Polen

Stefan Wyszyski wirkte in seiner Zeit als Lehrer, Reformer und Hirte

In Polen nennt man ihn den „Primas des Jahrtausends“. Die wichtigsten Stationen im Leben von Kardinal Stefan Wyszyski fanden im Spannungsfeld zwischen Glauben und totalitären Regimen statt. Er war stark mit Maria.
Foto: episkopat.pl | Kardinal Stefan Wyszynski wird in Polen noch heute der „Primas des Jahrtausends" genannt.

Stefan Wyszynski wuchs als zweites Kind einer großen Familie auf. Sein Vater Stanislaw Wyszynski war der Dorforganist, und wenn man die nachkonstruierten Wohnräume der Familie besucht, welche sich heute als Museum in der kleinen Schule befinden, sieht man immer noch das Klassenzimmer, welches in den Bau integriert war. Hier lernte „Stefek“ das ABC und die Grundrechenarten, aber auch den Schmerz. Denn schon im Jahr 1910 verlor er seine Mutter Julianna. Ein früher Verlust, der sich auf sein ganzes Leben auswirken sollte und seine Hingabe an die Jungfrau Maria entscheidend prägen sollte. Vergleichbar zu einem anderen großen Sohn der polnischen Kirche, der ebenfalls früh seine Mutter verlor: Karol Wojtyla (1920-2005), der spätere Papst Johannes Paul II., mit dem Wyszynski ab den 1960er Jahren sozusagen das marianische Führungsgespann der Kirche bilden sollte.

Bescheidene Anfänge

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Doch die Anfänge waren bescheiden. Im Jahr 1917 entschloss sich Stefan Wyszynski, ins Priesterseminar einzutreten. Im September desselben Jahres kam er nach Wloclawek und begann seine Ausbildung an der Pius-X.-Oberschule, die ein unteres Priesterseminar war.

Nach seinen Abschlussprüfungen verließ er Wloclawek, um seine Gesundheit zu stärken. Die allgemeine Hungersnot und schlechte Ernährung während und nach dem Ersten Weltkrieg hatten auch bei ihm Spuren hinterlassen. Konkret: Der junge Stefan Wyszynski, der später so stark und erhaben wirkte, litt unter Tuberkulose. Sein Zustand verschlechterte sich ständig. Trotzdem begann er im Höheren Priesterseminar in Wloclawek zu studieren. Und am 3. August 1924 wurde er in der Kathedrale in Wloclawek zum Priester geweiht. „Ich war so schwach, dass es für mich bequemer war, mit dem Gesicht zum Boden zu liegen als zu stehen“, schrieb er im Rückblick.

Primiz in Jasna Góra

Zwei Tage später machte er sich auf den Weg nach Jasna Góra, um die Primiz-Messe vor dem Gnadenbild der Muttergottes von Jasna Góra zu feiern. „Ich ging nach Jasna Góra, um die Mutter bei mir zu haben, sodass sie bei jeder meiner heiligen Messen dabeistehen würde, so wie sie bei Christus auf Golgotha dabeistand.“
Im Oktober 1925 begann Wyszynski sein Studium an der Universität Lublin (ab 1928: Katholische Universität Lublin). Das wichtigste Ereignis während des Studiums war zweifellos die Begegnung mit dem Geistlichen Wladyslaw Kornilowicz, der schon zu dieser Zeit ein Zentrum für blinde Menschen in Laski bei Warschau organisierte – zusammen mit der Ordensfrau Róza Czacka. Kornilowicz ermöglichte Wyszynski das Stipendium für eine Forschungsreise durch Europa. Und so konnte Wyszynski 1929/1930 Wissenschaftszentren in Österreich, Italien, Frankreich, Belgien, den Niederlanden und Deutschland besuchen.

Flucht vor den Nazis

Nach all diesen vielen, neuen Eindrücken, die seinen Horizont erweiterten, wurde Wyszynski 1930 zum Pfarrvikar in Przedecz Kujawski und ab 1931 bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zum Pfarrvikar an der Kathedrale in Wloclawek ernannt. Zu dieser Zeit leitete er auch die christliche Arbeiterhochschule und war Chefredakteur des „Priesterlichen Athenaeum“.

Am 1. September 1939 griff Nazideutschland Polen an. Stefan Wyszynski musste aus Wloclawek fliehen, weil er in seinen Artikeln den Nationalsozialismus verurteilt hatte und dies einem Todesurteil für ihn gleichkam. Vom November 1939 bis zum Juli 1940 hielt er sich bei seinem Vater in Wrociszew versteckt. Doch er war nicht faul, sondern bereitete Predigten auf Grundlage der Sozialenzykliken vor.

Freilassung aus Haft

Im Oktober 1941 ging Wyszynski nach Zakopane, wo er im Haus der Ursulinen lebte. Er hatte Glück im Unglück: bei einer zufälligen Razzia wurde er von der Gestapo festgenommen und in der „Palace“Hotel-Folterkammer verhört. Die Gestapoleute kannten jedoch seine wahre Identität nicht und ließen ihn schon nach wenigen Stunden frei.

Im Juni 1942 kam Wyszynski auf Bitte von Kornilowicz nach Laski bei Warschau. Er wurde zum Kaplan der Schwestern und unterrichtete auch blinde Kinder. Er hielt auch Vorträge zu sozialen Themen und nahm mit den Untergrundkämpfern Verbindung auf. Im Frühjahr 1944, also wenige Monate vor dem Warschauer Aufstand, trat er in die polnische Heimatarmee ein und wurde zum Kaplan des Militärbezirks Zoliborz. Er nahm jedoch nicht an den Kämpfen teil. Mit dem Ausbruch des Aufstands entstand in Laski ein Krankenhaus für die verwundeten Widerstandskämpfer. Wyszynski war der Kaplan des Krankenhauses.

Bischofsweihe

Als am Ende des Aufstands auch verwundete Wehrmachtssoldaten ins Krankenhaus gebracht wurden, nahm Wyszynski ihnen die Beichte ab. Im Februar 1945 kehrte Wyszynski nach Wloclawek zurück. Die Hälfte der Diözesanpriester war während des Krieges gestorben – die meisten waren im KZ Dachau hingerichtet worden.

Am 4. März 1946 wurde Wyszynski von Pius XII. zum Weihbischof von Lublin ernannt. Am 12. Mai weihte ihn Kardinal August Hlond in Jasna Góra zum Bischof. Wyszynski wählte „Soli Deo“ als sein Motto. Am 12. November 1948 schließlich ernannte Pius XII. ihn zum Erzbischof von Gnesen und Warschau, was bedeutete: zum Primas von Polen, dem geistlichen Oberhaupt des Landes. Am 12. Januar 1953 wurde Primas Wyszynski zum Kardinal ernannt. Ein Titel, den er sich durch seine unermüdliche Arbeit zwar nicht verdienen konnte, doch zwischen 1949 und 1953, dem Jahr, in dem er verhaftet wurde, hielt er sage und schreibe 2900 Predigten, Vorträge und Meditationen. Es war die Zeit, als die kommunistischen Herrscher einen offenen Kampf gegen die Kirche führten.

Non possumus

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Am 23. Januar 1953 erließ das Sekretariat des Politbüros des PZPR-Zentralkomitees das Dekret zur Besetzung kirchlicher Ämter. Die Kommunisten wollten mitbestimmen, den Kurs der Kirche vorgeben. Daraufhin sandte am 8. Mai 1953 die Polnische Bischofskonferenz die berühmte Denkschrift „Non possumus“ (Das können wir nicht) an die Behörden.

Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten: Am 25. September 1953 wurde Primas Wyszynski nachts verhaftet und aus Warschau weggebracht. Die Sicherheitsfunktionäre transportierten den Primas zum Kapuzinerkloster in Rywald Królewski, wo er bis zum 12. Oktober inhaftiert war. Danach wurde er nach Stoczek Warminski gebracht. Am 6. Oktober 1954 kam der Primas mit dem Flugzeug nach Prudnik Slaski. Eine Odyssee des Bösen. Der letzte Ort seiner Inhaftierung war Komancza, wo er das „Gelübde der Nation“ und das Programm der „Großen Novene“ schrieb. Denn längst betrachtete er sein Schicksal als Opfer für die Kirche und die Heimat.

Eingriff Mariens

Die Erneuerung der Gelübde fand am 26. August 1956 auf Jasna Góra unter Beteiligung von einer Million Gläubigen, 28 Bischöfen und 1.500 Priestern statt. Doch beim Altar stand ein leerer Sessel, den Primas Wyszynski aufgrund seiner Inhaftierung nicht einnehmen konnte. Dann geschah das Wunder: Am 28. Oktober 1956 wurde der Primas als einziger der gefangenen Bischöfe in Mittel- und Osteuropa freigelassen. Ein Eingriff der himmlischen Mutter?

Anfang Mai 1957 begann Primas Wyszynski damit, die Große Novene umzusetzen. Ein gewaltiges Pastoralprogramm, das für den Zeitraum 1957 bis 1966 geplant war – als neunjährige spirituelle Vorbereitung der polnischen Nation auf das 1000-jährige Taufjubiläum im Jahr 1966.

Versöhnung mit Deutschland

Doch Primas Wyszynski dachte stets in weltkirchlichen Zusammenhängen. Er beteiligte sich aktiv an den vier Sitzungen des Zweiten Vatikanischen Konzils. Dabei trat er als Vertreter der Katholiken aus dem Osten auf. Kurz vor Ende des Konzils, am 18. November 1965, richteten die polnischen Bischöfe einen Brief an die deutschen Hirten mit dem berühmten Satz „Wir vergeben und bitten um Vergebung“. Um innerlich soweit zu sein, nach Deutschland reisen zu können, dafür brauchte Wyszynski aber noch ein paar Jahre.

Nach den Millenniumsfeierlichkeiten kümmerte er sich um eine behutsame Umsetzung der Konzilsvorgaben. Es fand kein Sturm auf Bilder und Beichtstühle statt. Doch in seinen Predigten vermittelte Wyszynski das, was er als junger Mann früh erkannt hatte: Er sprach über die Menschenrechte, die Religionsfreiheit und würdige Arbeitsbedingungen.

Konklave

Im Oktober 1978 nahm Primas Wyszynski an dem Konklave teil, aus dem am 16. Oktober 1978 Kardinal Karol Wojtyla als Papst hervorging. Primas Wyszynski lud ihn umgehend nach Polen ein. Bei der ersten Pilgerreise des polnischen Pontifex 1979 trat der Primas freiwillig in die zweite Reihe. Schließlich begann der gesellschaftliche Umschwung mit den streikenden Arbeitern von Solidarnosc. Primas Wyszynski war oft bei der Lösung schwieriger Konflikte zwischen den Streikenden und den Behörden beteiligt. Dann erkrankte er an Krebs. Seine irdische Zeit war abgelaufen. Am 28. Mai1981, an Christi Himmelfahrt, starb der Primas, den man bis heute den „Primas des Jahrtausends“ nennt.


Die Autorin arbeitet im Pressebüro der Polnischen Bischofskonferenz. Im FeMedienverlag sind von ihr die Biographien „Jerzy Popieluszko und das Wunder seines Lebens” (2019) und „Kardinal Stefan Wyszynski: Der Primas des Jahrtausends” (2020) erschienen.

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