im Blickpunkt

Methode Franziskus oder Habermas?

Der deutsche Meisterdenker Jürgen Habermas schlägt einen Buchpreis aus den Vereinigten Arabischen Emiraten aus. Die katholische Kirche des Golfstaats sieht darin eine verpasste Chance.
Verleihung Medienpreis Habermas
Foto: Arne Immanuel Bänsch (dpa) | Jürgen Habermas, deutscher Philosoph, spricht im Juli 2018 im ZDF-Hauptstadtstudio, nachdem er den deutsch-französischen Medienpreis erhalten hat.

Es dürfte bislang nicht oft vorgekommen sein, dass man den linksliberalen Diskurspapst Jürgen Habermas und den katholischen Vikar für Arabien, Bischof Paul Hinder, in einem einzigen Satz nennen konnte. Doch mit der Zurücknahme seiner anfänglichen Zusage, den von den Vereinigten Arabischen Emiraten verliehenen „Sheikh Zayed Book Award“ anzunehmen, hat Habermas genau das geschafft. Der Schweizer Kapuziner Hinder kritisierte Habermas‘ Entscheidung vom Wochenende – ein kritischer Artikel im „Spiegel“ hatte ihm angeblich die Augen geöffnet – jetzt scharf als verpasste Chance.

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Christen in den Emiraten als Gäste gesehen

Dem Portal kath.ch erklärte er, dass der deutsche Meisterdenker mit der nachträglichen Verweigerung, den Preis anzunehmen, riskiere, die aufklärende Macht des kritischen Wortes zu schwächen, das dank Übersetzungen auch in den arabischen Raum hineinwirkt und sogar von Monarchen willkommen geheißen wird. Tatsächlich steht der von der Tourismusbehörde des Landes verliehene Preis unter der Schirmherrschaft des Kronprinzen und eigentlichen starken Mannes des Landes, Mohammed bin Zayed bin Sultan Al Nahyan. „Wäre es nicht gut“, fragt Hinder, „sich im Westen der Rolle aufgeklärter Fürsten in der Geschichte zu erinnern, die zwar undemokratisch regierten, aber der Aufklärung zum Durchbruch verhalfen? Ist Ähnliches nicht auch einzelnen arabischen Fürsten zuzutrauen?“

Christen in den Golfstaaten wissen, was mit dieser Aufklärung von oben gemeint ist. In den Emiraten sind sie Gäste. Echte Religionsfreiheit gibt es nicht. Aber die Herrscher garantieren ihnen Kultusfreiheit, von der die christlichen Gastarbeiter in Saudi-Arabien nur träumen können.  Natürlich ist klar, dass Preisvergaben wie die an Habermas Imagemaßnahmen sind und vor allem dem westlichen Publikum dienen. Aber ohne Effekt bleiben sie im eigenen Land nicht. Habermas wird in der Region tatsächlich gelesen. Und gratismutig sind die kultur- und religionspolitischen Akte der Emirate auch nicht.

Emirate geht Schritte, die früher undenkbar waren

Als Papst Franziskus im Februar 2019 auf Einladung der Emirate als erster Papst überhaupt die Arabische Halbinsel besuchte und in Abu Dhabi eine öffentliche, via Medien übertragene Messe feierte, waren konservative Gelehrte nicht nur im nahen Saudi-Arabien konsterniert. Und radikale Muslime waren alles andere als begeistert, als der Papst mit dem Oberhaupt der Azhar-Universität eine gemeinsame Erklärung zur universellen Brüderlichkeit auf der Grundlage des gemeinsamen Gottesglaubens unterzeichnete.

Klar ist, dass die Emirate nur tun, was ihren Interessen dient. Dabei schlagen sie aber mitunter mutig Breschen, die vorher so undenkbar waren. Die von der Trump-Regierung auf den Weg gebrachten Abrahamic treaties, die eine Normalisierung zwischen Israel und einer Reihe arabischer Staaten brachten, sind ein epochales Beispiel dafür.

Welche Methode ist die richtige?

Papst Franziskus jedenfalls geht einen anderen Weg als der Diskurstheoretiker Habermas. Der muss zugegebenermaßen keine Weltkirche führen und darf sich um das eigene Image sorgen. Ob er damit ein glaubwürdiger Zeuge seiner eigenen Theorie ist, mag man unterschiedlich sehen können. Der Papst jedenfalls sieht die ausgestreckte Hand und ergreift sie beherzt. Auch er ist nicht naiv und weiß natürlich, dass er damit auch Teil eines interessengeleiteten Spiels ist. In einer Region aber, die zuletzt vor allem durch gewalttätigen Diskursabbruch aufgefallen ist, ist das sicher besser als nichts. Franziskus oder Habermas: Die Zukunft wird zeigen, welche Methode Wandel bringt und welche nicht.

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