Über die Wahrheit kann man nicht abstimmen

Der Kirchenrechtler Christoph Ohly hat vor der falschen Vorstellung gewarnt, über Glaubensfragen per Mehrheistbeschluss befinden zu können.

"Mehrheiten können sich wandeln und irren, die Wahrheit nicht. Mehrheiten garantieren folglich keine Wahrheit", schreibt Ohly in "Welt&Kirche", der aktuellen Sonderbeilage der Tagespost zum Synodalen Weg. 

Das Zweite Vatikanische Konzil habe auf die Frage, in welcher Weise die Gläubigen an der Wahrheitsfindung partizipieren, weitreichende Antworten gegeben, hebt Ohly hervor. Mit Blick auf das Konzil verweist der kommissarischer Rektor der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Augustin auf die Lehre  vom Glaubenssinn (sensus fidei) aller Gläubigen (sensus fidelium).

"Der Glaubenssinn bezeichnet ein allen Gläubigen (Laien und Klerikern) in Taufe und Firmung zukommendes Charisma der inneren Übereinstimmung mit dem Inhalt des kirchlichen Glaubens", so Ohly weiter. Damit stehe der Glaubenssinn "unaufgebbar mit dem Glauben der Kirche in Verbindung und ist in seiner Ausprägung abhängig sowohl vom Inhalt des Glaubens (Glaubenswahrheiten) als auch von seinem Vollzug im Alltäglichen (Glaubensakt)."

Ohly warnt davor, den Glaubenssinn mit der öffentlichen Mehrheitsmeinung zu verwechseln. Die innere Ausrichtung des Glaubenssinnes sei stets der Glaube der Kirche und nicht die Vielfalt von bloßen Meinungen. Daher könne es keine einfache Identifizierung zwischen dem sensus fidei und der öffentlichen Mehrheitsmeinung geben, so Ohly. 

"Der Gläubige findet die Wahrheit des Glaubens  nicht allein. Alles andere wäre ein hochmütiger Anspruch und mit der Gefahr verbunden, sich den Glauben nach eigenen Maßstäben zurechtzusetzen. Vielmehr ist der Sinn des Einzelnen für den Glauben immer eingebunden in die Kirche als einer hierarchisch strukturierten Gemeinschaft des Glaubens."

Zur Feststellung der Authentizität des im Glaubenssinn bekundeten Glaubens bedürfe stets der prüfenden Instanz des apostolischen Lehramtes, betont Ohly.  Offensichtliche Uneinigkeiten in Fragen des Glaubens stünden keineswegs im Widerspruch zur Lehre vom Glaubensssinn. "Vielmehr erinnern die nicht wenigen innerkirchlichen Schwierigkeiten an die notwendigen Dispositionen, die an den Glaubenssinn zu stellen sind, damit er als sakramentale Gabe tatsächlich Frucht tragen kann und sich folglich als authentische Manifestation des kirchlichen Glaubens und seiner Wahrheit, die Jesus Christus selbst ist (vgl. Joh 14,6), darstellt."

Zu diesen Dispositionen eines authentischen Glaubenssinnes des einzelnen Gläubigen wie der ganzen kirchlichen Gemeinschaft zählt Ohly unter Berufung auf das Konzil und die Internationale Theologische Kommission: "Die Teilnahme am Leben der Kirche in den Sakramenten, in Caritas und Mission sowie im sentire cum Ecclesia. Die Hörbereitschaft gegenüber dem Wort Gottes und seinem bleibenden Anspruch gegenüber dem Menschen. Die Offenheit gegenüber der Vernunft, die den Glauben tiefer zu durchdringen versucht. Die Anerkennung des apostolischen Lehramtes von Papst und Bischöfen (vgl. Lk 10,16). Das Bemühen um die Tugend der Heiligkeit in Demut, Freiheit und Freude des Glaubens an den Gott, der die Liebe ist (vgl. 1 Joh 4,16) und das Streben nach einem Aufbau der Kirche und ihres Glaubens in den Herzen der Menschen." 

Angesichts der Reform-Debatten des Synodalen Weges rief der Theologe zu einer Gewissenserfosrchung über die genannten Haltungen auf.  Nur so könne der Synodale Weg tatsächlich "zu einer geistlichen Erneuerung und damit zu einem Weg der Neuwerdung in der Heiligkeit des einen Glaubens der ganzen Kirche werden." 

DT

 

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