Frankfurt am Main

Pius XII. und der Holocaust: Aussicht auf Klärung

„Der größte jemals lebende Wohltäter des jüdischen Volkes“ oder „Hitlers Papst“? Die Öffnung des vatikanischen Archivs zu Pius XII. lässt auf neue Erkenntnisse hoffen. Derweil gibt es Forderungen, das Seligsprechungsverfahren ruhen zu lassen.
Pius XII. bei einer Audienz 1954
Foto: DB (dpa) | Warum hat er sich auch nach dem Krieg nicht deutlich zum Holocaust geäußert? Pius XII. bei einer Audienz 1954.

Für manche ist er der „Engelspapst“, dessen Seligsprechung sie sehnlich erwarten; für andere ist er „Hitlers Papst“. Seit Rolf Hochhuths Versdrama „Der Stellvertreter“ ist Pius XII. eine umstrittene Figur. An seinem Verhalten während des Zweiten Weltkrieges und angesichts der nationalsozialistischen Judenverfolgung scheiden sich die Geister. Hat er damals moralisch versagt? Oder war er im Gegenteil „der größte jemals lebende Wohltäter des jüdischen Volkes“, wie ihn noch der jüdische Religionsphilosoph Pinchas Lapide nannte?

Ab Anfang März wird neue Bewegung in diese Debatte kommen. Dann werden sämtliche vatikanische Akten des Pacelli-Pontifikats für die Forschung zugänglich sein. Aus diesem Anlass fand am Montagabend in der Katholischen Akademie in Frankfurt am Main eine prominent besetzte Podiumsdiskussion statt. Der enorme Publikumsandrang im Großen Saal des Hauses am Dom machte deutlich, auf welches lebhafte Interesse dieses Thema auch 75 Jahre nach Kriegsende immer noch stößt. Die Teilnahme des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, sowie die sichtbare Präsenz von Vertretern der Frankfurter jüdischen Gemeinde im Publikum unterstrichen die Bedeutung der Debatte für den christlich-jüdischen Dialog. Die weiteren Diskutanten neben Schuster waren der in der Deutschen Bischofskonferenz für die christlich-jüdischen Beziehungen zuständige Bischof Ulrich Neymeyr (Erfurt) sowie die beiden Historiker Hubert Wolf (Münster) und Johannes Heil (Heidelberg), die auch zwei Impulsreferate beisteuerten.

Die Auswertung des Archivs wird viel Zeit brauchen

Hubert Wolf skizzierte in seinem Referat ruhig, aber eindringlich, die bekannten Streifragen zum Pontifikat Pius XII., für die sich durch die Archivöffnung neue Einsichten ergeben könnten. Hinsichtlich des „Schweigens“ des Papstes im Angesicht der Shoah könne deutlicher werden, ob für Pius „das Seelenheil der Katholiken“ im Zentrum stand oder ob er sich einem „generellen Schutz der Menschenrechte“ verpflichtet fühlte. Möglich sei auch, dass der mit Deutschland gut vertraute Papst „einen neuen Kulturkampf“ gefürchtet habe und daher politische Neutralität angestrebt habe, zumal er im Ersten Weltkrieg das Scheitern der päpstlichen Friedensinitiative von 1917 direkt miterlebt habe. Es könne durch die Archivöffnung auch klarer werden, welche Handlungsspielräume der Papst überhaupt besaß und inwieweit er den ihm zugänglichen Informationen über die Shoah glaubte.

Wolf plädierte zudem dafür, den Blick auch auf das bisher weniger diskutierte Wirken des Papstes nach 1945 zu richten. Weshalb äußerte sich Pius auch in der Nachkriegszeit nicht deutlich zum Holocaust? Was wusste er über die Fluchthilfe für nationalsozialistische und kroatische Kriegsverbrecher, die einzelne Kirchenvertreter betrieben? Was war seine Haltung zum neu gegründeten Staat Israel? Auch für die späteren Päpste Johannes XXIII. (im Zweiten Weltkrieg apostolischer Delegat in Istanbul) und Paul VI. (einen engen Mitarbeiter des Pacelli-Papstes) könnten sich laut Wolf durch die Archivalien neue Erkenntnisse ergeben.

Vor diesem Hintergrund forderte der Kirchenhistoriker, das laufende Seligsprechungsverfahren für Pius XII. „bis zur gründlichen Auswertung“ der ab jetzt neu zugänglichen Dokumente auf Eis zu legen – eine Forderung, die das Publikum mit einem kurzen und kräftigen Applaus quittierte. Eine Seligsprechung zum jetzigen Zeitpunkt würde laut Wolf das starke Signal der Archivöffnung entwerten. Wolf ließ keinen Zweifel daran, dass eine gründliche Auswertung der Archivbestände – mehr als 200.000 archivalische Einheiten mit je bis zu 1000 Blatt Umfang – ihre Zeit brauchen wird.

Auch Josef Schuster fordert Stopp des Verfahrens

Die Forderung nach einem Stopp des Seligsprechungsverfahrens erhob auch Josef Schuster in der Podiumsdiskussion. Im Falle einer Seligsprechung Pius XII. vor Auswertung der Akten müsse er die vatikanische Haltung zum christlich-jüdischen Dialog als bloßes „Lippenbekenntnis“ ansehen. Der Präsident des Zentralrats der Juden erklärte, nicht mit einer schnellen Klärung der offenen Fragen zu rechnen. Schuster bekundete seine Offenheit für alle (positiven oder negativen) Erkenntnisse über Pius XII., die sich aus den neuen Untersuchungen ergeben könnten. Im Rahmen der Diskussion wandte sich Schuster auch gegen Pauschalurteile. Ebenso wie er Pauschalisierungen über „die Juden“ ablehne, so warne er davor, von der Person Pius XII. ausgehend verallgemeinernde Feststellungen über die katholische Kirche zu treffen.

Für einen Stopp des Seligsprechungsverfahrens sprach sich auch Bischof Neymeyr aus und verwies auf das Beispiel von Bistümern, die solche Prozesse eingestellt hätten, nachdem antijüdische Äußerungen der Kandidaten bekannt geworden seien. Neymeyr plädierte zudem in der Diskussion dafür, christlichen Antisemitismus stärker in den Blick zu nehmen. Christen müssten akzeptieren, „dass Gott den Bund mit Israel nicht gekündigt hat“. Die relativ späte gründliche Aufarbeitung der NS-Zeit innerhalb der Kirche verglich der Bischof mit den Aufarbeitungsprozessen in der Gesamtgesellschaft, die einem ähnlichen Muster gefolgt seien.

Ein vatikanisch geprägter Mann mit „enger Weltsicht“

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Der vierte Diskutant, Johannes Heil, schlug in der Diskussion auch einen Bogen zur Gegenwart. Das aktuelle Treffen des päpstlichen Außenbeauftragten mit dem chinesischen Außenminister im Rahmen der Münchener Sicherheitskonferenz erinnere ihn an die Lateranverträge und das Reichskonkordat. In seinem Impulsreferat hatte Heil zuvor mit Beispielen aus der Papstgeschichte die historische Ambivalenz des christlichen Verhältnisses zum Judentum illustriert. „Die kirchliche Lebenswelt“ Pius XII. sei in dieser Hinsicht gar nicht so verschieden von den „ambivalenten Deutungen des 12. oder 13.“ Jahrhunderts gewesen. Mit Blick auf den Pacelli-Papst erklärte Heil, „dass einem, der das Vatikanische schon mit Muttermilch und Taufwasser in sich aufgesogen hatte, eine enge Weltsicht aufgegeben war“.

Die sehr harmonisch verlaufende Podiumsdiskussion, bei der keine grundsätzlichen Differenzen sichtbar wurden, entließ ihre Besucher mit einem verhaltenen Optimismus, dass die Debatte über Pius XII. aufgrund der anstehenden Forschungsarbeiten in absehbarer Zeit auf einer solideren Grundlage geführt werden kann als bisher. Laut Wolf werden er und sein Team dabei neben dem Verhältnis Pius XII. zum Judentum und zur Shoah in den für die nächsten zwei Jahre geplanten „Probebohrungen“ noch weitere Fragestellungen in den Blick nehmen, darunter etwa die Rolle des Vatikans bei der Formierung von CDU und Democrazia Cristiana oder das Verhältnis des Papstes zur Europaidee.

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