Vatikanstadt

Leitartikel: Der Vatikan auf dem Weg zur grünen UNO?

Zunehmend legt die Römische Kurie den Aktivismus einer NGO an den Tag – für Klima, Umwelt, Gesundheit und Ökologie. Aber mehr noch: Sie spricht auch schon so.
Solarstrom für den Vatikan
Foto: epa ansa Giuseppe Giglia (ANSA) | Papst Franziskus hat die Umweltwoche um ein Jahr verlängert und die Zeit bis zu einem ökologischen Triduum vom 20. bis 22. Mai 2021 zu einem „Laudato sì“-Aktionsjahr erklärt.

Auch mit dem Blick auf die kommende Kurienreform fragt man sich, was aus dem Vatikan werden soll. Der Entwurf der sie in Kraft setzende Konstitution „Praedicate Evangelium“, deren Titel eher nach einem Missionsdikasterium oder einem Pastoralschreiben klingt und nicht nach der Verfassung für die zentrale Regierung der Weltkirche, ist nach einer ersten Lektürerunde durch die vatikanischen Behörden, Ortskirchen und Theologischen Zentren sehr gerupft wieder nach Rom zurückgekommen. Aber man weiß – schon seit einem Jahr –, dass das Herzstück der römischen Institutionen neben dem Staatssekretariat nicht mehr die Glaubenskongregation sein wird, sondern ein Dikasterium für Evangelisation, als dessen zukünftiger Leiter der neue Präfekt der „Propaganda fide“, Kardinal Luis Antonio Tagle, schon in Rom bereitsteht.

Eine ganz andere vatikanische Behörde tritt in den Vordergrund

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Doch das seit Mai laufende „Laudato si"-Jahr hat eine ganz andere vatikanische Behörde in den Vordergrund treten lassen, das Dikasterium für die integrale Entwicklung des Menschen, das nun unablässig in Erscheinung tritt. Kurz nach dem Sommer etwa mit der „Jahreszeit der Schöpfung“, die „die gesamte ökumenische Familie“ jedes Jahr vom 1. September, dem Weltgebetstag für die Bewahrung der Schöpfung, bis zum 4. Oktober, dem Gedenktag des heiligen Franziskus von Assisi, feiern soll. Ökumenisch ist diese Initiative schon deshalb, weil neben dem Papst der anglikanische Erzbischof von Canterbury, Justin Welby, der orthodoxe Patriarch von Konstantinopel, Bartholomäus, und der Generalsekretär des Weltkirchenrats, der Lutheraner Olav Fyscke Tveit, sie aus der Taufe gehoben haben. Letztes Jahr fand auf ihrem Höhepunkt ein weltweiter Schülerstreik für das Klima statt, als dessen Star Greta Thunberg in New York auftrat.

Klimawandel, eine umfassende Ökologie, Gemeinwohl, die interdikasteriell aufgestellte Covil-19-Kommission – der Vatikan gebärdet sich zurzeit nicht nur wie eine transnational tätige NGO, er spricht auch so. Als Papst Franziskus das hochkarätige Treffen „Eine Allianz zur Wiederrichtung des globalen Erziehungspakts“ wegen der Corona-Krise auf den 15. Oktober dieses Jahres verschieben musste, sprach er von einem „neuen Humanismus“, von „Brüderlichkeit“, „Aufnahme“, „universaler Solidarität“ und dem „gemeinsamen Haus“, wobei religiöse Bezüge, und katholische erst recht, keine Rolle spielten.

Grün-geistlicher Nebenarm der UN

Am 21. November kommt dann die vom Papst initiierte Tagung „Die Wirtschaft des Franziskus“ (gemeint ist der Heilige von Assisi), wo dann auch wieder der Malthusianer Jeffrey Sachs zum Zuge kommt, der bei keiner Tagung der Päpstlichen Akademie der Sozialwissenschaften fehlen darf. Sodann wird der Vatikan während des kommenden „World Economic Forum“ in Davos im Frühjahr 2021 – noch mitten im „Laudato si"-Jahr – wohl in Anwesenheit von Papst Franziskus eine Podiumsdiskussion veranstalten, während man im heimischen Rom das Projekt der „Living chapel“ des australisch-kanadischen Komponisten unterstützt – hier wiederum vor allem durch die Akademie für Sozialwissenschaften –, die transportierbare Konstruktion eines grünen Kirchenraums, der aus Pflanzen und Sträuchern besteht. Der Vatikan als eine Art von grün-geistlicher Nebenarm der Vereinten Nationen. Doch soll nicht eigentlich in der Kurie der Zukunft das wichtigste Amt das für die Evangelisierung sein? Und zwar die genuin christliche?

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Guido Horst

Kirche