Wien

Ratzingers Schriften geben einen vertieften Blick auf das Geheimnis der Liturgie

Liturgie als Fest überschreitet den Bereich des Machbaren und Gemachten. Wer die eucharistische Feier auf eine Unterhaltung reduziert, bewegt sich in einer Welt der Fiktion. Ein Weg zurück in das Geheimnis der Liturgie.
Ratzinger
Foto: KNA | Josef Ratzinger/ Benedikt XVI. führt durch seine Schriften in die Heiligkeit der Eucharistie und dadurch sogar zum Glauben.

Vor etwas über dreißig Jahren kehrten wir, meine spätere Frau und ich, zurück in die römisch-katholische Kirche. Wir waren überglücklich und ebenso geschockt, als wir die ersten Messen besucht hatten. Kardinal Meisner hat es einmal so ausgedrückt: „Wir haben uns nach dem Konzil so sehr dem Zeitgeist angepasst, dass der Sinn für das Heilige abhanden gekommen ist. Wir haben die Sakramentenkatechese sträflich vernachlässigt und äußere Zeichen der Ehrfurcht ersatzlos gestrichen (...). Wir haben das Mysterium nicht mehr geschützt und erleben nun die totale Profanierung des Sakralen. Was ist aus all dem an evangelisierender Kraft erwachsen? Nichts! Das ist eine schlimme Entwicklung, die dringend der Korrektur bedarf.“

Gott steigt herab

In der heiligen Messe ereignet sich Ungeheures. Gott, der alles erschaffen hat und dem Menschen, Seinem Abbild, die Freiheit gegeben hat, Seine Herrlichkeit bewusst anzunehmen und anzubeten, dieser allmächtige Gott steigt in Seinem Sohn herab zu den Menschen, nimmt das ganze Sündenelend auf sich und geht diesen Weg bis zum grausamen Tod am Kreuz, aber auch bis zum Sieg über den Tod am Ostermorgen. Dieser Gott wird auf dem Altar in eben diesem Sohn gegenwärtig und schenkt uns in der heiligen Kommunion Seine innigste Einwohnung. Ein wahrhaft „kosmisches Ereignis“, wie es Joseph Ratzinger mehrfach genannt hat.

Antwort auf die Offenbarung

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Die Liturgie der heiligen Messe muss als Antwort auf diese göttliche Offenbarung alles enthalten, was wir an Ehrfurcht und Dankbarkeit aufbieten können. Dieses Mysterium wird ja nicht von uns gemacht, es ist der Herr selbst, der im Priester in persona Christi wirkt. Die Schriften von Joseph Ratzinger haben mich damals, vor vielen Jahren, gerettet. Gerettet vor dem Entsetzen, „die Liturgie ihrem Formtypus wie der geistigen Haltung nach in die Nachbarschaft der Party (zu rücken), was sich zum Beispiel in der zunehmenden Bedeutung von Begrüßungs- und Verabschiedungsworten wie in der Suche nach Elementen mit Unterhaltungswert zeigt. Der Unterhaltungseffekt wird geradezu zum Maßstab ,geglückter‘ liturgischer Feier, die daher auf die ,Kreativität‘, das heißt auf die Einfälle ihrer Veranstalter angewiesen ist.“ Bezeichnend für Joseph Ratzinger ist, dass er auch in diesem Mummenschanz noch einen positiven Aspekt wahrnimmt, die „Vorstellung von der Liturgie als Feier“.

Künstliche Harmlosigkeit

Allerdings stellt er diesem Gemeinschaftserlebnis durch „Spontaneität und freien Ausdruck, das heißt dem Heraustreten aus den festen Ordnungen des Alltags und schöpferischer Gestaltung“ das andere Heraustreten, das „Ablegen der Rollen und das Freilegen des Eigentlichen ..., den Durchbruch zum Sein“ entgegen. Er verweist auf „die Frage aller Fragen, diejenige nach den Mächten des Leides und des Todes, denen keine Freiheit trotzen kann.“ „Wer sich diesen Fragen nicht stellt, bewegt sich in einer Welt der Fiktionen, deren künstliche Harmlosigkeit auch nicht durch pathetische Deklamationen über das Leid der unterdrückten Völker aufzuheben ist, die nicht ohne Grund zum Commune nahezu aller selbstgemachten ,Liturgien‘ gehören.“

Den Tod Christi gekostet

Das Buch des Kardinals, das mir am meisten zum Verständnis des Wesens des Messopfers verholfen hat, ist „Das Fest des Glaubens“. Wie er vom rechten Verständnis des christlichen Betens her das Werden der Eucharistiefeier aus dem jüdischen Todaopfer, dem Dankopfergottesdienst, erläutert und so das „Herrenmahl des Auferstandenen“ aus der Opferung „des Opfertieres durch den Erretteten“ herleitet, entzieht den Vorstellungen, es handle sich um eine Mahlfeier der Gemeinde, den Boden. Jesus opfert sich selbst, die irdische leibliche Existenz. Das Opferbrot ist in seinem Wesen Jesus selbst. Die Eucharistie „hat Christi Tod gekostet, und die Freude, die sie verheißt, setzt das Eintreten in dieses Todesgeheimnis voraus“. Es geht um die angemessene Größenordnung.

 

 

Charakter der Liturgie

Für Kardinal Ratzinger folgen daraus zwei weitere Strukturen der eucharistischen Feier: Erstens der anbetende Charakter der Liturgie: „Christus ist betend gestorben; er hat sein Ja zum Vater der politischen Opportunität übergeordnet und kam dadurch ans Kreuz. So hat er im Kreuz das Ja zum Vater aufgerichtet, in ihm den Vater verherrlicht, und diese Weise des Sterbens war es, die mit innerer Konsequenz in die Auferstehung hineinführte.“ Zweitens der kosmische universale Charakter der Liturgie: „Gemeinde wird Gemeinde nicht durch Interaktion, sondern dadurch, dass sie sich vom Ganzen empfängt und ins Ganze zurückgibt… Liturgie als Fest überschreitet den Bereich des Machbaren und Gemachten; sie führt in den Bereich des Gegebenen, des Lebendigen, das sich uns übereignet.“ Folgerichtig erklärt er die so häufig missverstandene Participatio actuosa als „Participatio Dei – Teilhabe an Gott und so am Leben“. Das erfordert liturgische Bildung, die „nicht durch immer neue Gestaltungsvorschläge erreicht wird, sondern nur durch Führung von der Gestalt zum Gehalt“.

Die Wandlung

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Das Buch ist eines der vielen bedeutenden Werke aus der Feder des Kardinals. Des öfteren bewegt mich ein unerfüllbarer Traum: zusammen mit Joseph Ratzinger, inzwischen ja längst em. Papst Benedikt XVI., Botho Strauß zu besuchen, um mit ihm über eine Sentenz aus seinem Essay über G. Steiners Buch „Von realer Gegenwart“ zu sprechen: „In der Feier der Eucharistie wird die Begrenzung, das Ende des Zeichens – und seines Bedeutens – genau festgelegt: der geweihte Priester wandelt Weizenbrot und Rebenwein in die Substanz des Leibs und des Bluts Christi. Damit hört die Substanz der beiden Nahrungselemente auf, und nur ihre äußeren Formen bleiben.

Der reale Leib

Im Gegensatz zur rationalen Sprachtheorie ersetzt das eine – das Zeichen, das Brot – nicht das fehlende andere – den realen Leib –, sondern übernimmt seine Andersheit. Dementsprechend müsste es in einer sakralen Poetik heißen: das Wort Baum ist der Baum, da jedes Wort wesensmäßig Gottes Wort ist und es mithin keinen pneumatischen Unterschied zwischen dem Schöpfer des Wortes und dem Schöpfer des Dings geben kann. Gegenwärtig beim Abendmahl ist der reale Leib des Christus passus – das heißt im Zustand seines Todesopfers – unter der Gestalt des Brots. Die Kunstlehre von der realen Gegenwart oder: die um die Kunst erweiterte Sakramentenlehre ist davon überzeugt, dass das Bildnis des Mädchens nicht ein Mädchen zeigt, sondern dass es das Mädchen ist unter der Gestalt von Farbe und Leinwand.“ Was würde der Heilige Vater, Benedikt XVI., antworten?


Der Autor ist Schauspieler und Hörspielsprecher in Wien, gehörte zum Ensemble der Berliner Schaubühne und später des Wiener Burgtheaters.

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