Osternacht

Warum wird in der Osternacht die Opferung Isaaks gelesen?

Eine Lesung, die für Unbehagen sorgt: Die Beinahe-Opferung Isaaks wird in der Osternacht gerne ausgelassen. Sie ist aber eine wichtige Parallele zur Leidensgeschichte Jesu.
Opferung Isaaks
| Die Sinnspitze der Prüfung Abrahams besteht nicht darin, ob er bereit ist, seinen Sohn zu opfern, sondern darin, ob er im Aus-der-Hand-Geben des Garanten der Verheißung, in diesem Sohn Nachkommen, Land und Zukunft zu ...

Zur Liturgie der Osternacht gehören sieben Lesungen aus dem Alten Testament. Auf die Schöpfungsgeschichte folgt an zweiter Stelle die Opferung Isaaks. Sie wird allerdings höchst selten vorgetragen. Viele Zelebranten lassen diese anstößige Geschichte bei der erlaubten Beschränkung auf die Mindestzahl von drei alttestamentlichen Texten lieber weg.

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In der Tat wird Abraham, der seinen geliebten Sohn im Gehorsam Gott gegenüber als Brandopfer darzubringen bereit ist, etwa von Immanuel Kant als „gewissenlos“ und damit als Mörder verurteilt. Der christliche Philosoph Kierkegaard kann die Tat nur mittels der Konstruktion einer religiösen „Suspension des Ethischen“ rechtfertigen. Für Jürgen Habermas handelt es sich um einen „moralisch obszönen Befehl“ Gottes.

Gibt es überhaupt einen inneren Zusammenhang der Bindung Isaaks mit der Osterbotschaft? Im Buch Genesis 22, 1–19 heißt es, dass Abraham von Gott „auf die Probe“ gestellt wird: Auf einem Berg im Land Morija soll er seinen einzigen Sohn opfern. Während des Aufstiegs fragt Isaak, der das Holz für das Brandopfer trägt, wo denn das Opfertier sei. Da antwortet der Vater: „Gott wird sich das Opferlamm aussuchen.“ Als Abraham über dem gefesselten Sohn das Messer erhebt, ruft ein „Engel des Herrn“: „Strecke deine Hand nicht gegen den Knaben aus und tu ihm nichts zuleide! Denn jetzt weiß ich, dass du Gott fürchtest; du hast mir deinen einzigen Sohn nicht vorenthalten.“

Augustinus sieht sowohl in Isaak wie auch im Widder Vorausbilder des Kreuzestodes Jesu Christi

Aufblickend sieht Abraham einen Widder, der sich „hinter ihm mit seinen Hörnern im Gestrüpp verfangen“ hat. Nachdem Abraham den Widder „statt seines Sohnes als Brandopfer“ dargebracht hat, erneuert der Engel Gottes Verheißung: „Weil du … deinen einzigen Sohn mir nicht vorenthalten hast, will ich dir Segen schenken in Fülle und deine Nachkommen zahlreich machen wie die Sterne am Himmel und den Sand am Meeresstrand.“

Der Weg zum Verständnis dieser Lesung der Osternacht führt über die Theologie der Kirchenväter. Augustinus deutet das Opfer Abrahams folgendermaßen: „Deshalb trug, wie der Herr sein Kreuz, so auch Isaak sich selbst das Holz, auf das er gelegt werden sollte, zur Opferstätte. Aber Isaak sollte nicht getötet werden, und deshalb zeigte sich ein Widder, nachdem seinem Vater der tödliche Streich verwehrt worden war, und durch dessen Schlachtung wurde das Opfer sinnbildlich im Blut vollzogen. Was hat es nun mit dem Widder für eine Bewandtnis? Er hing, als Abraham ihn sah, mit den Hörnern im Gestrüpp fest. Wen also versinnbildlicht er? Doch wohl nur Jesus, wie er vor seiner Opferung … mit Dornen gekrönt wurde.“

Papst Benedikt XVI. sieht in Isaaks Namen eine Prophezeihung
seines Schicksals

Für Augustinus sind sowohl Isaak wie auch der Widder Vorausbilder des Kreuzestodes Jesu Christi. Der Widder ist das Ersatzopfer für Isaak. Das Opferholz tragend wurde er zum Vorausbild des kreuztragenden Christus, der die Dornenkrone trug, die im Widder, der sich mit den Hörnern in den Dornen verfangen hatte, vorausgebildet wird. Im blutigen Opfer des Widders wird der Kreuzestod selbst vorgebildet.

In der Linie seines Lehrers Augustinus deutet auch Papst Benedikt XVI. die Opferung Isaaks. Er geht aus von der Wurzel „lachen“, die im Namen Isaak enthalten ist und die auf das ungläubige Lachen Saras bezogen wird, als ihr in hohem Alter von Gott die Geburt eines Sohnes angekündigt wurde. Benedikt bezieht das Lachen auf Isaak selbst: „Hatte er nicht Grund zu lachen, als nach der ungeheuren Anspannung der Todesangst sich plötzlich der gefangene Widder als des Rätsels Lösung erwies?“ Jesus ist die im Widder vorausgesehene Ab-Lösung Isaaks.

Gott gab, was Abraham nicht geben musste: seinen einzigen Sohn

Wie für Augustinus ist auch für Papst Benedikt das Opfer Isaaks ein unvollkommenes Vorbild, das erst durch den geopferten Widder zum vollständigen Vorausbild wird: „Der Aufstieg des Sohnes auf den Berg der Opferung zeigt, dass der Ewige Vater tatsächlich das gegeben hat, was Abraham nicht geben musste: … er hat den Sohn zum Opfer gebracht, der Sohn selbst hat sich zum Lamm für uns gemacht und uns so erlöst.“

Ausgehend vom nicht zu Ende geführten Opfer Abrahams entwickelt Benedikt seine Theologie der Liturgie: Es blieb im Tempelkult Israels beim Ersatzopfer, während im Opfer des Widders bereits das „Geheimnis des Kommenden“ aufleuchtete. Jesus leistete stellvertretend für jeden Menschen die vollkommene Hingabe, das wirkliche Opfer, durch das alle Ersatzopfer der Religionsgeschichte aufgehoben worden sind. Gott gibt das Lamm (Jesus Christus) als Ersatz und Abraham schenkt es Gott zurück. Dies ist für Papst Benedikt der Inhalt der großen Danksagung, der Eucharistie: Der Lobpreis dessen, der kein Ersatz ist, sondern „wirkliche Vertretung“.

Philosoph Jörg Splett: Nicht nur Isaak und Widder sind Vorausbilder Jesu, sondern auch Abraham

Oder mit den Worten des Ersten Petrusbriefes gesagt, in dem es unter Anspielung auf das Paschalamm heißt: „Ihr wisst, dass ihr losgekauft wurdet … mit dem kostbaren Blut Christi, des Lammes ohne Fehl und Makel. Er war schon vor der Erschaffung der Welt dazu ausersehen, und euretwegen ist er am Ende der Zeiten erschienen.“

Für den Philosophen Jörg Splett sind nicht nur Isaak und der Widder Vorausbilder Jesu, sondern auch Abraham. Seine Argumentation in Kürze: Jedem Sollen entspricht ein grundlegendes Ja. Das Gute ist, weil es das Gute ist, auch für mich gut. Die Gebote selbst sind Licht („Das Gebot des Herrn ist lauter, es erleuchtet die Augen“ Psalm 19, 9).

Grundlegende Frage der Prüfung: Ist Gott alles wert?

Die Sinnspitze der Prüfung Abrahams besteht nicht darin, ob er bereit ist, seinen Sohn zu opfern, sondern darin, ob er im Aus-der-Hand-Geben des Garanten der Verheißung, in diesem Sohn Nachkommen, Land und Zukunft zu erhalten, festhält. Vater des Glaubens kann keiner sein, der der Versuchung erliegt, unabhängig von Gott seine eigene Dynastie errichten zu wollen.

Durch das Bestehen dieser Prüfung wurde Abraham unser Vater im Glauben. Sein Glaube – „Hoffen gegen alle Hoffnung“ – wurde erprobt oder besser auf diese Weise hergestellt: „Unser Bestes, wir selbst müssen uns genommen, entrissen werden. Vom Süßesten bis zum Schlimmsten kommen wir nur ,hingerissen‘ über uns hinaus. Darum steht diese Erprobung auch uns allen bevor. Spätestens im Tode, wenn wir … nicht mehr leben dürfen, … und doch wider allen Anschein daran festhalten …, dass Gott der Herr des Lebens ist, der es für uns und jeden in Fülle bereithält.“

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Papst Benedikt: losgebundener Isaak symbolisiert auferstandenen Christus

Darum kann der Hebräerbrief sagen, dass Abraham an die Auferweckung der Toten geglaubt habe: „Aufgrund des Glaubens brachte Abraham Isaak dar, als er auf die Probe gestellt wurde, und gab den einzigen Sohn dahin, er, der die Verheißung empfangen hatte und zu dem gesagt worden war: Durch Isaak wirst du Nachkommen haben. Er verließ sich darauf, dass Gott sogar die Macht hat, Tote zum Leben zu erwecken, darum (!) erhielt er Isaak auch zurück“, so Splett.

Der Einzige, der im Vertrauen auf Gott den Vater die vollkommene Ganzhingabe am Kreuz verwirklicht hat, wurde zum „Urheber und Vollender des Glaubens“ (Hebräer 12, 2). Papst Benedikt sieht im losgebundenen Isaak auch den Auferstandenen vorgebildet: „Jesus ist Isaak, der als der Auferstandene den Berg des Todes wieder herunterstieg, das Lachen der Freude auf seinem Gesicht.“

Abraham sieht über den Tod hinaus Gottes Treue in Jesus verwirklicht

Dies sagt auch die Lammchristologie der Offenbarung des Johannes, wenn es vom Lamm, das vor dem Thron Gottes den Osterjubel empfängt, heißt: „Denn du wurdest geschlachtet und hast mit deinem Blut Menschen für Gott erworben aus allen Sprachen, aus allen Nationen und Völkern“ (Offenbarung 5, 9). Als Abraham sein Vertrauen in Gottes Treue über den Tod hinaus in Jesus verwirklicht sah, ergriff auch ihn die Osterfreude. Dies bestätigt der Erlöser selbst: „Euer Vater Abraham jubelte, weil er meinen Tag sehen wollte. Er sah ihn und freute sich“ (Johannes 8, 56).

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