Würzburg

Moral ohne Jesus, Jesus ohne Moral?

Der Synodale Weg entwirft eine Sexualmoral ohne Bezug auf Christus und die Heilige Schrift. Dabei kann christlich gelebte Sexualität nur mithilfe der Gnade Christi gelingen.
Mount Rushmore
Foto: Imago Images | Für den dritten Präsident der Vereinigten Staaten, Thomas Jefferson, war Jesus nur eine moralische Instanz. Das göttliche Geheimnis des Menschensohnes wollte er nicht anerkennen.

Im Museum für amerikanische Geschichte in Washington kann man ein eigentümliches Denkmal der Aufklärung betrachten, die sogenannte Jefferson-Bibel. Der dritte Präsident der U.S.A. hat mit einem Rasiermesser fein säuberlich alle Stellen aus den Evangelien ausgeschnitten und als mythologisch verworfen, die auf Jesu Gottheit hinweisen. Übrig blieb eine chronologisch angeordnete Collage derjenigen Stellen, die sein menschliches Leben von der Geburt bis zur Grablegung beschreiben und vor allem seine ethische Lehre, weshalb Jefferson seiner „Bibel“ den Titel „Das Leben und die Sittenlehre des Jesus von Nazareth“ gab. Er selbst bezeichnete sein Werk „als das schönste Stück Ethik, das er je gesehen habe, und einen Beweis, dass er ein wahrer Christ sei, der der reinen Lehre Christi folge“.

Biblische Begründungen sucht man vergebens

Lesen Sie auch:

So wenig man Jeffersons selbstbescheinigtem Christentum zustimmen kann – Christ ist schließlich einer, der bekennt, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist (vgl. 1 Joh 2,23) – so sehr wünscht man sich doch, die Architekten der „Neuen Sexualmoral“ des Synodalen Weges hätten wenigstens die Jefferson-Bibel zu Rate gezogen. Im Dokument des Forums IV, Leben in gelingenden Beziehungen – Liebe leben in Sexualität und Partnerschaft, sucht man vergebens nach biblischen Begründungen. Ihre Absage an eine „Lehre, die sich der Macht des Faktischen unterwirft“ bleibt ein bloßes Lippenbekenntnis. Stattdessen bezieht sich die hier vorgeschlagene Sexualethik weitgehend auf Umfrageergebnisse und Humanwissenschaften.

Während die Aufklärung einen moralischen Jesus ohne Gottheit propagierte, verkünden postmoderne „Theologen“ einen Jesus ohne Moral, beziehungsweise eine Moral ohne Jesus. Weder das eine, noch das andere ist biblisch fundiert. Die ersten Worte Jesu im Markusevangelium sind programmatisch für seine ganze Verkündigung: „Kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe!“ (Mk 1,15). Mit dem Aufruf zur Umkehr reiht Jesus sich zunächst in die Schar aller alttestamentlichen Propheten ein, die von Elijah bis zu Johannes, dem Täufer, nichts Anderes taten, als die Menschen zum Bund Gottes mit Israel zurückzuführen. Treue zum Bund aber drückt sich im Bewahren der dem Volk Israel am Sinai gegebenen Gebote, insbesondere des Dekalogs, aus (Ex 24,7; Deut 6,20–25; Jos 24,16–25). Dabei geht es nicht um stupiden Gehorsam gegenüber einem willkürlich zusammengestellten Katalog von Geboten.

Der die Freiheit seiner Kinder will

Im Dekalog zeigt sich, wer der Gott ist, der mit Israel im Bunde steht. In ihm tut sich Gottes Wille kund, der zugleich sein Wesen offenbart. Der wahre Gott ist der Gott, der Israel aus der Knechtschaft Ägyptens herausgeführt hat, der es zu seinem Sohn macht und die Freiheit seiner Kinder will. Gottessohnschaft aber bedeutet, ein Leben zu führen, dass in seinem Handeln das Wesen Gottes selbst widerspiegelt. Wann immer Israel von den Geboten abfällt, überlässt Gott das Volk den Folgen seiner Taten, und es fällt in innere und äußere Knechtschaft zurück. Israel versteht immer besser, dass es einer tieferen Befreiung bedarf. Es braucht einen Exodus nicht nur aus der Gewalt weltlicher Herrscher; der wahre Exodus ist der Ausgang aus der Versklavung des eigenen Herzens in der Knechtschaft der Sünde. So wird ihm eine Beschneidung nicht mehr des Fleisches, sondern des Herzens verheißen, die es zur Befolgung der göttlichen Gebote befähigen wird (vgl. Deut 30,6). Ja, Gott verspricht sogar die Gabe seines Geistes, der bewirken wird, dass Israel seinen Gesetzen folgt und auf seine Rechtsentscheidungen achtet und sie erfüllt. Dann wird sich das Gottesreich auf Erden etablieren, sie werden sein Volk sein und er wird ihr Gott sein (vgl. Ez 36,26–27).

Es ist die Erfüllung dieser Verheißung, die Jesus ankündigt. Damit unterscheidet er sich nun fundamental von den alttestamentlichen Propheten. Er verkündet nicht „nur“ Umkehr – er ist sie. Mit den Worten „denn das Himmelreich ist nahe“ bricht die verheißene Heilszeit an. Jetzt ist sie da als universales Angebot – die göttliche Gabe schlechthin, der Heilige Geist, der uns zu Kindern Gottes macht und von innen her zu einem Leben nach Gottes Willen befähigt (vgl. Röm 8,1–17).

„Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben! Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen. Amen, ich sage euch, bis Himmel und Erde vergehen, wird kein Jota des Gesetzes vergehen“ (Mt 5,17), mahnt Jesus am Beginn der Bergpredigt, um klar zu machen, dass er das Gesetz nun seiner Vollendung zuführt. Wegen der Hartherzigkeit der gefallenen Menschheit hatte Mose noch Konzessionen gemacht – etwa beim Thema Ehebruch und Scheidung. Jesus sagt jedoch: „Am Anfang war das nicht so. Ich sage euch: Wer seine Frau entlässt, obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt, und eine andere heiratet, der begeht Ehebruch“ (Mt 19,3–9; 5,28–32).

Gekommen, um die wahre Ordnung wiederherzustellen

Jesus geht bewusst auf „den Anfang“ (vgl. Gen 1,27) zurück. So wird klar, dass er gekommen ist, um die wahre Ordnung wiederherzustellen. Durch sein Sterben und Auferstehen, durch die im Ostergeheimnis erwirkte Erlösung, werden wir fähig, als wahrhaft freie Kinder Gottes zu leben, die nicht aus eigener Kraft, sondern allein aus Gnade ein Leben der Vollkommenheit führen (vgl. Mt 5,48). Mit dem Ostergeheimnis, das am Pfingsttag in der Sendung des Heiligen Geistes zur Vollendung kommt, bricht das Reich Gottes in die Zeit hinein. Das Gesetz Gottes ist nun nicht mehr auf Tafeln aus Stein geschrieben, sondern der Geist hat das Gesetz Gottes in das Herz der Getauften eingeschrieben (2 Kor 3,3). Der Mensch ist nun von innen her in der Lage, das Gesetz zu halten. Deshalb ist die Zumutbarkeit der Gebote Gottes nicht mehr an dem, was der Mensch aus eigener Kraft kann, also am „menschlich Möglichen“, zu messen.

Lesen Sie auch:

Das Maß ist nun das Maß der göttlichen Gnade. Gott stellt sie jedem Menschen, der um sie bittet, in ausreichendem Maße zur Verfügung. Das bedeutet nicht, dass der Mensch nicht darum kämpfen müsste, aber doch, dass ihm in jeder Situation die ausreichende Gnade zur Verfügung steht, ein Leben ohne schwere Sünde zu führen (vgl. 1 Kor 10,13). Die Wirksamkeit der sie von der Sünde erlösenden Gnade soll am Lebenswandel der Christen sichtbar werden. Gerade so werden sie zum Licht der Erde. Die Menschen sollen ihre guten Taten sehen und ihren Vater im Himmel preisen (vgl. Mt 5,13–16). Das biblische Fazit lautet: Neu und von Gott her anders zu leben ist Evangelisation – Evangelisation ist neu und anders von Gott her leben.

„Du sollst ihm den Namen Jesus [Gott rettet] geben, denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen.“ (Mt 1:21) In den Worten des Engels an Joseph, der neutestamentlichen Version vom brennenden Dornbusch, wird das Wesen Gottes im Namen Jesu nun vollends offenbar. Er ist der Gott, der wirklich befreit und damit zu einem neuen Leben in der Freiheit der Kinder Gottes befähigt. Freiheit nicht als Zügellosigkeit, sondern als Dienst am Nächsten in der Liebe (vgl. Gal 5,13). Jesus ist der neue Josua, der sein Volk in das wahre Gelobte Land führt: das Reich Gottes, das im Herzen des Menschen schon auf Erden beginnt, doch erst im Leben nach dem Tod zu seiner Vollendung kommt. Doch genauso wie im Alten Testament führt im Neuen der Rückfall in die Sünde zum Verlust des (himmlischen) Landes. „Nicht jeder, der zu mir sagt, Herr! Herr! wird in das Himmelreich kommen, sondern wer den Willen meines Vaters tut“ (Mt 7,21). Nicht subjektives Wohlbefinden – allein die Wiederherstellung der Gottähnlichkeit in uns durch den einzigen, der wesenhaft Sohn Gottes ist, schleust uns durch das Nadelöhr. Erlösung geschieht ja nicht „magisch“ im Tod, sondern ist der freien Entscheidung des Menschen überlassen (vgl. Sir 15,16). Deshalb schuldet die Kirche jedem Menschen, der wie der reiche Jüngling, fragt: „Was muss ich tun, um das Leben zu gewinnen?“, dieselbe Antwort, die schon Jesus gegeben hat: „Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsch aussagen; ehre Vater und Mutter! Und: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!“ (Mt 19,18–19).

Die Aufklärung der Aufklärung

Jesus hat die anspruchsvollen ethischen Konsequenzen seiner Botschaft nie verschwiegen. Das Maß seiner Moral besteht nicht in der „Lebenswirklichkeit der Menschen“. Das Maß ist er – in Person. Mit seiner ganzen Existenz verkörpert Jesus den absoluten Anspruch seiner Lehre, die wiederum nichts Anderes ist als die „Auswortung“ der eigenen Identität als Sohn des Vaters. Christliche Moral ist letztlich die Entfaltung dieser Christologie in uns, die konsequent gelebte Beziehung zu Dem, der allein unser Leben wahrhaft gelingen lässt. Die christologische Ethik, die der Sohn Gottes uns selbst vorgelebt hat, stellt von daher keinen engstirnigen konfessionellen Sonderweg dar, wie Thomas Jefferson und vermutlich auch der Synodale Weg befürchten. Denn wenn sich „das Geheimnis des Menschen nur im Geheimnis des fleischgewordenen Wortes wahrhaft aufklärt“ (Gaudium et spes, 22), so kann auch die Ethik, welche aus dieser Aufklärung fließt, nur einen einzigen Inhalt haben: das konkrete Maß gelungenen Menschseins überhaupt.

Nina von Heereman ist Assistant Professor for Sacred Scripture am St. Patrick? Seminar und Universität der Diözese San Francisco (USA).

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
"Schweißtuch der Veronika"
Kolumne

Gedanken zum Menschenbild Premium Inhalt

Erschöpft sich das christliche Menschenbild unserer Zeit im spröden Aufruf zu Solidarität, Subsidiarität und Klimaschutz? Dieser Frage geht unser Kolumnist Peter Schallenberg nach.
24.08.2021, 13  Uhr
Peter Schallenberg
Themen & Autoren
Nina Heereman Altes Testament Bibel Christologie Ehe Evangelium Jesus Christus Johannes der Täufer Markusevangelium Sexualethik Sexualität Theologinnen und Theologen Thomas Jefferson Unzucht

Kirche