Missbrauch

Missbrauch: Von der Sünde zur Krankheit

Moraltheologie allein genügt nicht, um ein gerechtes Urteil über den Umgang mit Missbrauch in der Vergangenheit zu fällen.
Kind wehrt sich mit ausgestreckten Armen.
Foto: imago stock&people via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Symboldbild: Ein Kind wehrt sich mit ausgestreckten Armen.

Wenn Pater Hans Zollner mir in einem Interview entgegenhält, Missbrauch sei zu allen Zeiten ein schweres Verbrechen gewesen, das zu bestrafen war, dann ist das etwas, was ich gar nicht bestritten habe. Allerdings ist die „klassisch moraltheologische Sicht“, von der er spricht, zwar richtig, aber sie allein reicht für ein gerechtes Urteil über die Vergangenheit gewiss nicht aus. 

Vom Christentum erfunden

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Historisch muss festgehalten werden, dass die Strafbarkeit von Kindesmissbrauch vom Christentum sozusagen erfunden wurde. Das Bibelwort vom Mühlstein hat Christen schon in den frühesten Zeiten in einen Gegensatz zur heidnischen Umwelt gebracht, die sogar gewerbsmäßige Kinderprostitution akzeptierte. Für Christen dagegen, darauf weist auch Pater Zollner zu Recht hin, war Kindesmissbrauch immer schwere Sünde, die es zu strafen galt. Dass wie bei allen „sexuellen Sünden“ die Peinlichkeit der Tat eine Rolle spielte und damit das allseitige Bedürfnis – oft auch der Opfer – nach Diskretion, wird man unterstellen dürfen. Dass dabei auch Verantwortliche schuldig wurden, indem sie nicht angemessen mit dem Vorgefallenen umgingen, wird niemand bestreiten. 

Primat der Psychotherapie

Das alles aber nur monokausal unter dem Klischee des Versuchs, „den Ruf der Kirche und des Täters zu schützen“ abzuhandeln, greift freilich zu kurz. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war entscheidend für die Fehleinschätzung des Phänomens durch kirchliche Verantwortliche besonders die allgemeine Psychologisierung von Theologie und Kirche. Psychologie und Psychotherapie galten als Königsdisziplinen. Mancherorts wurde Seelsorge – übrigens bis weit in „konservative“ Kreise hinein – geradezu durch Psychotherapie ersetzt. 

Eugen Drewermann

Eugen Drewermanns Psychologie-Theologie-Cocktail konnte nur deswegen so sinnenbetörend wirken, weil die hohe Wertschätzung der Psychologie damals unbestritten war. Dabei wirkte sich verhängnisvoll aus, dass in der Kirche nicht selten wissenschaftliche Texte als Wahrheitsoffenbarungen missverstanden werden. Das gilt bei Drewermann von verschiedenen Spielarten der Psychoanalyse, auf die er sich bezieht, bei vielen deutschen Bischöfen von der umstrittenen MHG-Studie und neuerdings auch von gewissen juristischen Missbrauchsgutachten. Jedenfalls führte die Übermacht der Psychologie dazu, dass Kindesmissbrauch nun von der Sünde zur Krankheit mutierte. Plötzlich waren Täter nicht mehr Kinderschänder, sondern Patienten und die Bischöfe gaben liebend gerne dieses heikle Thema an Psychotherapeuten ab. 

Keine Einsicht

Klassisch dafür ist der Fall des Essener Priesters, der zu der Zeit, als Joseph Ratzinger Erzbischof von München und Freising war, „wegen Psychotherapie“ nach München kam. 

Doch dabei gab es ein Problem. Psychiater, Psychologen und Psychotherapeuten haben zumeist keine Ahnung von den gefährlichsten Missbrauchstätern, den „Pädophilen“, da diese Menschen in der Regel keine „Krankheitseinsicht“ haben und daher nicht freiwillig in Therapie kommen. Es sind die forensischen Psychiater, die solche Menschen für die Gerichte begutachten und deswegen sehr gut kennen. Das hatte sich damals aber noch nicht herumgesprochen. Hinzu kam, dass die Bischöfe sich zumeist bemühten, für ihre Priester katholische Psycho-Fachleute zu finden, die sich oft höchst geehrt fühlten, vom Bischof gefragt zu werden, und dann nicht nur die Therapie, sondern gleich auch noch das Gutachten übernahmen. Kein Wunder, dass diese Therapeuten ihren Patienten nach ihrer eigenen Therapie bescheinigten, jetzt „ungefährlich“ zu sein – während wir heute wissen, dass manche dieser Patienten noch während der Therapie rückfällig wurden, das aber verschwiegen. 

Keine forensische Expertise

Man muss heute wohl feststellen, dass so gut wie all diesen „Therapien“ und „Begutachtungen“ forensisch-psychiatrische Kompetenz fehlte. Noch bei der Erstellung der ersten Leitlinien der Bischofskonferenz 2002 war kein Forensiker und auch kein Kinder- und Jugendpsychiater einbezogen, aber zum Beispiel der Jesuit Ulrich Niemann, der ein anerkannter Theologe, Psychiater und Psychoanalytiker war, aber über keine forensische Expertise verfügte. Das Ergebnis war entsprechend. In Punkt 9 dieser Leitlinien hieß es: „Nach dem heutigen Stand der Wissenschaft erweist sich Pädophilie als von der Neigung her strukturell nicht abänderbar und Ephebophilie als nur zum Teil veränderbare sexuelle Störung. Unbeschadet dieser Erkenntnis trägt eine differenzierte diagnostische Abklärung und fachkundige Therapie dazu bei, Wiederholungsfälle zu verhindern und dem Täter ein Leben ohne Ausübung seiner sexuellen Störung zu ermöglichen. Eine Therapie wird in jedem Fall verlangt.“ 

Diese Dichotomie zwischen Pädophilie und Ephebophilie war schon damals wissenschaftlich falsch, denn man muss für die Prognose ein individuelles Risikoprofil erstellen. Auch die Verordnung von Zwangstherapie war ganz unsinnig. Außerdem klingt da eine höchst optimistische Sicht von Psychotherapie an. Wenn Therapeuten versprechen, „dem Täter ein Leben ohne Ausübung seiner sexuellen Störung zu ermöglichen“, dann war es für Bischöfe naheliegend, den Täter in Therapie zu schicken – und ihn bei bescheinigtem „Erfolg“ wieder einzustellen. Die Aufarbeitung der vielen Fehleinschätzungen unserer Kollegen steht noch aus. 

Die dunkele Seite

Es ist die düstere Seite des Themas Psychologie und Kirche. Patienten, Kranke also, zu strafen, kam manchen Bischöfen so übrigens gar nicht in den Sinn. Das war natürlich falsch. Ganz unabhängig von solchen Überlegungen bleibt vor allem erschütternd, dass so gut wie niemand an die Opfer dachte, mit ihnen redete, für sie sorgte, das Ganze aus ihrer Perspektive sah. Die öffentlichen Reaktionen heute sind zumeist undifferenziert. Im Grunde verlangt man in jedem Fall von Missbrauch pauschal die sofortige Entlassung. Fachleute warnen jedoch davor, dass die Kirche nicht einfach Priester-Täter auf die Straße setzen darf, denn dann nehmen die sich eine Wohnung neben dem nächsten Kinderspielplatz. Die Kirche, so sagen diese Fachleute, müsse nach Möglichkeit dafür sorgen, dass die Täter sozial kontrolliert würden. Das machte die Situation für Bischöfe kompliziert. 

Die MHG-Studie zum Beispiel führt unter „Missbrauch“ unangemessene Berührungen über der Kleidung außerhalb der Geschlechtsorgane (in etwa einem Viertel der Fälle) genauso an wie Serienvergewaltigungen. Selbstverständlich musste bei Serienvergewaltigungen ein Ausschluss vom Priesteramt erfolgen. Aber solche Delikte waren die Ausnahme. Andererseits kann es Fälle geben, in denen auch unangemessene Berührungen traumatische Folgen haben können, wenn das auch vergleichsweise selten sein dürfte. 

Risikobegutachtung ist nötig

Soll ein Bischof einen Priester, der vor 30 Jahren eine solche einmalige Grenzüberschreitung begangen hat, für immer von jeder Seelsorge ausschließen? Was aber, wenn ein solcher bekannter Täter rückfällig wird? Deshalb ist heute – nach angemessener Strafe – in jedem Fall eine forensisch-psychiatrische Risikobegutachtung erforderlich, und dann die Entscheidung des Bischofs, die nie „liberaler“ als die Gutachterempfehlung, aber durchaus strenger ausfallen kann. 

Verantwortung eines heiligmäßigen Bischofs

Klaus Hemmerle

Ziel einer angemessenen Aufarbeitung darf nicht sein, die Bischöfe früherer Zeiten zu entschuldigen, sondern ihnen, aber auch den Opfern und Tätern gerecht zu werden. Dazu ist eine kundige historische Sicht unabdingbar. Bloße Empörung reicht da nicht aus. Für eine solche Sicht sind Fälle wie der des ehemaligen Aachener Bischofs Klaus Hemmerle lehrreich. Hemmerle galt als geradezu heiligmäßiger Seelsorger und Bischof, und doch ist er mitverantwortlich für einen der schlimmsten Missbrauchsfälle, weil er nicht entschieden genug gegen einen Täter vorging. Das Aachener Gutachten dokumentiert eindrucksvoll, wie er seine Fehler erkannt, bekannt und daraus am Ende gelernt hat. 

Eine Umkehr

Eine solche Haltung erhofft man sich auch von heutigen Verantwortungsträgern. Könnte nicht ein Mann wie Klaus Hemmerle vielleicht doch seliggesprochen werden als Beispiel für eine eindrucksvolle Umkehr. Immerhin ist Umkehr und Neuanfang das Thema Jesu, das christliche Thema schlechthin. Mose hat einen Menschen getötet, der Apostel Paulus war Komplize beim Lynchmord an Stephanus, der heilige Augustinus zeugte ein uneheliches Kind – und dann kehrten sie um, mit der Gnade Gottes. Man darf nicht leichtfertig mit dem Thema Missbrauch umgehen, man darf das Rückfallrisiko nicht übersehen, auch nicht die Wunden der Opfer und die Schuld der Täter und der Vertuscher. Aber am Ende muss man noch aufrecht beten können: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“. 

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