Madrid

Spaniens Bischöfe kritisieren Gottvergessenheit

Spaniens Episkopat prangert „neuheidnische“ Tendenzen in der Gesellschaft an.
Kirche in Spanien
Foto: Jordi Boixareu (ZUMA Wire) | In dem Grundsatzpapier der spanischen Bischöfe wird ein deutlicher Rückgang in der Teilnahme am sakramentalen Leben festgestellt.

Die Spanische Bischofskonferenz hat am 28. Juli das 95-seitige Grundsatzpapier „Treu der missionarischen Sendung“ veröffentlicht, in dem Leitlinien für den Zeitraum 2021–2025 wiedergegeben werden. Auffallend dabei: die gründliche und scharfe Analyse der spanischen Kirche und Gesellschaft, die durchaus ebenfalls auch für andere westeuropäische Länder zutreffen dürfte.

Die in den letzten Jahrzehnten entstandene, vorherrschende Kultur sei – so die spanischen Bischöfe – relativistisch. „Für den Relativismus gibt es keine absoluten Werte und keine allgemeingültigen Urteile, da alles von der subjektiven Wahrnehmung des Einzelnen und den Interessen der großen Machtgruppen abhängt. Der Nihilismus nimmt zu.“ Darüber hinaus führe der digitale Wandel zu „neuen Arbeitsbedingungen, neuen Lebensmodellen, neuen Formen der Kommunikation und Beziehungen. Mit einem Wort: zu einer neuen Welt.“ Im Zentrum des modernen Humanismus stehe der Mensch, der im Transhumanismus übersteigert werde: Eine „neue Spezies von ,verbesserten‘ Menschen“ solle „neue familiäre, wirtschaftliche, politische und spirituelle Modelle hervorbringen“.

Geistige Verarmung und Sinnverlust

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In ihrem Dokument bezeichnen die spanischen Bischöfe als „Wurzel“ der genannten Entwicklung „geistige Verarmung und Sinnverlust, der zu einem Leben in unbekümmerten Nihilismus führt. Gottvergessenheit, religiöse Gleichgültigkeit und die Missachtung grundlegender Fragen nach dem Ursprung und der transzendenten Bestimmung des Menschen beeinflussen das moralische und soziale Verhalten des Einzelnen. Viele Menschen, die sich als Gläubige bekennen, gestalten ihr Leben, ,als ob es Gott nicht gäbe‘.“

Den Angaben der Spanischen Bischofskonferenz zufolge vollzieht sich der erwähnte „Transformationsprozess“ nicht zwangsläufig „als Folge technologischer und wirtschaftlicher Veränderungen“. Er werde vielmehr durch „einen bewussten Versuch der ,Dekonstruktion‘ oder Auflösung des christlichen Weltbildes vorangetrieben“. Es scheine, als ob es dazu „ein ausgearbeitetes Drehbuch mit genauem Timing und präzisem Zweck“ gebe. Der „neuheidnische Entwurf“, der eine neue Gesellschaft aufzubauen beabsichtige, zeige sich in der weit verbreiteten Genderideologie sowie in der gesellschaftlichen Akzeptanz von Abtreibung und aktiver Sterbehilfe.

Verfall der traditionellen Familie

Die Krise der Familie – die Verbreitung der Ehescheidungen, die Anerkennung eines Zusammenlebens ohne Trauschein sowie der gleichgeschlechtlichen „Ehe“ – und die zunehmende Säkularisierung bedingen einander: Die Säkularisierung beeinflusse den Verfall der sogenannten traditionellen Familie, aber die Krise der Familie trage ihrerseits zum religiösen Verfall bei.

In dem Grundsatzpapier wird ein deutlicher Rückgang in der Teilnahme am sakramentalen Leben festgestellt. „Besonders auffällig ist der Rückgang der Eheschließungen, und als logische Folge davon nehmen die Taufen ab; die Teilnahme an der Erstkommunion beginnt spürbar zu sinken. Der Rückgang der Zahl der Priester und der Mitglieder des gottgeweihten Lebens ist offensichtlich. All dies vor dem Hintergrund eines dramatischen Rückgangs der Geburtenzahlen.“
In der Ursachensuche gehen die Bischöfe in die Tiefe: „Für viele Menschen sind die christlichen Wahrheiten heute unverständlich und die moralischen Normen, die sich aus dem Evangelium ergeben, unannehmbar geworden.“ Folge davon sei eine „tiefgreifende kulturelle Herausforderung“: Habe die Kirche im Laufe der Jahrhunderte viele kulturelle Zeugnisse hervorgebracht, so müsse sie heute feststellen, „wie Film, Theater, Musik, Fernsehserien kulturelle Angebote machen, die der christlichen Kultur gleichgültig sind oder ihr gar entgegenstehen.“

Auch "innere Hindernisse" in der Kirche

Selbstkritisch nennt das Grundsatzpapier jedoch auch „innere Hindernisse“ in der Kirche: „die Verweltlichung, die mehr Vertrauen in menschliche Mittel als in die Gnade setzt und die Botschaft auf eine moralische Aussage reduziert“ sowie eine „Selbstbezogenheit“, die zur Beschäftigung mit kirchlichen Angelegenheiten statt zur Mission führe. Dazu ein „schwaches missionarisches Zeugnis im öffentlichen Raum“. Es sei zu einer „besorgniserregenden Trennung“ zwischen dem Leben im kirchlichen Raum und dem Leben in der Familie und Gesellschaft gekommen.

Über einen konkreten „Aktionsplan“ hinaus tue es Not, die „zentrale Botschaft zu vermitteln, dass Gott existiert, und dass es gut tut, an ihn zu glauben“, sowie dass Gott sein Gesicht in Jesus Christus gezeigt habe. Denn „die Gegenwart des menschgewordenen Gottes hilft uns, die Wirklichkeit besser zu deuten.“ Dazu gibt das Papier ebenfalls Anregungen: „Wir müssen lehren, wie gebetet und eine Beziehung zu Gott aufgebaut wird“, damit sich die Menschen an die „tiefste Wahrheit“ erinnerten: „dass der Mensch zur Vereinigung mit Gott berufen ist, und wir unsere tiefste Identität nur in der Begegnung mit Gott finden“. Dazu sei erforderlich, „die Eucharistie als Quelle und Höhepunkt des christlichen Lebens und des Lebens der Kirche sowie das Sakrament der Versöhnung als die Begegnung mit Christus“ zu feiern, „die von der Sünde, von der radikalsten Sklaverei befreit“.

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