Vatikanstadt

Vatikan-Prozess: Die Schlammschlacht kann beginnen

Kurie gegen Kurie: Mit Formalien begann im Vatikan der Maxi-Prozess in Anwesenheit von Kardinal Giovanni Becciu - und vertagte sich auf Anfang Oktober.
Prozess um Finanzskandal im Vatikan beginnt
Foto: Gregorio Borgia (AP) | Kardinal Angelo Becciu spricht mit Journalisten während einer Pressekonferenz in Rom. Im Vatikan begann gestern der größte Strafprozess in der jüngeren Geschichte des Kirchenstaats.

Formalien, Erklärungen der Anwälte der Angeklagten, Verfahrensfragen   dann die Vertagung auf den 5. Oktober. Sieben Stunden hat am Dienstag die Eröffnung des Maxi-Prozesses im Vatikan gedauert, für den eine Multifunktions-Aula der Vatikanischen Museen in einen Gerichtssaal verwandelt werden musste. Der Angeklagte, der im Rampenlicht steht, Kardinal Angelo Giovanni Becciu, war persönlich erschienen, um sich die nun beginnende Aufarbeitung der verunglückten Investition in eine Londoner Immobilie anzuschauen, wobei der Vatikan mindestens 350 Millionen Euro verloren haben soll. Neben seinen Anwälten nahm er in der letzten Stuhlreihe Platz. Mit ihm erschienen: sein ebenfalls angeklagter ehemaliger Privatsekretär Mauro Carlino. 

Auf Jahre düstere Schlagzeilen

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Ansonsten ließen sich die übrigen acht Angeklagten und vier beschuldigten Firmen von Anwälten vertreten. Der vorsitzende Richter, Giuseppe Pignatone, trug dem leitenden Staatsanwalt als Vertreter der Anklage auf, bis zum 5. Oktober weitere Beweisstücke und fehlende Dokumente den Anwälten der Verteidigung zugänglich zu machen. Unter anderem ein Video mit der Vernehmung des ehemaligen Verwaltungschefs im Staatssekretariat, Monsignor Alberto Perlasca, der zwar bei allen Finanzoperationen die Finger im Spiel hatte, aber jetzt dem leitenden Staatsanwalt des Vatikans als Kronzeuge dient. 

Und so zeichnet sich jetzt schon eine Schlammschlacht ab, die dem Vatikan für Monate, wenn nicht Jahre düstere Schlagzeilen bescheren wird. Einen Vorgeschmack gab Becciu selbst. Der Kardinal, der immer wieder seine Unschuld beteuert, ließ seinen Anwalt Fabio Viglione vor Journalisten erklären, dass sein Mandant "mit Schmerz, aber Entschiedenheit bestätige, dass er Monsignor Alberto Perlasca und Frau Francesca Immacolata Chaouqui wegen Verleumdung anklagen werde, wegen der schwerwiegenden und völlig falschen Anklagen, die sie im Zuge der Untersuchungen des Promotore di Giustizia erhoben haben", wovon Becciu erst vor wenigen Tagen erfahren habe. Der "Promotore di Giustizia" ist im Vatikan-Jargon der Staatsanwalt, der die Anklage vertritt. Und die Italo-Marokkanerin Chaouqui saß wegen Dokumentenschmuggels schon im Prozess zu Vatileaks II auf der vatikanischen Anklagebank.

Und so zeichnet sich ein bedrohliches Szenario ab: Der "Promotore di Giustizia", der 73 Jahre alte Gian Piero Milano, steht mit seinen beiden beigeordneten Strafverfolgern Alessandro Diddi und Gianluca Perone einem Heer von Staranwälten gegenüber, die jede Chance nutzen werden, um ihre Mandanten zu entlasten und der Anklage, sprich dem Vatikan, Verfahrensfehler nachzuweisen und sich nach jedem Prozesstag im Licht der Fernsehkameras sonnen zu dürfen. Kardinal Becciu strahlt eine große Ruhe aus. Es könnte sein, dass sich die Anklage gerade an ihm die Zähne ausbeißen wird.

Richter Pignatone als zentrale Figur

Die zentrale Figur in dem nun anlaufenden Prozess wird aber mehr und mehr der vorsitzende Richter Giuseppe Pignatone werden. Der ist in Italien kein Unbekannter. Er gehört zu den bekanntesten Mafia-Jägern des Landes, erst auf Sizilien, dann am Ende in Rom, wo er zuletzt die Operation "Mafia Capitale" leitete. Er ist heute 72 Jahre alt, nach seiner Pensionierung hat ihn Papst Franziskus an die Spitze des Vatikangerichts berufen. Pignatone muss nun das Verfahren überwachen, in dem sich die Kurie selbst zerlegt. Immerhin sitzt das vatikanische Staatssekretariat auf der Anklagebank, siehe Kardinal Becciu, aber auch auf der Bank der Kläger, siehe Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, weil es sich als Geschädigter versteht und darum als Nebenkläger auftritt. Parolin beziehungsweise das Staatssekretariat wurden am ersten Prozesstag ebenfalls von einer Anwältin vertreten, die die Schwere der Verfehlungen der Angeklagten und der Folgen für den Heiligen Stuhl herausstrich. Was dann also zu beweisen wäre. Fehlinvestitionen sind kein Verbrechen.

Lesen Sie weitere Hintergründe zum vatikanischen "Maxi"-Prozess in der kommenden Ausgabe der Tagespost.

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