Würzburg

Leitartikel: Ein postsynodales Zeitalter

In der Krise wächst das Bedürfnis nach Zusammenhalt. Nutzt die Ortskirche die Gelegenheit, sich in der Weltkirche neu zu positionieren?
Leere Kirchenbänke in Corona-Zeiten
Foto: Oliver Berg (dpa) | Es wird ruhiger um sogenannte Einzelfalllösungen. Zusammenschweißen und die Herde zusammenhalten steht nun auf der Agenda.

Der Aufruf des Papstes, „wie ein einziges Volk“ zu handeln, wird vernehmbar beantwortet. In den USA und England haben die Bischöfe an das Lebensrecht jener erinnert, die sich in der Krise nicht selbst zu Wort melden können. Die Entwicklung eines Impfstoffs gegen das Corona-Virus ohne Verwendung von abtreibungsbedingt gewonnenen Zellen wäre ebenso folgerichtig wie die ärztliche Pflicht, ältere und behinderte Corona-Patienten wie alle anderen zu behandeln.

Es wird ruhiger um sogenannte Einzelfalllösungen

Es wird ruhiger um sogenannte Einzelfalllösungen. Zusammenschweißen und die Herde zusammenhalten steht nun auf der Agenda. Momentaufnahmen aus Deutschland zeigen, dass sich etwas bewegt. Ein Metropolit, der einst selbstbewusst verkündete, Katholiken in Deutschland seien keine Filiale von Rom, verteidigt seine Entscheidungen ausdrücklich unter Berufung auf den Papst. Die geistliche Kommunion, ein pastorales Stiefkind in Zeiten der Debatte um die Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Eucharistie, ist über Nacht für die allermeisten Kirchgänger alternativlos geworden.

Schütten die Katholiken nun, da die konfessionellen Unterschiede durch ökumenische Arbeitspapiere nicht mehr vom Tisch zu wischen sind, wenigstens die Gräben in den eigenen Reihen zu? Dass der DBK-Vorsitzende Bischof Bätzing und ZdK-Präsident Sternberg die Teilnehmer des Synodalen Wegs auffordern, andere Prioritäten zu setzen, leuchtet ein. Es sei Zeit, „Wesentliches vom Unwesentlichen zu unterscheiden“; Sternberg setzte zudem einen versöhnlichen Akzent mit dem Vorschlag, die Zahl der Gottesdienste zu erhöhen, um Kirchbesuch und Sicherheitsvorkehrungen nach der Lockerung des Gottesdienstverbots miteinander zu vereinbaren. Wie die Umsetzung aussieht, bleibt indes abzuwarten.

Über Nacht bildet sich ein liturgischer Untergrund

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Es gibt in Deutschland durchaus Ambitionen, aus dem Leiden an der Krise kirchenpolitisches Kapital zu schlagen. Dass das Livestream-Gesicht der Kirche derzeit eindeutig männliche Züge trägt, spornte manche Synodale bereits zur Forderung des Frauenpriestertums an. Nichts deutet in den deutschen Gemeinden darauf hin, der Wunsch nach mehr Gottesdiensten beruhe ausschließlich auf der Sehnsucht nach Anbetung und gemeinschaftlichen Gotteslob. Quasi über Nacht hat sich in etlichen Pfarreien ein liturgischer Untergrund gebildet, den es nun an die Frühlingssonne zieht. Auch der Wunsch, das teilweise ohne Wissen des Ortspfarrers kreativ Geprobte zum Ausgangspunkt neuer Pfarrexperimente zu befördern, beflügelt Laien. Welche Innovationen sich im liturgischen Shutdown bewährt haben und was im Interesse der Einheit zurückgefahren werden sollte, ist noch nicht geklärt. Spreu und Weizen wachsen unsortiert nebeneinander.

Eine Lockerung des Gottesdienstverbots ist durchaus auch unter dem Gesichtspunkt vernünftig, liturgischen Eigenmächtigkeiten den Nährboden zu entziehen, die traditionstreue Gläubige langfristig endgültig heimatlos machen könnten. Gelegenheit, die alten Reizthemen zugunsten existenzieller Fragen ruhen zu lassen, dürften sich bis zur nächsten Synodalversammlung im September in Hülle und Fülle ergeben. Allein die heraufziehende Wirtschaftskrise und die Vereinsamung der Risikogruppe schreit nach christlichen Antworten. Den Deutschen muss nicht erst das Geld ausgehen, ehe die Lage des Glaubens zur Sprache kommt.

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