Ankara

Neues Leben in der Patriarchenschmiede?

Mit dem Verbot von privaten Hochschulen vor fünfzig Jahren wurde die Theologische Hochschule des Ökumenischen Patriarchats auf der Insel "Chalki" geschlossen. Die Einrichtung ist für Ökumenische Beziehungen entscheidend.
Insel Chalki
Foto: imago stock&people (imago stock&people) | Generationen von Patriarchen, Bischöfen und Priestern des Ökumenischen Patriarchats erhielten auf Chalki, einer kleinen Insel im Marmarameer, ihren theologischen Feinschliff.

Fast 127 Jahre lang hatte das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel seine Priesterausbildung auf einer der Istanbul vorgelagerten Inseln im Marmarameer. Auf jener, die die Griechen „Chalki“ und die Türken „Heybeliada“ nennen. Im März 1971 – vor genau einem halben Jahrhundert – wurden das Priesterseminar und die Theologische Schule von Chalki geschlossen. Ein neues Gesetz untersagte den Betrieb privater Hochschulen.

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In der Biblitohek der Hochschule sind auch Werke von Joseph Ratzinger zu finden

Die orthodoxe Präsenz auf der Insel ist jedoch viel älter als das Seminar. Bereits im 9. Jahrhundert gründete Patriarch Photius hier das „Kloster der Heiligen Dreifaltigkeit“. Ein Jahrtausend später errichtete Patriarch Germanos IV. die Hochschule. 1844 eingeweiht, zerstörte 50 Jahre später ein Erdbeben Hochschule und Priesterseminar, doch wurde alles rasch wieder aufgebaut. Patriarch Athenagoras – wie viele seiner Vorgänger und Nachfolger selbst ein Chalki-Absolvent – empfing hier theologische Gesprächspartner.

In der alten Bibliothek finden sich viele Zeugnisse christlicher Gelehrsamkeit, darunter auch Werke von Joseph Ratzinger. Die Professoren und Studenten der Hochschule empfanden sich „als Mitglieder einer Bruderschaft“, meinte im Gespräch mit dieser Zeitung vor einigen Jahren der damalige Metropolit Apostolos, der als Abt mit einigen Mönchen und Angestellten die Anlage so umsorgte, dass sie ihren Betrieb kurzfristig wieder aufnehmen könnte.

Inernationaler Einsatz für die Revitalisierung des Seminars

Im Garten steht eine goldfarbene Büste, die Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk zeigt, jenen fanatischen Religionshasser und Bewunderer der Französischen Revolution, in dessen Namen all die laizistischen Gesetze erlassen wurden, die letztlich zum Aus für die Hochschule beitrugen. Vor einem halben Jahrhundert erließ die Türkei jenes Gesetz, das den Betrieb privater Hochschulen verbietet. 1985 stellte auch das Gymnasium, das der Vorbereitung auf das Theologiestudium diente, seinen Betrieb ein. Im Flur kann man bis heute ein Bild sehen, das die letzten Absolventen zeigt. 1998 verfügte der Staat schließlich die Auflösung des Kuratoriums von Chalki.

Die internationale Solidarität mit dem Ökumenischen Patriarchen und seinem Anliegen, Chalki zu revitalisieren, war und ist groß: 1998 forderten beide Kammern des US-Kongresses die Wiedereröffnung der Hochschule. Im Jahr darauf besuchte US-Präsident Bill Clinton die Insel und forderte den damaligen türkischen Präsidenten Süleyman Demirel auf, die Wiedereröffnung der Hochschule zuzulassen. Präsident Barack Obama verlangte in seiner Rede vor dem türkischen Parlament in Ankara am 6. April 2009 ausdrücklich „Schritte wie die Wiedereröffnung des Chalki-Seminars“ als „wichtiges Signal innerhalb und außerhalb der Türkei“. Begründung: „Ein dauerhaftes Bekenntnis zur Rechtsstaatlichkeit ist der einzige Weg, um die Sicherheit zu erreichen, die von der Gerechtigkeit für alle Menschen ausgeht.“

Immer wieder Schritte in Richtung Neueröffnung

Die Europäische Union und ihr Parlament sprechen sich immer wieder für die Wiedereröffnung aus. So kritisiert auch der jüngste Bericht der EU-Kommission zur Türkei vom 6. Oktober 2020 ausdrücklich: „Es wurden keine Schritte unternommen, um das griechisch-orthodoxe Seminar von Chalki zu öffnen, welches seit 1971 geschlossen ist.“

Indizien für eine bevorstehende Wiedereröffnung gab es seit der Machtübernahme der AKP im Jahr 2002 immer wieder: So erlaubte der türkische Staat die Ernennung des Metropoliten von Bursa zum Abt des Dreifaltigkeitsklosters auf Chalki, etwa 190 Hektar Land sollen an das Kloster zurückerstattet worden sein. Patriarch Bartholomaios, selbst ein Absolvent der Hochschule, zeigte sich 2018 nach Gesprächen mit Präsident Recep Tayyip Erdogan und Außenminister Mevlüt Çavusoglu optimistisch, das Seminar bald wiedereröffnen zu dürfen.

AKP-Regierung fordert als Bedingung für Wiedereröffnung Bau einer Moschee in Athen

Allerdings stellte die AKP-Regierung mehrfach ein fatales Junktim her, indem sie darauf verwies, dass es in Athen keine einzige Moschee gebe. Der Ökumenische Patriarch Bartholomaios sagte im Gespräch mit dieser Zeitung 2014, er sei zwar dafür, dass in Athen eine Moschee gebaut werde, aber dagegen, die beiden Fragen zu verbinden, „weil die Menschenrechte und die Religionsfreiheit nicht auf Reziprozität beruhen können“. Das Ökumenische Patriarchat wolle nicht zu einem Opfer der griechisch-türkischen Beziehungen werden.

Im Gespräch mit dem Autor in Istanbul nannte Bartholomaios damals auch ein inner-orthodoxes Argument für die Wiederzulassung einer eigenständigen Priesterausbildung. Nicht überall in der griechischsprachigen Orthodoxie ist die ökumenische Offenheit offenbar so, wie sie der Patriarch gerne sähe. Mit Blick auf seine eigene Nachfolge meinte er nämlich: „Wir brauchen jemanden, der einen offenen Geist hat, der bereit ist für den Dialog mit den anderen christlichen Konfessionen, und auch mit dem Islam.“ Metropoliten sollten „den offenen Geist des Ökumenischen Patriarchats“ haben: „Dafür brauchen wir diese theologische Schule, um die junge Generation gut vorzubereiten: gut ausgebildet und bereit zum Dialog und zur Kooperation.“

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Inseln vor der Küste Konstantinopels einst dicht von Klöstern besiedelt

Bartholomaios meinte damals mit Nachdruck, das Ökumenische Patriarchat sei der Möglichkeit beraubt worden, seinen eigenen Klerus selbst auszubilden: „Wir brauchen diese Schule absolut!“
Die „Prinzeninseln“ vor der Küste Konstantinopels hießen einst „Priesterinseln“, so viele Klöster waren hier. Wer vom Hafen Chalkis in weniger als einer halben Stunde zur Hochschule hinauf wandert, wird kaum vermuten, dass die Insel vor 70 Jahren noch 2 200 muttersprachliche Griechen beheimatete. Wer aber vom Garten aus den Blick über das Marmarameer schweifen lässt und die geschichtsträchtigen Räume durchwandert, ahnt etwas von dem internationalen Charakter, den die Hochschule des Ökumenischen Patriarchats einmal besaß.

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Stephan Baier

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