Papst Benedikt XVI.

Papst Benedikt fiebert für das Reich Gottes

Der priesterliche Dienst als Sonderweg. Kardinal Paul Josef Cordes würdigt den emeritierten Papst Benedikt XVI. zu seinem 70. Weihetag am 29. Juni. Der Weg führt ins kontemplative Schweigen.
Der emeritierte Papst Benedikt XVI
Foto: Daniel Karmann (dpa) | „Wo der Schöpfungsgedanke preisgegeben wird, ist die Größe des Menschen preisgegeben“, erläutert der emeritierte Papst.

Eminenz, Sie sind ein langjähriger Weggefährte von Papst Benedikt XVI., der am 29. Juni sein 70. Priesterjubiläum feiert. Was wünschen Sie ihm persönlich?

Dem emeritierten Papst sind trotz seines Alters die aktuellen kirchlichen und theologischen Strömungen sehr präsent. Erst kürzlich konnte ich ihn wieder besuchen. Gott möge ihm in den gegenwärtigen Bedrängnissen der Kirche weiter die Gelassenheit im Glauben schenken und ihn weiter durch die beachtliche weltweite Resonanz auf seine unzählbaren Glaubensimpulse trösten.  

Wie haben Sie Papst Benedikt in seinem priesterlichen Dienst wahrgenommen?

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Nur Schritt für Schritt – so gestand er selbst irgendwann – wurde ihm die eigene geistliche Berufung als Sonderweg klar. Doch blieb er auch als Mann der Kirche fest mit der Gesellschaft vernetzt; monadenhaft isoliert, schaffte sich ja das Christentum ab. Gleichzeitig sah er sich durch das Weihesakrament ausdrücklich zur Bewahrung der Glaubensbotschaft verpflichtet. Er trat gleichsam an eine „Grenzstelle“, um solche Einflüsse abzuschirmen, die das überkommenen Glaubensgut (depositum fidei) zerstören würden.

"Gnadenhaft gesehen,
ermöglicht die Christus-Bindung
den Gemeinde-Dienst erst."

Und er erlebte schmerzhaft, dass Abweichler dann zurückschlagen. Etwa als die deutsche Arbeitsgemeinschaft der Moraltheologie seinen Brief 2019 zum Pädophilie-Skandal maßregelte. Er hatte aufgezeigt, dass diese Verderbnis begann, lange bevor sie ans Licht trat. Er verwies auf Sexual-Revolution der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts – wie schon vor ihm renommierte Soziologen wie Niklas Luhmann (in „Liebe als Passion“) oder Charles Taylor (in „Ein säkulares Zeitalter“). Trotz solcher sozialwissenschaftlicher Befunde schalten die theologischen Lehrer Papst Benedikt der Weltfremdheit.  Obschon gerade er die geistesgeschichtlichen Strömungen einbrachte, zieh man der „entweltlichten Theologie“, die „das Phänomen des Missbrauchs nur verzerrt wahrnehmen“ könne. Offenbar reichte der Blick der Kritiker nicht vom eigenen Katheder bis zu den anderen Disziplinen.  

Wie würden Sie jemandem, der Papst Benedikt nicht kennt, das Wesen seiner Berufung beschreiben?

Er selbst hat die Worte seines große Lehrers, der heilige Augustinus, gebraucht: der Priester ist „Christi Knecht“. So gedeutet, sei die Existenz des Geweihten in ihrer Wurzel relational. Denn Knecht ist jemand in Bezug auf einen andern. Dieser Andere ist für uns Priester der Christus. In dieser Relation liegt das Wesen des Amtes. Dass es gleichzeitig auf die Gemeinde hingeordnet ist, steht zu dieser Bestimmung keineswegs im Gegensatz: Gnadenhaft gesehen, ermöglicht die Christus-Bindung den Gemeinde-Dienst erst. Denn die Ausrüstung durch das Sakrament trägt seinsmäßig den Vollzug der anstehenden Funktionen; sie übersteigen also eine bloß juridische Beauftragung. Und die Christus-Relation bekundet ein Zweites: Der anstehende Heilsdienst gelingt nicht aus irdischer Kraft allein. Der ORDO ruft dem Priester und der Kirche in Erinnerung, dass Gott bei allem menschlichen Mühen die Quelle von Erlösung und Seligkeit ist.  

An welchen Axiomen richtet Papst Benedikt sein Handeln aus?

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Das Leitmotiv des Jubilars mag wohl der Paulus-Satz sein: „Jesus ist der Herr“ (1 Kor 12,3). Kirche ist ihm Christokratie. Sie schafft sich nicht selbst im Konzipieren ihrer Identität. Diese ist ihr in Christus vorgegeben. Niemand bestimmt, sondern alle empfangen. „Kirche ist vom Anfang an nicht Ermächtigung, sondern Entmächtigung,“ sagte er einmal.  Bei allem Bemühen um Zeitnähe der Heils-Botschaft hat die Kirche nie auf Abstimmungen gesetzt. Sie fragte nach den Willen Gottes, tastete sich an ihn heran über Gottes Wort, die Liturgie, den Schatz der Überlieferung. Auf diesem Fundament errang sie sich Einmütigkeit: „Der Heilige Geist und wir haben beschlossen…“ (Apg 15,28).  

Und unser Bruder Christus ist der Weg zum ewigen Vater. Unüberhörbar ist Ratzingers durchgängige Klage heutiger „Gottvergessenheit“. Gegen sie setzt er den kontinuierlichen Appell eines – wie er vor Jahren formulierte – „Gotteszentrismus“. Oder mit den Worten aus dem schon erwähnten Schreiben zur Pädophilie: „Wir müssen vor allen Dingen selbst wieder lernen, Gott als Grundlage unseres Lebens zu erkennen und nicht als eine irgendwie unwirkliche Floskel beiseite zu lassen. Unvergessen bleibt mir die Mahnung, die mir der große Theologe Hans Urs von Balthasar auf einem seiner Kartenbriefe einmal schrieb: ‚Den dreifaltigen Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist, nicht voraussetzen, sondern vorsetzen!‘“

Welches Echo fand der als ungewöhnlich empfundene Fokus Papst Benedikts auf der persönlichen Beziehung zu Jesus Christus?

2009 eröffnete er ein „Priesterjahr“. Er erwähnte, es bedürfe des Studiums und der ständigen pastoralen Bildung für den Dienst am Evangelium. „Noch notwendiger aber ist jene ‚Wissenschaft der Liebe‘, die man nur im ‚Herz-an-Herz -Sein‘ mit Christus erlernt. Er nämlich ist es, der uns ruft, das Brot seiner Liebe zu brechen, die Sünden nachzulassen und die Herde in seinem Namen zu führen.“ Solche Zielvorgabe ist theologisch-sachlich absolut zutreffend; denn „das Handeln in der Person Christi“ definiert das Priestersein. Und diese Korrelation darf auch in der Sprache der Mystik ausgedrückt werden, die wir leider aus der Katechese verdrängt haben.  Jüngste Heilige vermieden sie nicht. John Henry Newmans Wappenspruch etwa lautete: „Cor ad cor loquitur“.  Und von Charles de Foucauld, der als Märtyrer in der Sahara 1916 ermordet wurde, wissen wir: Er übergab sich selbstvergessen wie ein Verliebter dem eucharistischen Du Christi. -Fraglos ist es schwierig, den Effekt der Papstworte zu ermessen. Doch kenne ich einen Mann, den Benedikts ausdrückliche Verankerung des Priesterseins im personalen Gott aufhorchen ließ. Er entschied sich noch im vorgerückten Alter für den Weg zur Weihe und ist heute glücklicher Pfarrer.  

Wie nehmen Sie die Kraft des Gebetes wahr, mit der Papst Benedikt sein Papstamt nun ausübt?

Wer – wie Papst Benedikt – für das Reich Gottes fiebert, nützte all sein Tun und Wollen, um das Evangelium zu verbreiten. Inzwischen zwang ihn sein Alter, auf äußeres Apostolat zu verzichten. So legte er sich vor Gottes Angesicht kontemplatives Stillschweigen auf. Er lebt in einer überaktiven Kirche  die oft vergessene betende Selbsthingabe. Genau solch lautloser Weg ist jedoch ihre Grundkraft. Die solchen Weg wagen, tragen Unmeßbares zu Gottes Erlösung bei. Ihr Anteil ist schwer auszumessen, aber zu glauben.      

 

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