US-Bischofskonferenz

Schwulen-App wird Generalsekretär zum Verhängnis

Der Generalsekretär der US-Bischofskonferenz tritt zurück, weil ein Online-Portal herausfand, dass der Priester auf einer Schwulen-App aktiv ist. Eine Debatte darüber, wie weit Journalisten Priester ausspionieren dürfen, ist entsprungen.
Die Dating-App Grindr
Foto: Liselotte Sabroe via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Das Online-Portal "The Pillar" spekuliert, ob sich der Generalsekretär der US-Bischofskonferenz Jeffrey Burill durch die App "Grindr" an Minderjährigen vergangen hat.

Als der Vorsitzende der amerikanischen Bischofskonferenz und Erzbischof von Los Angeles, Jose Gomez, kürzlich den nach nur acht Monaten im Amt erfolgten Rücktritt des Generalsekretärs, Jeffrey Burrill, bestätigte, wurde dieser mit „möglicherweise unangemessenem Fehlverhalten“ begründet. „Was wir erfahren haben, beinhaltet keine Vorwürfe wegen Fehlverhaltens gegenüber Minderjährigen“, fügte Gomez hinzu. Der Erzbischof sagte, Burrill habe mit seinem Rücktritt sicherstellen wollen, dass der laufende Betrieb und die Arbeit der Konferenz nicht gefährdet würden. Er betonte zugleich, man nehme alle Vorwürfe ernst und werde „alle notwendigen Schritte unternehmen, sie zu untersuchen.“

Die Daten der App stammen von Datenhändlern

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Konkret geht es um den Gebrauch einer Dating-App für Homosexuelle namens „Grindr“.  Jeffery Burrill soll diese App in den Jahren 2018 bis 2020 regelmäßig genutzt und in der Folge der mithilfe der App getätigten Verabredungen Privathaushalte und Homosexuellen-Bars besucht haben. Die Informationen über die Nutzung der App und die ausgelesenen Daten stammen von Datenhändlern. Grundlage der Sammlung von Daten in diesem Segment ist die an die Zustimmung der Benutzer gebundene Verknüpfung der Kennung des Smartphones mit denen der Orte, an denen das Smartphone Signale aussendete. Konkret nachweisbar wird dadurch, dass das Smartphone an diesen Orten gewesen ist. Mit welcher Person es dort war und was diese Person dort tat, lässt sich nicht verifizieren. Im Fall Burrill ist nicht klar, ob die betreffenden Daten von seinem Diensthandy oder einem Privatgerät stammen.

Online-Portal stellt Zusammenhang zu Missbrauch von Minderjährigen her

Die Berichterstattung über den Rücktritt des Generalsekretärs und die gegen ihn erhobenen Vorwürfe erfolgte unter anderem durch das Online-Portal „The Pillar“, zu Deutsch: die Säule. „The Pillar“ beruft sich auf die Auswertung der Daten durch Experten und stellt einen möglichen Zusammenhang zu Vergehen gegenüber Minderjährigen her. Was die Bischofskonferenz über die Datensammlungsaktivitäten wusste und wie die Bischöfe darüber denken, ist nicht bekannt. Auf das Gesprächsangebot über die offenen Fragen seitens des Online-Portals reagierte die Bischofskonferenz nicht. „The Pillar“ übermittelte daraufhin einen Fragenkatalog an die Bischöfe und setzte eine Frist zu deren Beantwortung, vor deren Ablauf der Rücktritt Burrils verkündet wurde.

Verantwortlich für die Berichterstattung ist der frühere CNA Chefredakteur

Verantwortlich für die Berichterstattung ist JD Flynn, der frühere Chefredakteur von Catholic News Agency und Kanzler der Erzdiözese Denver, der Mitbegründer des Nachrichtenportals ist. In seiner Stellungnahme betont Flynn, man sei sich der notwendigen Balance zwischen Privatsphäre und öffentlichem Interesse im journalistischen Bereich bewusst, nehme diese sehr ernst und der Bericht über die Causa Burrill in „The Pillar“ bilde hier keine Ausnahme. Er bekräftigte zudem, dass „The Pillar“ Burrill in keiner Weise beschuldige, sich Minderjährigen gegenüber unangemessen verhalten zu haben. Er wies aber zugleich darauf hin, dass an Orten, an denen sich die Nutzer der Dating App Grindr treffen, ein höheres Gefährdungspotenzial für sexuelles Fehlverhalten gegenüber Minderjährigen herrsche.  Zugleich erinnerte Flynn daran, dass die Kirchenleitung in jüngster Zeit die Inkonsistenz zwischen dem tatsächlichen Verhalten von Klerikern und den Erwartungen an eine standesgemäße Lebensführung verstärkt wahrgenommen hätte und dass deren in der Vergangenheit vielfach übliche Vertuschung zu einem ungesunden Klima in der Kirche beigetragen habe.

Kritik an "The Pillar": Es handle sich um reine Spekulation

Der „National Catholic Reporter“ kritisiert das Vorgehen des Online-Portals scharf. Anstelle von Fakten sei in „The Pillar“ ein „längliches Konvolut von Spekulationen, Mutmaßungen und Assoziationen“ zu lesen. Bedenken äußerte auch der Chefredakteur des Jesuiten-Magazins „America“, James Martin. „Katholische Journalisten dürfen keine unmoralischen Mittel einsetzen, um Priester auszuspionieren.“ Steven Millies, Direktor des renommierten Bernardin Center an der Catholic Theological Union in Chicago schloss sich dieser Auffassung an und monierte, dass „The Pillar“ „weniger seine Finger an eine starke Geschichte bekommen, als dass es eine Fülle an Anspielungen publiziert hat“. Es gäbe keine konkreten Vorwürfe gegen Burrill hinsichtlich eines Fehlverhaltens gegenüber Minderjährigen, so Millies.

Hat "The Pillar" Daten gezielt angekauft?

Die Sprecherin der katholischen Bischofskonferenz der USA sagte der „Washington Post“, dass Burrils Entscheidung zum Rücktritt aus freien Stücken erfolgt sei. Burrill selbst hat sich weder zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen noch zu den Mutmaßungen von „The Pillar“ geäußert. Zur Grauzone um die Berichterstattung von „The Pillar“ gehört die Antwort auf die Frage, wie genau die Betreiber des Online-Portals an die Nutzerdaten der Dating-App „Grindr“ gelangt sind. Da es einen Markt gibt, auf dem solche Daten legal erworben werden können, liegt es nahe, dass sie gezielt angekauft wurden, um sie von Experten auswerten zu lassen, die in der Lage sind, die Nutzer zu identifizieren und ein Profil zu erstellen, aus dem ersichtlich wird, wann der entsprechende Nutzer sich wie lange an einem bestimmten Ort aufgehalten hat.

Das Vorgehen von „The Pillar“ könnte daher Teil eines wachsenden Trends zur Selbstjustiz in einer von zerfallenden Werten geprägten Gesellschaft sein. Die in der Priesterausbildung tätige Theologin Daniella Zsupan-Jerome beklagte in diesem Zusammenhang einen Kulturverfall in der Kirche und wies darauf hin, dass Überwachungstechnologie keine besseren Geistlichen hervorbringen, sondern zu einer „Kultur der Verdächtigung und einem Verlust von Vertrauen in der katholischen Kirche“ beitrage.

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