Salzburg

Loretto Gemeinschaft: Umbrüche beim Fest der Jugend

Die Loretto Gemeinschaft feierte Pfingsten dieses Jahr zwar wieder in Präsenz, aber in kleinerem Rahmen als sonst - deswegen lag der Fokus der Veranstaltung auch nicht auf Neuevangelisierung, sondern auf den bereits Gläubigen. Neben Ermutigung fielen auch herausfordernde Worte: gegenüber der charismatischen Gemeinschaft sowie der Kirche.
Johannes Hartl am Loretto Pfingstfest
Foto: Andreas Walch | Johannes Hartl, Gründer des Gebetshauses Augsburg beim Pfingstfest der Jugend während des Lobpreises. In seinem Vortrag „Träger Seiner Herrlichkeit“ betont Hartl zugleich: „Die Grundlage einer Erweckung ist nicht ...

Am Boden vor dem Eingang zur Aula der theologischen Fakultät in der Salzburger Altstadt ist an diesem Pfingstwochenende ein breiter roter Teppich ausgerollt. Junge Leute bilden einen Spalier links und rechts. In den Händen halten sie etwa 1,80 Meter hohe Stangen mit einem roten Symbol, das aussieht wie eine Taube und zugleich wie eine Flamme – ein Zeichen des Heiligen Geistes und zugleich das Logo der Loretto Gemeinschaft.

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Fokus diesmal nicht auf Evangelisierung

Schon bald laufen 300 Lorettos aus ganz Österreich und darüber hinaus auf den Eingang zu. Die Gemeinschaftsmitglieder der katholisch-charismatischen Bewegung strömen für ein – im Vergleich zu den 10 000 Teilnehmern der letzten Jahre – bescheidenes Fest der Jugend, statt wie sonst in den Dom, in die Aula. Eine herzliche Willkommenskultur ist der Gemeinschaft ein Anliegen. Das spürt man. Deshalb stehen verteilt im Treppenhaus, auf dem Weg zum Saal, „Greeter“, die die Ankommenden nicht nur mit einem „Schön, dass du da bist“ begrüßen, sondern auch mit einem Wort aus dem zweiten Korintherbrief „Weißt du, dass du ein Wohlgeruch Gottes bist?“ Betritt man den Ort des Geschehens, die verdunkelte Aula mit bunten Scheinwerferlichtern, dringt sogleich laute Lobpreis-Musik an das Ohr.

In dem Bereich hinter den Sitzplätzen stehen sogenannte „Praystation“-Teams, erkennbar durch weiße Poloshirts. An sie kann man sich wenden, nicht nur, um für sich beten zu lassen, sondern auch, um einen prophetischen Eindruck für eine bestimmte Situation zu erhalten. Doch das eigentliche Geschehen spielt sich auf der Bühne ab: Von der Wand leuchten die von einem Beamer projizierten hebräischen Buchstaben „Schechina“ in goldenem Schriftzug. Schechina, der Heilige Geist, Erweckung: das sind die Begriffe, um die das Wochenende kreist. Das sind nicht gerade Themen für Menschen, die mit dem Glauben kaum etwas zu tun haben. Deshalb liegt der Fokus nicht, wie gewöhnlich, auf der Evangelisierung von kirchenfernen Jugendlichen, sondern auf den Loretto-Mitgliedern und jungen Leitern aus anderen katholisch-charismatischen Bewegungen.

Charismatische Bewegung durch Erweckung in Los Angeles gestartet

Auf nicht-charismatisch geprägte Katholiken hätten die Inhalte wohl befremdlich gewirkt: Im Zentrum steht „Schechina“, was übersetzt „Einwohnung Gottes“ bedeutet. Der Begriff bezeichnet die Herrlichkeit Gottes, die sich in der Wüste auf das Offenbarungszelt legte, woraufhin das Volk Israel in eine Verzückung geriet. Geprägt wurde das Wort „Schechina“ von der Erweckung in der Azusa-Street in Los Angeles. Von 1906 bis 1909 legte sich auf die freikirchliche Gemeinde in der heruntergekommene Markthalle die Herrlichkeit Gottes. Tausende Menschen wurden damals übernatürlich geheilt.

Diese Erweckung gilt als Startschuss der weltweiten charismatischen Bewegung, die sich mittlerweile quer durch alle christlichen Konfessionen zieht. Im Interview mit dieser Zeitung erzählte Georg Mayr-Melnhof, dass der Heilige Geist der „Programmchef“ bei diesem Pfingstfest sei und dass, sollte sich die Herrlichkeit Gottes auf die Veranstaltung legen, man die Programmpunkte verschieben werde. Dies trifft nicht ein – was vielleicht gar nicht unvorteilhaft ist, denn allein der letzte Livestream von Sonntag Nachmittag wurde nur zwei Tage später von über 9000 Menschen angesehen.

„Es geht nicht um das Produzieren von Gefühlen“

Das Rahmenprogramm, darunter die Messe mit Erzbischof Franz Lackner oder der Vortrag von Johannes Hartl, wird eingehalten und wie geplant per Livestream auf Internet und christlichen Fernseh- und Radiosendern übertragen. Während der Sendepausen geht es charismatisch zur Sache: Es wird für einzelne Personen mit bestimmten Krankheiten um Heilung gebetet oder dafür, dass Gott die Gaben des Geistes, wie die der Prophetie, der Heilung oder der Erkenntnis über die Teilnehmer ausgieße. Sprachengebet und -gesang stehen auf der Tagesordnung.

Für alle diejenigen, die Gefahr laufen, in eine zu große Euphorie abzudriften, hat Johannes Hartl während seines Vortrags mit dem Titel: „Träger Seiner Herrlichkeit“ ein mahnendes Wort: Es ginge nicht um das Produzieren von Gefühlen. „Die Grundlage einer Erweckung ist nicht Ekstase, sondern arme Menschen, die hungern und dürsten.“, verkündet er.

Mahnung an Amtskirche: Autorität nicht durch kirchliche Strukturen geboren

Herausfordernde Aussagen tätigt der Leiter des Gebetshauses auch in Richtung Kirche. Er meint, dass wahre Autorität nicht durch kirchliche Strukturen und Hierarchien geboren werde, sondern „im Licht seiner Gegenwart“. Zu oft werde die Frage gestellt, wie man Kirche für Menschen wieder attraktiv machen könnte. Darauf hat Hartl eine klare Antwort: Das einzige, was an Kirche attraktiv ist, sei die Gegenwart Gottes. „Die Frage lautet richtig: Was muss Kirche tun, um für Gott attraktiv zu sein?“, fragt er in den Raum. Nach seiner Katechese leitet Hartl eine circa einstündige Gebetszeit an. Beides kommt bei den Teilnehmern sehr gut an – die 20-jährige Lena etwa berührt es, als Hartl sagt, dass es nicht großer Gefühle bedarf. „Der Heilige Geist kommt nämlich sowieso, wenn wir ihn einladen“, stellt die Oberösterreicherin fest.

Als ein „Highlight“ bezeichnen viele Kongressteilnehmer die Messe mit dem Erzbischof Franz Lackner. Der Vorsitzende der österreichischen Bischofskonferenz predigt über die Beziehung zwischen Petrus, der für die Kirche steht, und dem Lieblingsjünger, der für den einzelnen Nachfolger Jesu steht. Dass sich Ortskirche und geistliche Gemeinschaften wie Loretto gegenseitig brauchen und ergänzen, zeigt eine schöne Geste vor dem Schlusssegen des Bischofs: Die Gemeinschaft stimmt ein Segenslied für Lackner an, der sichtlich gerührt ist. Er bittet um unterstützendes Gebet, besonders für den bevorstehenden weltkirchlichen synodalen Weg.

2022: 100 kleine Pfingstfeste statt ein großes

Am Schluss des Kongresses lässt Georg Mayr-Melnhof eine Bombe platzen: Für 2022 sei kein großes Pfingstfest im Dom geplant. Stattdessen träumt die Loretto-Gemeinschaft von 100 kleinen Pfingstfesten über die deutschsprachigen Länder verteilt. „Wir merken, es ist Zeit, dass wir anfangen, in unseren Heimatorten und Pfarren Pfingstfestivals zu veranstalten“, erklärt der Leiter. Jeder ist eingeladen, ein Fest der Jugend zu veranstalten. Dafür wird die Loretto-Gemeinschaft Schulungen anbieten. Wird der Traum Wirklichkeit, kann man sicher sein, dass 100 kleine Teppiche für die Gäste ausgerollt werden.

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