Würzburg

Pro & Contra: Schere im Kopf?

Ursachen die uns davon abhalten Gott zu folgen, benennt Alexander Tschugguel. Die Grenzen des Sagbaren werden immer enger gezogen, meint Burkhard Hose.
Krippe in Neapel
Foto: dpa | Das Künstlerkollektiv „Ausgegrenzt“ hat bundesweit in 15 Kirchen jeweils zwei Dreikönigsfiguren aus den Weihnachtskrippen entwendet. Krippenhandwerk in Neapel. Im Bild: Krippenhandwerk in Neapel.

Pro: Relativismus und deutsche Angst 
Von Alexander Tschugguel

Die Grenzen des Sagbaren werden immer enger, sie werden begrenzt durch „Political Correctness“ und „German Angst“. Im Römerbrief steht im Kapitel 12 Vers 2 folgendes: „Und machet euch dieser Welt nicht gleichförmig, sondern wandelt euch selbst um in Erneuerung eures Sinnes, so dass ihr prüfet, was der Wille Gottes, was gut, wohlgefällig und vollkommen sei.“ Mit diesem Vers des Römerbriefes ist fast schon alles gesagt. Unsere Aufgabe auf Erden ist es, Gott zu erkennen, ihm nachzufolgen und in den Himmel zu gelangen. Alles, was dafür förderlich ist, ist gut und alles, was uns davon abhält, ist schlecht. Nachfolgend will ich drei von vielen Problemen benennen, die uns davon abzuhalten scheinen, diese Aufgabe zu erfüllen.

„Und machet euch dieser Welt nicht gleichförmig,
sondern wandelt euch selbst um in Erneuerung eures Sinnes,
so dass ihr prüfet, was der Wille Gottes,
was gut, wohlgefällig und vollkommen sei.“
Römerbrief; Kapitel 12 Vers 2

Das erste Problem ist der Relativismus

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Es herrscht in weiten Teilen der Bevölkerung, und daher auch der Gläubigen, die Ansicht, dass es nicht eine Wahrheit gibt, sondern nur viele subjektive „Wahrheiten“. Frei nach dem Ausspruch des protestantischen Königs Friedrich II.: „Jeder soll nach seiner Façon selig werden“.

Diesem weitverbreiteten Irrtum kann man nur entgegenhalten, dass Gott die ganze Welt in einem Guss geschaffen hat. Alles ist in seiner Ordnung und diese Ordnung ist eins. Es gibt nicht „mehrere Ordnungen“, sondern nur die eine Ordnung Gottes. Wenn dem nicht so wäre, könnten wir uns auf kein Wort Gottes verlassen, da ja jeder von uns dieses dann anders anwenden müsste. Dies wiederum würde sofort jegliche Einheit zerstören. Von Christus wissen wir aber folgendes (Johannes 17, 22): „Und ich habe die Herrlichkeit, welche du mir gegeben hast, auch ihnen gegeben: damit sie Eins seien, wie auch wir Eins sind.“

Problem der sogenannten „Political Correctness“

Aus katholischer Sicht definiert ist sie eine Regel, die uns gebietet, all unsere Aussagen und Taten dem Zeitgeist unterzuordnen. Mein obiges Zitat aus dem Römerbrief sollte uns hier schon deutlich genug zeigen, weshalb das falsch ist. Wenn wir den Begriff PC ins Deutsche übersetzen, wird uns seine totalitäre und falsche Bedeutung sofort auffallen: Politisches Korrektsein.

Dieses politische Korrektsein hieße für uns, dass die politischen Übereinkünfte für unseren Glauben maßgeblich wären. War es nicht eine solche Übereinkunft, die unseren Herrn ans Kreuz geschlagen hat? War es nicht eine solche, die letztes Jahrhundert zig-millionen Opfer sowohl in Deutschland als auch in Russland zu verzeichnen hat? Und zuletzt ist es doch bis heute eben so eine Übereinkunft, der Deutschland mehr als hunderttausende Abtreibungen im Jahr zu „verdanken“ hat. Zu Recht, können wir sagen, ordnen wir uns also nicht der „Political Correctness“ unter.

Das dritte Problem ist die „German Angst“

Eine Mehrzahl der Deutschen handelt nicht nach eigenen Einsichten und Überzeugungen, sondern nur so, dass die „anderen“ ihnen nicht widersprechen. Diese „Angst“ drückt sich vor allem dadurch aus, dass oft eine andere Meinung nach außen vertreten wird, als nach innen.

Diesem Grundübel sind vier Kardinaltugenden entgegenzuhalten: Klugheit, Gerechtigkeit, Mäßigung und Tapferkeit. Gerade die Tapferkeit besteht darin, „dass der Mensch willig Opfer bringt, um die ewigen Güter zu erreichen“ (Spirago).

Bringen wir auch heute diese Opfer! Unser Herr bereitet uns gründlich auf dieses Opfer vor, wenn er spricht (Lukas 21, 12ff): „Aber vor diesem Allem werden sie Hand an euch legen, und euch verfolgen, indem sie euch an die […] Gefängnisse überliefern, und vor Könige und Statthalter führen um meines Namens willen. Das wird euch zum Zeugnisse widerfahren. […] Ihr werdet von Allen gehasst sein um meines Namens willen.“

Die Grenzen des Sagbaren dürfen niemals eng sein, wenn es um die Verkündigung der Wahrheit geht. Die Wahrheit ist grenzenlos gültig, lasst uns ihr Werkzeug sein. „Jesus sprach zu ihm: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater außer durch mich.“ (Johannes 14, 6)

Contra: Die Mittel waren harmlos
Von Burkhard Hose

Nein, die Grenzen des Sagbaren werden in kirchlichen Kreisen nicht dadurch enger gezogen, dass die Entwendung von Krippenfiguren durch das Künstlerkollektiv „Grenzenlos“ nicht deutlich genug als Diebstahl bezeichnet wurde. Der Streit rund um die Frage des vermeintlichen Diebstahls lenkt vielmehr davon ab, dass die Grenzen des Sagbaren nicht an dieser, sondern an ganz anderer Stelle immer enger gezogen werden.

Abgesehen davon, dass die Figuren unversehrt zurückgegeben wurden und es auch nie Ziel der Aktivist*innen war, sich damit zu bereichern oder sie in einen Fluss zu werfen und damit zu zerstören, macht die Diskussion rund um die Aktion nämlich etwas anderes sichtbar: Die Diskursverschiebung, die seit einigen Jahren durch Rechtspopulisten und Rechtsradikale in unserem Lande betrieben wird, trägt bittere Früchte: Der Tod von Menschen auf der Flucht ist kaum mehr eine Meldung wert.

Politischer Erfolg zählt mehr als der Mensch

Menschen werden in den Nachrichten unsichtbar gemacht, de-thematisiert. So sucht man in kirchlichen, aber auch anderen Medien vergeblich nach herausgehobenen Meldungen über den Tod von elf geflüchteten Menschen, darunter acht Kinder, die – während wir über den Diebstahl von Krippenfiguren streiten – vor der türkischen Westküste nahe der Insel Chios ertrunken sind.

Und warum ist das so? Weil inzwischen in weiten Teilen der Gesellschaft als politischer Erfolg gewertet wird, dass immer weniger Menschen auf der Flucht bis zu uns gelangen. Sie sitzen entweder an EU-Außengrenzen unter unwürdigen Bedingungen in Lagern fest oder sie ertrinken auf der Irrfahrt über das Mittelmeer.

Und wer durch öffentlichkeitswirksame Aktionen wie die Entwendung von Krippenfiguren auf ihr Schicksal aufmerksam macht, der erntet am Ende eine absurde Diskussion darüber, ob er in der Berichterstattung deutlich genug als Dieb bezeichnet worden ist oder nicht.

Angewendete Mittel im Verhältnis harmlos

Es ist beinahe so, als würde man im Kontext der „Tempelreinigung“, wie sie uns die Evangelien überliefern, über das Thema Sachbeschädigung diskutieren. Die Prophetinnen und Propheten Israels mit ihren teilweise spektakulären Zeichenhandlungen, mit denen sie auf gesellschaftliches Unrecht aufmerksam machten, drehen sich im Grabe herum, wenn sie heute lesen, dass für uns das eigentliche Thema ist, ob im juristischen Sinn korrekt über symbolische Aktionen berichtet wird.

Nein, der Zweck heiligt nicht jedes Mittel. Aber die Mittel, die im konkreten Fall zur Anwendung kamen, waren im Verhältnis so harmlos, dass sie allemal durch den Zweck geheiligt werden. Dem Künstlerkollektiv ging es schließlich um nicht weniger als das Leben und die Würde von Menschen auf der Flucht.

Die Diskussion rund um die Entwendung der Krippenfiguren könnte am Ende aber doch noch einen positiven Ertrag bringen: Sie könnte mit Hilfe der Aktivist*innen und der zurückgebrachten Krippenfiguren ein Thema in die Kirchen und damit auch in die kirchliche Berichterstattung zurückbringen, das eigentlich dort hingehört: das deutliche Sprechen über das unsichtbar und unsagbar gemachte Leid so vieler Menschen auf der Flucht, die längst mitten in unserem christlichen Europa zu Menschen zweiter Klasse geworden sind.

Tatbestand: Unterlassene Hilfeleistung und Mitwisserschaft

Und wenn man schon juristische Vokabeln bemühen will, dann wäre da von einem Tatbestand zu reden, der weitaus schwerer wiegt als der symbolische Diebstahl einiger Holzfiguren: unterlassene Hilfeleistung und Mitwisserschaft. Dafür werden uns künftige Generationen zur Rechenschaft ziehen, wenn sie auf unseren heutigen Umgang mit Geflüchteten zurückblicken.

Für uns Christinnen und Christen ist vielleicht aber noch wichtiger, dass wir mit der Rückkehr der Krippenfiguren in die Kirchen auch ihre Botschaft wieder deutlicher in unserer Mitte Platz finden lassen. Das Evangelium von der Menschwerdung Christi verlangt von uns, zu den Menschen zu stehen wie Jesus es tat, nicht wegzuschauen und nicht zu schweigen, sondern das Leid zu sehen, laut davon zu reden und endlich zu handeln!

 

Hintergrund
Die Grenzen des Sagbaren

Das Künstlerkollektiv „Ausgegrenzt“ hat bundesweit in 15 Kirchen jeweils zwei Dreikönigsfiguren aus den Weihnachtskrippen entwendet. Das „Kollektiv“ wollte mit der Aktion gegen die europäische Asyl– und Grenzpolitik protestieren. Es sollte die Botschaft vermittelt werden, dass heute die „Könige“ in Asyllagern festgehalten würden, und ihr Ziel damit nicht erreichten. Die Aktion wurde weitgehend begrüßt. Pfarrer Pellio von der Berliner evangelischen Versöhnungsgemeinde sagte dem Rundfunk Berlin Brandenburg: „Die Aktion trifft bei uns natürlich auf offene Türen.“ Die Gemeinde habe das „Kollektiv“ für Sonntag bereits zum Drei-Königs-Gottesdienst eingeladen.
Dagegen kritisiert der Kölner katholische Pfarrer Fey: „Die Leute haben das nicht verstanden.“ Auch während der Woche kämen viele Menschen in die Kirche, um sich die Krippe anzusehen, etwa Großeltern mit ihren Enkeln. Gerade in Köln schlage so eine Aktion eine Wunde.
Dass die Aktivisten mit ihrer Tat aber die Glaubensverkündigung und die Andacht der Kirche angriffen, fiel in den meisten Reaktionen  unter den Tisch.  Doch warum? Als der Wiener Aktivist Alexander Tschugguel symbolhaft die heidnische „Pachamama“ dem Tiber übergab, war die innerkirchliche Empörung groß. Tschugguel sieht daher in der Kirche Relativismus am Werk, wenn es um die Verteidigung des Glaubens gehen müsste. Dagegen verteidigt der politische engagierte Würzburger Hochschulpfarrer Burkhard Hose in seinem Beitrag die kollektivierten „Aktivisten“.

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