer, der indirekt das Schweigen bricht, geht es um Grundsätzliches.
Kriminologe Christian Pfeiffer
Foto: Horst Galuschka (dpa) | Christian Pfeiffer bescheinigt dem Münchner Kardinal Reinhard Marx einerseits schwere Fehler im Umgang mit Missbrauchsfällen, schließt zugleich aber auch dessen guten Willen nicht aus.

Seit dem Fall Limburg belastet den deutschen Katholizismus eine ungeklärte Frage: Wie gehen Christen mit der Bitte um Verzeihung eines Bischofs um? Reagiert man je nach kirchenpolitischer Gesinnung mit Häme oder Erleichterung? Unterwerfen sich die Gläubigen in puncto Vergebung den Forderungen eines kirchenpolitischen Lagers oder handeln sie konsequent nach der Bibel?

Pfeiffer bescheinigt Marx schwere Fehler

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Der Umgang mit Missbrauchsfällen bringt diese Frage erneut aufs Tapet. Bezeichnenderweise bricht ein Kriminologe nun indirekt das Schweigen der Hirten. Christian Pfeiffer bescheinigt dem Münchner Kardinal Reinhard Marx einerseits schwere Fehler im Umgang mit Missbrauchsfällen, schließt zugleich aber auch dessen guten Willen nicht aus: Es gebe aus seiner Sicht tatsächlich Signale, dass Marx anderen Sinnes werden wolle, zitiert die dpa Pfeiffer. Vielleicht
habe sich hier einer vom Saulus zum Paulus gewandelt.

Es geht Pfeiffer bei diesen Überlegungen nicht allein um den Münchner Erzbischof, sondern auch um Grundsätzliches: Während er in der Debatte um das abgelehnte Rücktrittsgesuch von Kardinal Marx eine kritische Auseinandersetzung mit dessen Rolle im Missbrauchsskandal vermisst, bescheinigt er dem vielgescholtenen Kölner Kardinal Woelki, mit der Veröffentlichung seiner Studie mehr zu tatsächlicher Transparenz beigetragen zu haben als Marx.

Woelki noch ohne völlige Absolution

Trotz des qualitativ überlegenen Kölner Gutachtens und mehrfacher Bitten um Entschuldigung für begangene Fehler scheint Woelki aber noch nicht von allen die Absolution erhalten zu haben, während Marx vor kritischen Nachfragen wie durch Teflon geschützt zu sein scheint. Dem Münchner Erzbischof ist keineswegs eine Kampagne Kölner Stils zu wünschen, aber den verfeindeten Lagern innerhalb der katholischen Kirche ein besonnener Blick auf Personen: Vielleicht ist das Missbrauchsdrama bei aller Tragik auch ein Anstoß, um das Gebot der Vergebung und zugleich die biblisch begründete Tradition der brüderlichen Zurechtweisung im praktischen Umgang mit den Hirten neu zu entdecken. Sonst wird die kirchliche Gemeinschaft zur Karikatur der biblischen Botschaft. 

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