Sarajevo

Porträt der Woche: Kardinal Vinko Puljic

Es ist leicht, den Erzbischof von Sarajevo zu unterschätzen. Dabei ist es Kardinal Puljic zu verdanken, dass die leidgeprüfte katholische Kirche Bosnien-Herzegowinas in den Wogen der Weltpolitik weder unterging noch den eigenen Weg aus dem Blick verlor.
Erzbischof Vinko Pulic
Foto: Harald Oppitz | Mit der immerwährenden Ungerechtigkeit von Politik und Weltöffentlichtkeit hat Vinko Pulic, Erzbischof von Sarajevo, zu leben gelernt.

Mit der immerwährenden Ungerechtigkeit von Politik und Weltöffentlichkeit hat der Erzbischof von Sarajevo zu leben gelernt. Seit drei Jahrzehnten reagiert er darauf mit hartnäckiger Freundlichkeit und charmanter Beharrlichkeit. Kardinal Vinko Puljic lächelt stets und spricht leise, ja bedächtig. Es ist leicht, den unerschrockenen Gottesmann zu unterschätzen. Tatsächlich ist es seiner freundlichen Konsequenz zu verdanken, dass die leidgeprüfte katholische Kirche Bosnien-Herzegowinas in den Wogen der Weltpolitik weder unterging noch den eigenen Weg aus dem Blick verlor.

Hirte der Kirche der Fastenzeit

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Im Herbst 1990, als die Risse durch das spätkommunistische Jugoslawien bereits unübersehbar waren, ernannte Johannes Paul II. den damals 45-Jährigen zum Erzbischof von Vrhbosna (Sarajevo). 530 000 Katholiken lebten hier damals mit 205 Diözesan- und 180 Ordenspriestern. Der jahrelange serbische Terror führte zur Vertreibung von 300 000 Gläubigen. Zehntausende wurden ermordet, in Lager gebracht, gefoltert oder vergewaltigt. 55 Kirchen wurden gänzlich zerstört. Der Vertrag von Dayton 1995 brachte Frieden, aber keine Gerechtigkeit.

„Wir waren am Rande des Vergessens“, sagte Puljic 2015 im Interview mit dieser Zeitung. Da hatte er bereits zwei Jahrzehnte für den Wiederaufbau der kirchlichen Infrastruktur geschuftet, ein karitatives Netz für alle Einwohner geschaffen, den interreligiösen Dialog etabliert. Illusionen machte sich Puljic nie: weder über die internationale noch über die nationale Politik, weder über die Gräben zwischen den Ethnien noch über die islamistischen Einflüsse aus dem Ausland. Den Wandel des heimischen Islam hat er wachsam im Blick.

Katholiken in Bosnien noch immer in Gefahr

Puljic weiß, dass die Katholiken Bosnien-Herzegowinas auch ein Vierteljahrhundert nach Kriegsende in Gefahr sind: Als kleinste der drei staatstragenden Ethnien sind die katholischen Kroaten am verwundbarsten. Und obwohl das benachbarte Kroatien derzeit die Ratspräsidentschaft in der EU innehat, haben sie – anders als die orthodoxen Serben und die muslimischen Bosnier – keine starke internationale Lobby. Der Kardinal von Sarajevo und der Bischof von Banja Luka sind ihre treusorgenden Hirten und selbstlosen Anwälte, auch wenn beide Bischöfe weder Gerechtigkeit für die rückkehrwilligen Vertriebenen noch ausreichend Zukunftschancen für die Ausharrenden erzwingen können.

Im 30. Bischofsjahr bekommt Puljic mit dem bisherigen Militärbischof Tomo Vukšic einen kompetenten Koadjutor zur Seite gestellt, der seinen Realismus teilt. „Wir sind eine leidende Kirche, und das seit Jahrhunderten – eine Kirche der Fastenzeit“, sagt Vukšic. Es könnte ein Puljic-Zitat sein.

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