Hannover

Von der Kirche zum Discounter?

Mit der Umnutzung von Kirchengebäuden hat sich die Volkswagenstiftung in einer online Tagung beschäftigt. Beispiele wie England und die Schweiz zeigen: Umnutzungen von Gebetsstätten können neue spirituelle Zugänge zur Kirche ermöglichen.
Convento de San Anton
Foto: imago stock&people | Immer häufiger gibt es leerstehende Kirchen wie hier bei Castrojeriz, Spanien. Die ehemalige Gebetsstätte wird nun als Pilgerherberge genutzt.

Die Umnutzung von Kirchengebäuden ist ein unterschätzter Brennpunkt für die Veränderungen in der Gesellschaft. Dies ist das Ergebnis eines dreitägigen Symposions, das die Volkswagenstiftung kürzlich online veranstaltete. Das ursprünglich im traditionellen Veranstaltungsort Schloss Herrenhausen geplante Projekt zog dank des Zoomformats mit 700 Anmeldungen deutlich mehr Interessenten an, als analog hätten teilnehmen können. Der Fokus des Symposions lag auf der Vernetzung der verschiedenen Beteiligten, die bei der Umnutzung einer Kirche für gewöhnlich miteinander ins Gespräch kommen. Dass diese Kommunikation zwischen Kirchengemeinden, Bistümern beziehungsweise Landeskirchen, Denkmalpflegebehörden, der Stadt und den Bewohnern des jeweiligen Stadtteils nur selten in wünschenswerter Weise funktioniert, ist eines der offensichtlichen Ergebnisse dieser Veranstaltung.

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Auch gelegentliche Kirchenbesucher hängen an den Kirchengebäuden

Ein anderes ist, dass vor allem die Kirchen kaum Leitlinien für eine Vorgehensweise haben, in der notwendige Umnutzungsprojekte gut gelingen können. Der Grund dafür liegt in der von Denkmalschützern durchaus sensitiv wahrgenommenen Bedeutung von Kirchenräumen, deren Geschichte die Steine gewissermaßen gespeichert haben und ausstrahlen. Denn sie sind imprägniert mit dem Gebet, das Menschen über Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg in ihnen  verrichtet haben. Genau dies wird von den Kirchen oft unzureichend wahrgenommen. „Wir müssen uns um die Menschen kümmern, nicht um die Steine“, ist ein Standardsatz von Theologen, die übersehen, dass das Herz der Menschen nicht selten auch dann an den Steinen ihrer Kirche hängt, wenn sie sie schon lange nicht mehr von innen gesehen haben.

Kernproblem bei der Umnutzung von Kirchenräumen ist dabei im Grunde ein genuin christliches. Denn das Christentum ist eine Religion, die unabhängig von heiligen Orten ist. „Wo zwei oder drei in meinem Namen beisammen sind, da bin ich mitten unter ihnen“, ist ein Jesuswort, das die junge Gemeinde geprägt und ihr ermöglicht hat, genau diese Gegenwart des Herrn allerorten zu spüren. Zugleich ist die Heiligung von Raum und Zeit ein urmenschliches Bedürfnis, das religionsübergreifend, also auch im Christentum beobachtet werden kann. Es zeigt sich nicht zuletzt in der Scheu, einen geweihten Raum dem Erdboden gleichzumachen oder in einen Discounter zu verwandeln.

Umnutzungsprozess oft nicht ausreichend begleitet

Was dringend von Nöten ist, wenn ein Kirchenraum, weil ihm die lebendige Gemeinde abhandengekommen oder eine Sanierung finanziell nicht mehr zu stemmen ist, umgenutzt werden muss, sind deshalb Rituale, die es den Menschen, die sich mit diesem Gebäude als Sakralraum verbunden fühlen, ermöglichen, sich in einer würdigen Form zu verabschieden und die neue Nutzungsform zu akzeptieren. Dass sie fast vollkommen fehlen, dass die unabdingbare Trauerarbeit nicht kirchlich begleitet wird, wirft ein erschreckendes Licht auf die fehlende Ritenkompetenz der Verantwortlichen. Dies war auch ein Ergebnis der Vorträge aus liturgiewissenschaftlicher Sicht und spiegelte sich zugleich vielfach in den Diskussionsgruppen, in denen Teilnehmer über mangelnde Begleitung berichteten.

Zugleich wurde deutlich: Wenn Kirchen an Bedeutung verlieren, sagt die Art, wie der Umnutzungsprozess gestaltet wird, auch viel über die Befindlichkeit der jeweiligen Gesellschaft aus. Darum nahm das Symposion die unterschiedlichen Zugänge in 25 europäischen Ländern in den Blick und warf so ein Licht auf den facettenreichen Umgang mit kulturellem Erbe. Denn tatsächlich gehen die Ansichten über die Verwendungsmöglichkeiten eines Kirchenraumes weit auseinander. Die Beispiele reichen von der Umwandlung in ein Columbarium über die Neunutzung durch eine reformierte jüdische Gemeinde, die Transformation in ein Kulturzentrum bis zur Schaffung einer Bibliothek, eines Hotels, eines Studentenwohnheims oder einen Discounter. In einigen Ländern, wie beispielsweise Großbritannien und den Niederlanden, wird das Vorgehen von zentralen Behörden begleitet.

Umnutzungen können neue spirituelle Zugänge zur Kirche ermöglichen

Andernorts funktioniert die Zusammenarbeit nach dem Zufallsprinzip und Moderatoren werden oft erst hinzugezogen, wenn das Kind so tief in den Brunnen gefallen ist, dass eine einvernehmliche Lösung kaum mehr erreichbar ist. Dabei zeigen gelungene Beispiele aus Mitteldeutschland, dass Umnutzungen mit ein wenig Fantasie neue spirituelle Zugänge zur Kirche und sogar deren Erhalt als Gottesdienstraum ermöglichen. Ein Beispiel hierfür ist die auch in Großbritannien bereits vielfach erprobte Nutzung als Herbergskirche. Bei diesem Projekt können Reisende die Kirche in der warmen Jahreszeit als Übernachtungsraum nutzen. Die Erfahrung einer Nacht in einem durchbeteten Raum kann ein performatives Erlebnis sein, das, ähnlich wie Jakobs Traum von der Himmelsleiter, wegweisend sein kann, zumal dann, wenn den Gästen bewusst ist, dass in der Kirche noch Gottesdienste gefeiert werden.

In England und der Schweiz werden diese neu gestalteten Erlebnisräume unter dem Projektnamen „Fresh Expressions of Church“ auch wissenschaftlich untersucht. Fresh expressions ist eine Bewegung, die auch die Neunutzung alter Kirchenräume durch neu entstandene kirchliche Gemeinschaften in den Blick nimmt. Hier ist es interessant zu sehen, welche Spuren die neuen Zweige am Baum der Kirche in den alten Räumen hinterlassen. Die auf diesem Gebiet gesammelten Erfahrungen lassen sich, wie ein weiterer Vortrag herausstellte, auch im historischen Vergleich sinnvoll einordnen. Denn in der Reformationszeit wurden zahlreiche Kirchen einer neuen Nutzung zugeführt, sei es, weil Klöster aufgelöst und in Schulen, Stifte oder Hospize verwandelt wurden, sei es, weil die neue Konfession die alten Bilder oder den Tabernakel nicht mehr benötigte und eine neue Raumgestaltung wählte.

Auch nicht Gläubigen sind die Kirchengebäude und ihre Bedeutung wichtig

Reflektiert wurde auf dem Symposion auch die auf allen gesellschaftlichen Ebenen beobachtete Sehnsucht nach Spiritualität, die bei den Kirchen offenkundig zu wenig beantwortet wird. Sie zeigt sich nicht zuletzt auch daran, dass einzelnen Stadtteilgemeinschaften „ihre“ Kirche wichtig ist, ganz unabhängig davon, ob sie zur Gemeinde gehören oder den Gottesdienst besuchen.

Das Gebäude selbst mit seiner Geschichte, mit seinen durchbeteten Steinen steht als Landmarke für die Sehnsucht nach dem ganz anderen. Wird sie bei der Umnutzung in den Blick genommen, kann es zu neuen Formen der Belebung kommen, wie etwa beim Columbarium der ehemaligen Gemeinde Herz Jesu in Hannover, in der auf Wunsch der Angehörigen der dort Bestatteten nun auch wieder Trauungen und Taufen stattfinden, weil die Familien ihren Vorfahren bei diesen wichtigen Übergangsriten nahe sein wollen.

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Barbara Stühlmeyer Discounter

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