Würzburg

Nicht einmal Maria war Priesterin

Stefanos Athanasiou ist der einzige orthodoxe Theologe im Ratzinger-Schülerkreis. Ein Gespräch über den orthodoxen Standpunkt zur Frauenweihe und die Rolle der Frau in der orthodoxen Kirche.
Frauenpriestertum in der orthodoxen Kirche
Foto: Friso Gentsch (dpa) | "Anders als im Westen sehen orthodoxe Gläubige in Maria die höchste Form menschlicher Berufung und identifizieren sich mit ihr", so Athanasiou. Im Bild: Proteste der Kirchenstreik-Bewegung "Maria 2.0".

Stefanos Athanasiou, Jahrgang 1981, wurde in einer griechischen Familie in Deutschland geboren. Er studierte Theologie an der orthodoxen Ausbildungseinrichtung in München und in Thessaloniki. Im Postdoktorat arbeitete er über Kardinal Joseph Ratzingers Relativismuskritik. Athanasiou ist der einzige orthodoxe Theologe im Ratzinger-Schülerkreis. Er ist Priester des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel und an mehreren akademischen Orten als Dozent und Lehrbeauftragter tätig. Zusätzlich arbeitet er bei „Radio Maria“ in Zürich. Athanasiou ist verheiratet und hat zwei Kinder. Zur Zeit lebt er in der Nähe von Bern.

Vater Stefanos, wie nehmen Sie die westliche Debatte über die Weihe von Frauen wahr?

Meines Wissens ist diese Frage im kirchlichem Westen erst in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts aufgekommen – mit dem Ergebnis, dass manche Konfessionen sich dazu entschlossen haben, das Priestertum auch für Frauen zu öffnen, etwa verschiedene protestantische Kirchen und die Altkatholiken. Am Anfang stand nicht eine theologische Diskussion, sondern die westeuropäische soziokulturelle Entwicklung in Bezug auf die Gleichberechtigung der Geschlechter. Leitend wurde das Bild einer gendergerechten Kirche, die sich dem gesellschaftlichen Geist anpasst. Manchmal fehlt mir darin die Perspektive des Glaubens, die theologische Reflexion auf der Grundlage der kirchlichen Tradition ...

Wie stellt sich denn für Sie die Frage?

Obwohl in herkömmlich orthodoxen Ländern die Gleichberechtigung der Geschlechter sich gesellschaftlich zeitgleich wie in Westeuropa durchgesetzt hat, gab und gibt es in der Orthodoxen Kirche keine endogene Strömung oder theologische „Frauenbewegung“, die den Zugang zum Priesteramt verlangt. Diese Tatsache muss man zur Kenntnis nehmen, um zu verstehen, weshalb sich die Orthodoxe Kirche nicht explizit und notgedrungen mit dem Thema der Weihe von Frauen beschäftigt. Der Diskurs, der sich in der Orthodoxen Kirche über die Rolle der Frauen finden lässt, erfolgt nicht in den Gemeinden, nicht einmal in den Hörsälen, sondern ist eher ein schriftlicher Diskurs in akademischen Kreisen, jedoch ohne gesellschaftlichen Druck.

"Im Blick auf die Weihe von Frauen stützt
sich die Orthodoxe Kirche nicht auf Dogmen,
sondern auf die kirchliche Tradition"

Die westliche Argumentation beginnt häufig mit der Aussage, es gebe keine dogmatischen Gründe gegen die Frauenordination. Wie stehen Sie als orthodoxer Theologe dazu?

Die Orthodoxe Kirche hat die westliche Debatte durchaus wahrgenommen und sich als Reaktion auf westliche Entwicklungen mit dem Thema auseinandergesetzt. Auch von einigen orthodoxen Theologinnen und Theologen wird betont, es lägen keine dogmatischen Gründe gegen die Weihe von Frauen vor. Diese Aussage ist richtig, doch sie leistet in gewisser Weise keinen substanziellen Beitrag zum Thema. Nach orthodoxer Sicht werden „Dogmen“ ohnehin nur für heilsrelevante Glaubenswahrheiten festgelegt und haben eine tief christologische Grundlage. Im Blick auf die Weihe von Frauen stützt sich die Orthodoxe Kirche nicht auf Dogmen, sondern auf die kirchliche Tradition.

Wie lauten hier die klassischen Argumente?

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Frauen wurden in der Tradition der Kirche nicht zur Priesterweihe zugelassen; Jesus hat nur Männer in den Kreis der zwölf Apostel berufen. Hinzu kommt ein Argument, das ich im Westen kaum höre: Nicht einmal die höchste menschliche Person, also die Gottesgebärerin Maria mit ihrer einzigartigen Bedeutung für die Heilsgeschichte, war Priesterin. Vor ihr verblasst geradezu die Rolle des Priesters. Wir besingen sie in der Liturgie: „Die Du ehrwürdiger bist als die Cherubim und unvergleichlich herrlicher als die Seraphim, die Du unversehrt Gott, das Wort, geboren hast, wahrhaftige Gottesgebärerin, dich preisen wir hoch!“ Anders als im Westen sehen orthodoxe Gläubige in Maria die höchste Form menschlicher Berufung und identifizieren sich mit ihr.

Steht die neue Aufmerksamkeit für den Diakonat der Frau im Bereich der orthodoxen Kirchen nicht im Widerspruch zu dieser Aussage?

Auch hier argumentiert die orthodoxe Theologie sehr traditionsbezogen: Wie wir aus der Heiligen Schrift und verschiedenen kirchlichen Quellen wissen, gab es in der Alten Kirche Diakoninnen, die eine wichtige Rolle in der Kirche spielten. Forschungen haben auch ergeben, dass diese Diakoninnen kein liturgisches Amt ausübten, sondern pastorale Aufgaben hatten. Sie assistierten bei der Taufe von Frauen, machten Krankenbesuche und überbrachten die Kommunion. Ihre Tätigkeiten entsprechen dem, was heute in der katholischen Kirche auch ohne Weihe eine Pastoralassistentin darf – die eventuell sogar mehr tut!

"Die Wiedereinführung der Diakoninnenweihe
nach altkirchlicher Tradition wird in der
orthodoxen Kirche zur Zeit diskutiert"

Die Wiedereinführung der Diakoninnenweihe nach altkirchlicher Tradition wird in der orthodoxen Kirche zur Zeit diskutiert. In einigen Autokephalen Orthodoxen Kirchen sind jüngst Frauen zu Diakoninnen geweiht worden, etwa im Patriarchat von Alexandrien und in der Kirche von Griechenland. Allerdings hat sich diese Praxis in der Orthodoxen Kirche noch keineswegs voll durchgesetzt, sie hat aber auch keine Widerstände hervorgerufen. Und dieser Diakonat der Frauen ist klar von der sakramentalen Weihe der Priester und auch vom Diakonat als Durchgangsstufe zum Priestertum unterschieden.

Wie kommt es Ihrer Meinung nach, dass Frauen in der Orthodoxen Kirche sich nicht benachteiligt fühlen?

Bei uns haben Frauen – auch in der Erfahrung der Gemeinden – durchaus einen deutlichen Anteil am priesterlichen Dienst, zwar nicht liturgisch, aber in einer eminent pastoralen Form. Bekanntlich können in der Orthodoxen Kirche Priester heiraten. Da das Ehepaar nach orthodoxer Auffassung ein Leib ist, nimmt die Ehefrau eines Priesters in wesentlicher Form an seinem Priesteramt teil. Ohne die Zustimmung meiner Frau – nicht nur rechtlich, sondern auch in Form einer geistlichen Berufung! – hätte ich nicht zum Priester geweiht werden können.

Die Ehefrau des Priesters spielt in der Gemeinde eine besondere Rolle. Oft wird sie als Mutter der Gemeinde gesehen und ist für viele pastorale Fragen die erste Ansprechpartnerin. Hier könnte auch ein Grund liegen, weshalb es in der Orthodoxen Kirche keine wirkliche Frauenbewegung gegeben hat, die auf eine Öffnung des Priesteramtes für Frauen drängt. Die Präsenz des Männlichen und des Weiblichen wird in der Gemeinde als harmonisches Miteinander erlebt.

"Frauen und Männern müssen gesellschaftlich
gleichberechtigt sein, und die entsprechenden Initiativen
müssen weiterhin auch von der Kirche unterstützt werden"

Wie sehen denn Frauen, die nicht mit Priestern verheiratet sind, ihre Rolle in der Kirche?

Ohne Zweifel sind die gesellschaftlichen Errungenschaften hinsichtlich der Gleichberechtigung der Geschlechter eine großer, fortlaufender Kampf bis in unsere Zeit. Frauen und Männern müssen gesellschaftlich gleichberechtigt sein, und die entsprechenden Initiativen müssen weiterhin auch von der Kirche unterstützt werden. Gleichwertigkeit bedeutet jedoch nicht zwangsläufig Gleichartigkeit. Orthodoxe Frauen haben ein starkes Selbstbewusstsein, das nicht allein in den gesellschaftlichen Emanzipationsprozessen gründet. Sie sehen ihre Aufgabe im Licht des Glaubens. Gemeinsam mit der Gottesmutter haben sie die vielen biblischen Beispiele von Frauen im Auge, die Jesus dienten und bei ihm blieben, als seine Jünger vor Angst geflohen waren, sowie die heiligen Frauen, die auf Ikonen dargestellt und verehrt werden. Orthodoxe Frauen haben vielleicht ein stärkeres Bewusstsein dafür, dass ihr „Einfluss“ in ihrer Vollmacht (exousia; vgl. Joh 1,12) als Kinder Gottes gründet, einfach in ihrer Berufung „als Frau“, die in der Gemeinschaft von Männern und Frauen berufen ist, am Heilsplan Gottes in der Welt mitzuwirken.

Wie zeigt sich denn dieses Selbstbewusstsein der Frauen im kirchlichen Leben?

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Zusätzlich zu den Aufgaben der Ehefrauen von Priestern in der Kirche möchte ich auf die Bedeutung der geistigen Mutterschaft in der Orthodoxen Kirche hinweisen. Geistliche Mütter spielen in der Orthodoxie eine sehr wichtige Rolle, und ihre Bedeutung ist der geistlichen Vaterschaft gleichwertig. Viele orthodoxen Christen suchen Nonnen oder charismatische Frauen auf, um geistlichen Beistand für ihr Leben zu erhalten. Geistliche Mütter und Väter erhalten ihre Autorität, die höher sein kann als diejenige von Priester und Bischöfen, nicht durch ihre Weihe, sondern durch ihre Geistbegabung. Im Westen beginnt man seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, die „Charismen“ aller Gläubigen und ihre Mitverantwortung für das gesamte kirchliche Leben neu zu entdecken. Darin sehe ich eine ähnliche Grundhaltung wie in der orthodoxen Kirche: Wo Charismen blühen, kann das „Weiheamt“ nicht als Herrschaft, sondern als Dienst an der Vielfalt der Gaben des Geistes gelebt werden!

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