Köln St. Maria

Konzertorganist Scheuren: "Latein verbindet"

Ein Verteidiger der Gregorianik: Für Sven Scheuren, Kantor an der Wallfahrtskirche St. Maria in der Kupfergasse in Köln, ist der lateinische Gesang eine Schule des Gebets und der Demut.
Sven Scheuren
| Dem Konzertpianisten und Kantor der Wallfahrtkirche St. Maria ist es ein Anliegen, dass die Menschen mit pädagogischem Gefühl an Latein und Gregorianik herangeführt werden.

Herr Scheuren, Sie pflegen in der Wallfahrtskirche St. Maria in der Kupfergasse intensiv den gregorianischen Choral. Warum genügt das deutschsprachige Liedgut an einem Ort, an dem die Volksfrömmigkeit eine zentrale Rolle spielt, nicht?

Diese Wallfahrtskirche im Herzen Kölns hat ja über viele Jahrzehnte hinweg ein haarscharfes Profil entwickelt, vor allem in liturgischer Hinsicht. Zu den Säulen der „Musica sacra“ in ihrer dienenden Funktion zählt das reiche Repertoire an Kirchenliedern, welches sich in einem eigenen Liederbuch findet. Darin sind auch zahlreiche Gesänge des gregorianischen Chorals enthalten. Der gregorianische Choral, ureigener Gesang der Kirche, Ideal und Inbegriff sakraler Musik, soll ja in den liturgischen Handlungen den ersten Platz einnehmen, was übrigens dem Willen des Zweiten Vatikanischen Konzils entspricht. Die feierliche Liturgie in der altehrwürdigen lateinischen Sprache, wie sie in der Kupfergasse an Marienfesten, Feiertagen, am Herz-Jesu-Freitag und bei vielen Gelegenheiten begangen wird, ist ganz wesentlich durch den gregorianischen Choral geprägt.

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Warum?

Sein Wesen geht über das des Kirchenliedes hinaus: Er ist aufs Engste mit der Liturgie verbunden, Klang gewordenes Gebet, häufig ist der zugrunde liegende Text der Heiligen Schrift entnommen. Seine Melodien schwingen sich in den sogenannten acht „Kirchentonarten“ auf, zuweilen mit reichen Tonfolgen, den Melismen. Das überflügelt die heutigen Tonarten Dur und Moll. Auch rhythmisch bewegt sich die Gregorianik weitaus facettenreicher als Musik in einem fixen Taktschema. Für die gewissenhafte und liebevolle Pflege dieser großen Tradition bürgt die Choralschola an St. Maria in der Kupfergasse.

Welcher liturgische Rahmen spielt bei der Auswahl des musikalischen Repertoires eine Rolle?

Zudem ist an einer Wallfahrtskirche mit sechs heiligen Messen und zwei Sakramentsandachten am Wochenende, zwei heiligen Messen pro Werktag ein großer Fundus an Gesängen erforderlich. Ein Beispiel: Gut zweihundert Sakramentsandachten pro Jahr und weitere Gelegenheiten erfordern das „Tantum ergo“. Die Gläubigen sind dankbar für das große Repertoire an verschiedenen Melodien für das „Tantum ergo“, neben gregorianischen werden auch spätere Vertonungen gerne gesungen. Deutsches Kirchenlied und Gregorianik schließen sich ja nicht gegenseitig aus, sondern ergänzen sich auf wunderbare Weise. Für dieses stimmige Miteinander ist die Kupfergasse über den Kölner Raum hinaus bekannt. Viele Menschen kommen von weit her in diese Gnadenstätte, um dort zu beten und die Liturgie mitzufeiern.

"Für den betenden Sänger ist es eine Schule des Gebetes und der Demut"

Welchen Einfluss hat der Choralgesang auf die Gemeinde?

Das im Wechsel von Choralschola und Gläubigen gesungene Ordinarium Missae wird ebenso beseelt und engagiert mitgesungen wie die deutschen Kirchenlieder. Gerade beim Hören des gregorianischen Propriums ergibt sich die Möglichkeit des Rückzugs aus Betriebsamkeit und Unrast des Alltags, können wir uns in innerer Ruhe und Kontemplation auf Gott hin öffnen. Gregorianik bewirkt mit ihren langen Melodiebögen, dem sanften Fließen der Melodien und der schwebenden Rhythmik eine Senkung des Muskeltonus, lässt das Gehirn im Bereich der Alphawellen arbeiten und übt dadurch eine beruhigende, ja heilsame Wirkung aus. Um diese Wirkung wissend, ließ übrigens ein stilvolles Berliner Hotel in seinem Foyer den gregorianischen Choral erklingen und die Gäste hielten sich gerne dort auf.

Oft hört man, für Sänger ohne Lateinkenntnisse sei der Choralgesang eine zu hohe Hürde. Welche Erfahrungen machen Sie in dieser Hinsicht?

In unserer Wallfahrtskirche besteht eine lange und gewachsene Choraltradition. Was unseren Chor betrifft, so legte mein Vorgänger Georg Maeßen, ein Kenner der Gregorianik und Lateinpädagoge, großen Wert auf entsprechende Schulung unserer Chorsängerinnen. Bereits Kinder und Jugendliche erleben in unseren Choralämtern die lateinischen Gesänge, und die Gottesdienstgemeinde kann die ihr zufallenden Texte des heiligen Messopfers durch die regelmäßige Praxis auswendig sprechen oder singen. Vielleicht versteht nicht jeder beim Proprium jedes einzelne Wort, aber alle verstehen es der Essenz nach. Zudem enthält unser Liederbuch die Texte des Messordos in deutscher und lateinischer Sprache, ebenso die Texte zahlreicher Proprien. Latein schließt also niemanden aus, sondern verbindet die Gläubigen vielmehr.

Was bedeutet für Sie persönlich das für die Kupfergasse typische Triduum von Priesterdonnerstag, Herz-Jesu-Freitag und Herz-Maria-Sühne-Samstag sowie die Wallfahrtswoche der Kupfergasse?

Besonders die Anbetung an diesen besonderen Tagen hat uns geholfen, durch diese schwierige Zeit der Coronapandemie zu kommen. In der „Festwoche“ sollten wir den Blick für das Wesentliche nicht verlieren: Es ist eine Gebets- und Wallfahrtswoche, die die Menschen zu Gott führen will. Und für dieses Grundanliegen ist die Kirchenmusik eine wichtige, ja unverzichtbare Dienerin, die gleichwohl in ihren verschiedenen Dimensionen intensiv gepflegt werden will. Und dieser Aufgabe stellen wir alle uns mit viel Engagement und Freude in der Kupfergasse.

Hat sich Ihre Beziehung zur Musik durch diesen Gnadenort geändert?

Weniger geändert als vertieft. Eine Wallfahrtskirche hat ganz eigene Schwerpunkte im Hinblick auf die Musica sacra. Ein intensives Gebetsleben, viele Gruppen wie Marianische Männerkongregation, Choralschola, St. Josefsbruderschaft, Rosenkranzvorbeter, Apostolatskreis, und die Anbetung im Triduum Priesterdonnerstag, Herz-Jesu-Freitag, Herz-Mariä-Sühnesamstag, in der monatlichen Barmherzigkeitsandacht und am Josefsmittwoch stellen mich hinein in ein intensives Gewebe aus Gebet und gesungenem Gebet, welches mich als Kantor leitet, hält und trägt. Intensiv empfinde ich die Liturgie durch unseren Wallfahrtsrektor, Monsignore Thomas Vollmer. Er spielt selbst Orgel und ist bei den Aufnahmen zur CD-Reihe „Ars Gregoriana“ beteiligt gewesen.

Wann ist für Sie – musikalisch gesehen – Sonntag?

Wenn Monsignore Vollmer sonntags die Oration nach dem Asperges anstimmt, dann ist für mich spürbar Sonntag. Das durfte ich zumindest beruflich so intensiv erst als Wallfahrtskirchenmusiker erfahren. Und wenn er die Präfation im feierlichen Ton anstimmt, verstehe ich, dass Mozart gesagt haben soll, er würde alle seine Kompositionen verbrennen, dürfe er sich Komponist eines gregorianischen Chorals nennen.

Was gewinnen Sie als Musiker durch den lateinischen Choralgesang? Was bestärkt Sie darin, an der Gregorianik festzuhalten?

Von der Mehrzahl gregorianischer Stücke sind die Namen der Komponisten nicht bekannt. Für den betenden Sänger ist es eine Schule des Gebetes und der Demut: Zurücktreten. Der exklusive Gebetscharakter bewahrt die kultische Dimension der Liturgie. Er führt mich als Musiker in die kontemplative Dimension, weg von der kompetitiven, welcher man möglicherweise ausgesetzt sein könnte. Gerne antworte ich mit Dom Joseph Gajard, der sechs Jahrzehnte lang die Schola in Solesmes leitete: „Der gregorianische Choral ist ein Geweihter. Er existiert nur für Gott, ohne je zu versuchen, die Blicke auf sich zu lenken, zu gefallen. Er kennt nur ein Ziel: dienen, sich selbst vergessen zu lassen, um die Seelen zu Gott zu führen.“ So halte ich gerne an der Gregorianik fest.

Geben Sie uns einen Hörtipp: Welche Einspielungen des gregorianischen Chorals überzeugen Sie besonders?

Gerade im Hinblick auf „gelebte Gregorianik“ möchte ich die aktuellen Aufnahmen aus der Abtei Triors oder des Instituts Christus König und Hoherpriester nennen, ebenso die Aufnahmen unter Dom Joseph Gajard von 1930, auf Youtube nahezu 700 000 mal angehört!

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