Vatikanstadt/Bonn

ÖAK-Papier: Unverantwortbare Einladung

Die Glaubenskongregation sorgt sich mit Blick auf das Ökumenepapier zur Interkommunion um den Kern des katholischen Glaubens. Es geht längst um mehr als nur um die Frage, wer wann zur Kommunion darf.
Debatte um Interkommunion
Foto: Imago Images | Fazit von Ladarias Analyse ist, "dass die noch bestehenden Divergenzen in Eucharistie und Amtsverständnis es bisher immer noch nicht erlauben, Abendmahl und Eucharistie im theologischen Sinngehalt gleichzusetzen".

Für die katholische Kirche und die orthodoxen Kirchen gilt der Grundsatz: Die Eucharistiegemeinschaft setzt die volle Kirchengemeinschaft voraus. Weil aus katholischer Sicht das Kirchesein in den reformatorischen Gemeinschaften nicht im vollen Umfang gegeben ist, gibt es mit Lutheranern und Reformierten weder Kirchen- noch Eucharistiegemeinschaft. Der im Herbst 2019 vorgelegte Text "Gemeinsam am Tisch des Herrn" (GTH) des "Ökumenischen Arbeitskreises evangelischer und katholischer Theologen" ist zu dem Ergebnis gekommen, dass es keine theologischen Hinderungsgründe mehr gibt, die der "wechselseitigen Teilnahme an den Feiern von Abendmahl / Eucharistie" entgegenstehen. Sein Votum schließt die volle "Anerkennung der jeweiligen liturgischen Formen sowie der Leitungsdienste" ein. Als einzige Voraussetzung für den Kommunionempfang wird die Taufe genannt.

Nur ein scheinbarer Konsens

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Dieses Papier wurde auf katholischer Seite auch vom Bischof von Limburg, Georg Bätzing, mit erarbeitet und unterschrieben. Nach seiner Wahl zum Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz kündigte Bätzing an, dass es auf dem Ökumenischen Kirchentag in Frankfurt 2021 die legitime wechselseitige Einladung zur Teilnahme an Eucharistie und Abendmahl geben werde. Er tat dies trotz deutlicher Kritik mehrerer Bischöfe auf der Frühjahrsvollversammlung, die auf der Basis eingeholter theologischer Gutachten nachgewiesen hatten, dass es sich nur um einen scheinbaren Konsens handelt, da keine vollkommene Übereinkunft in der ganzen Wahrheit erreicht worden sei. Ansonsten würde die katholische Seite den für ihr Selbstverständnis unverzichtbaren Zusammenhang von Kommunion- und Kirchengemeinschaft preisgeben. Eine abschließende Beratung oder Beschlussfassung der Konferenz hat es vor der Herbstvollversammlung nicht gegeben. In einem Gutachten für die Glaubenskommission der Bischofskonferenz hat Thomas Söding, Mitverfasser von GTH, die Notwendigkeit einer Übereinstimmung der Gläubigen mit der Glaubenslehre der Kirche grundsätzlich in Frage gestellt: Alle, die von der "Richtigkeit einer wechselseitigen Teilnahme überzeugt" seien, sollten danach handeln, "weil das Gewissen bindet, selbst wenn die Argumentation nicht stichhaltig sein sollte". Damit wird der Irrweg des Relativismus eingeschlagen, der von der Mehrheit der deutschen Bischöfe in der Frage der Zulassung von geschiedenen Wiederverheirateten zur Kommunion bereits 2018 beschritten wurde. 

Kardinal Leo Scheffczyk nannte dies einmal treffend die "Katholizität des ,Als ob ": "Wir bekennen uns zur Unauflöslichkeit der Ehe, aber im Einzelfall gilt das Gewissen oder die göttliche Barmherzigkeit   So, als ob das, was generell gilt, im Einzelfall keine Gültigkeit besitze; damit wird die generelle Regel als unsinnig erklärt." Unmittelbar vor der Herbstvollversammlung der Bischöfe in Fulda hat nun Kardinal Ladaria, der Präfekt der Glaubenskongregation, zu GTH Stellung genommen. Fazit seiner Analyse ist, "dass die noch bestehenden Divergenzen in Eucharistie und Amtsverständnis   es bisher immer noch nicht erlauben, Abendmahl und Eucharistie im theologischen Sinngehalt gleichzusetzen". Es gelte weiterhin: "Die Lehrunterschiede sind immer noch so gewichtig, dass sie eine wechselseitige Teilnahme am Abendmahl bzw. an der Eucharistie derzeit ausschließen." Der Präfekt geht zudem auf die Berufung auf das Gewissen ein: "Das Dokument kann daher auch nicht als Leitfaden für eine individuelle Gewissensentscheidung über ein Hinzutreten zum Abendmahl bzw. zur Eucharistie dienen."

Neue Gräben im ökumenischen Dialog

Darüber hinaus würde die Kommuniongemeinschaft mit den Mitgliedskirchen der EKD weltweit "neue Gräben im ökumenischen Dialog mit den orthodoxen Kirchen" aufwerfen. Dem Schreiben des Präfekten sind vierseitige "lehrmäßige Anmerkungen" angefügt. Sie machen den Eindruck einer ersten Rohübersetzung aus dem Italienischen und sollten sprachlich noch einmal überarbeitet werden. Am grundlegenden exegetischen Teil von GTH wird die Annahme kritisiert, dass es im frühen Christentum eine Vielfalt an Gemeindestrukturen, Theologien, sowie Feier- und Leitungsformen der Eucharistie gegeben habe, die dann erst autoritär später in eine bischöfliche Kirchenverfassung gelenkt worden wären. Demgegenüber wird betont, dass analog zu den christologischen Bekenntnisformeln des Neuen Testamentes auch für die Verfassung der Kirche insgesamt und damit auch für die Eucharistie gelte, dass die Einheit am Anfang steht. Damit in Zusammenhang stehe die der reformatorischen Theologie verpflichtete hermeneutische Grundentscheidung des ausschließlichen Schriftprinzips (sola scriptura), das die apostolische Tradition verwirft als rein von Menschen gemacht. Dies stehe im Gegensatz zur dogmatischen Offenbarungskonstitution des Zweiten Vatikanums "Dei Verbum", die festhält, dass die Schrift aus der Kirche hervorgegangen sei und die Kirche als deren erste Auslegungsinstanz durch die Zeit hindurch mit sich identisch sei, "so dass die ihre Gewissheit über alles Geoffenbarte nicht aus der Heiligen Schrift allein schöpft". 

Zu wenig werde im Dokument deutlich, dass die Eucharistie ihren Ursprung im Paschamysterium hat und nicht in der Mahlpraxis Jesu, speziell nicht in den Sündermählern. Kernproblem von GTH sei die Behandlung der Beziehung zwischen Eucharistie und Kirche. Dies werde vor allem darin deutlich, dass die eucharistisch ausgerichtete Ekklesiologie der Kirchenväter "nicht die genügende Aufmerksamkeit" finde. Folgenschwer wirke sich die vollzogene Trennung von Christus und Kirche aus, wenn behauptet wird, "dass Christus der alleinige Gastgeber der Eucharistie ist, und dass es der Kirche nicht zukommt, Zulassungskriterien festzulegen". Dies sei völlig inakzeptabel, da Christus als das Haupt die Kirche, seinen Leib, "mit dem sakramentalen Mittlerdienst beauftragt hat". Damit wird die Frage der Mitwirkung der Kirche am Heil angesprochen, die allerdings bereits im Konsenspapier zur Rechtfertigungslehre nicht übereinstimmend geklärt werden konnte.

Kirche ohne theologischen Rang

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Mit der Trennung von Taufe und Kirchengemeinschaft durch die Einführung der Taufe als dem alleinigen Zulassungskriterium zur Eucharistie werde auch das Wesen der Taufe verfehlt, die die Aufnahme in die Universalkirche und die Zustimmung zum Glaubensbekenntnis einschließe. Des Weiteren werde die volle Initiation auch durch die Firmung unterschlagen. Seitens der katholischen Mitverfasser hätte die eucharistische Kirchenlehre des Konzils, "Herzstück" seiner Lehraussagen, viel deutlicher eingebracht werden müssen. Das Konzil habe "die Liturgie der Kirche als die sakramentale Verfassung der Kirche erachtet, beruhend auf dem bischöflichen Dienst der Einheit". Insgesamt bemängelt die Glaubenskongregation, dass die Kirche in GTH "kaum einen theologischen Rang" habe. Die im Text behauptete Notwendigkeit des Weiheamtes beziehungsweise des ordinierten Amtes für Leitungsfunktionen werde dadurch unglaubwürdig beziehungsweise gegenstandslos, dass dieser Konsens "nicht von der Mehrheit der Mitgliedskirchen der EKD gedeckt" sei, die nachweislich in "Notsituationen" ausdrücklich eine Abendmahlsfeier ohne ordiniertem Amtsträger erlauben. Hier hätte man auch auf die Aussage Luthers verweisen können: "Wer aus der Taufe gekrochen, ist Pfarrer, Bischof und Papst zugleich." Grundsätzlich werde das Weihepriestertum gemäß der Grundthese von der bunten Vielheit des Anfangs als "spätere Hinzufügung mit einem eher funktionalen, organisatorischen Inhalt" abgewertet. Leider werde auch der vom Konzil definierte wesensmäßige Unterschied (Charakter indelebilis) zwischen Amtspriester und Laie, ungeachtet des allgemeinen Priestertums aller Gläubigen, völlig übergangen. Man müsse sogar zu dem Schluss kommen, dass vom Dokument das katholische und orthodoxe Weiheamt insgesamt als "Fehlentwicklung" angesehen werde. Die Nichtthematisierung des Frauenpriestertums wird ebenfalls bemängelt, da es für die katholische Kirche "durchaus lehrmäßige Bedeutung" hat. 

Hinsichtlich des Sakraments der Eucharistie biete GTH nur einen Minimalkonsens: "Es fehlt ein eindeutiges Bekenntnis zur Realpräsenz Christi in der Eucharistie." Der Konsens hinsichtlich des Opfercharakters der Messfeier ist ganz einfach: GTH schlägt "als Lösung das Entfernen der Opferaussagen aus den liturgischen Texten vor". Grundsätzlich wird auf die Unzulänglichkeit des lutherischen alleinigen Vertrauensglaubens hingewiesen, der für die katholische Glaubenslehre durch einen Glauben an das satzhafte Bekenntnis und in der Liturgie die vollinhaltliche Zustimmung der Glaubenden zu den Aussagen der eucharistischen Hochgebete einschließe. Dazu gehörten auch die Anerkennung der Einheit mit dem Papst, die Heiligenverehrung und das Fürbittgebet für die Verstorbenen. Von ganz zentraler Bedeutung ist die Feststellung des Präfekten: "Eine Vorwegnahme der Einheit in der eucharistischen Mahlgemeinschaft, ohne die Einheit im Glauben erlangt zu haben, steht in der Gefahr, alles weitere Bemühen um die Lösung der noch ausstehenden Glaubensdifferenzen zu relativieren." Damit ist über GTH ein deutliches Urteil gesprochen. Inzwischen hat Kardinal Koch, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, zu Veranlassung, Inhalt und Konsequenzen der Bewertung von GTH durch die Glaubenskongregation Stellung bezogen.

Bätzing gibt sich unbeeindruckt

Kurz nach Veröffentlichung von GTH hatte Koch bereits in einem persönlichen Gespräch dem Mitunterzeichner Bischof Bätzing seine Bedenken vorgetragen , dass er "wesentliche Punkte und vor allem die Konsequenzen des Dokuments nicht mittragen kann". Dass die freundlich mahnende Warnung des obersten Ökumenebeaufragten der Kirche auf Bätzing keinen Eindruck machte, konnte der Kurienkardinal daraus ersehen, dass Bätzing auch nach seiner Wahl zum Vorsitzenden der Bischofskonferenz sich "Inhalt und Stoßrichtung dieses Dokumentes angeeignet". Unlängst erklärte Bätzing zudem, "dass eine Mahlgemeinschaft am Ökumenischen Kirchentag im kommenden Jahr praktiziert werde". Auf diesem Hintergrund habe sich die Glaubenskongregation "verpflichtet gewusst, noch vor der Herbstvollversammlung der Deutschen Bischöfe ihre Sicht mitzuteilen, dass eine solche allgemeine gegenseitige Einladung nicht zu verantworten ist". Kardinal Koch brachte nun seine Hoffnung zum Ausdruck, dass die Bischöfe "die vorgebrachten theologischen Bedenken ernsthaft erwägen und zur Überzeugung kommen, dass ein solcher Schritt in der heutigen ökumenischen Situation nicht möglich ist". Darüber hinaus sei klargestellt, dass hier grundsätzliche Fragen berührt wurden "die nicht einfach die Kirche in einem Land für sich entscheiden kann".

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