Köln

Erzbistums Köln: Stille Basis stellt sich hinter Kardinal Woelki

Der Kölner Diözesanrat hat dem Erzbischof "moralisches Versagen vorgeworfen" und die sofortige Veröffentlichung des Gutachtens zur Untersuchung von Missbrauchsfällen gefordert. Engagierte Gläubige grenzen sich nun von dem Laiengremium ab und stellen sich hinter Kardinal Woelki.
Gottesdienst mit Kardinal Woelki in Köln
Foto: Robert Boecker (Pool) | Die stille Basis des Erzbistums Köln ist befremdet über das Vorgehen des Diözesanrats und stellt sich hinter Kardinal Woelki .

Der Solinger Bürgermeister Tim Kurzbach (SPD) gilt an der katholischen Basis des Erzbistums Köln als Reizfigur. Der Konfrontationskurs des Kölner Diözesanratsvorsitzenden gegen die Diözesanleitung erinnert einfache Gläubige, sofern sie seine Äußerungen noch lesen, mitunter eher an Wahlkampf gegen den politischen Gegner als an eine dem Gebot der Nächstenliebe verpflichtete Ortskirche. Mit der jüngsten Erklärung hat der Kölner Diözesanrat den Bogen aus Sicht vieler engagierter Katholiken nun endgültig überspannt.

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Sofortige Veröffentlichung des Missbrauchsgutachtens gefordert

Was war geschehen? Vorige Woche hatte der Diözesanrat dem Kölner Erzbischof "moralisches Versagen vorgeworfen" und die sofortige Veröffentlichung des Gutachtens zur Untersuchung von Missbrauchsfällen gefordert, das im März zugänglich gemacht werden soll. Pikant an dem Beschluss ist der Versuch, die Kölner Pfarrgemeinden zu vereinnahmen: Die Delegierten des Diözesanrates im Diözesanpastoralrat wollen ihre aktive Mitarbeit am Pastoralen Zukunftsweg vorübergehend aussetzen und üben so Druck auf die Bistumsleitung aus.

Für Außenstehende nicht auf Anhieb erkennbar ist, dass die einschlägigen Beratungen ohnehin ausgesetzt werden: Wie Weihbischof Ansgar Puff, Bischofsvikar des Diözesanrats, erläutert, wird der Diözesanpastoralrat frühestens im Juni seine Beratungen zum Pastoralen Zukunftsweg wiederaufnehmen, da die Zeit dazwischen ausschließlich den Ergebnissen der unabhängigen Untersuchung zum Umgang mit sexuellem Missbrauch gewidmet sein wird.

"Wenn der Diözesanrat tatsächlich für die Gläubigen im Erzbistum spräche, dann müsste er auch die Breite der Positionen innerhalb des Erzbistums wiederspiegeln."

Warum genügt das dem Laiengremium nicht? Heidrun Paffenholz, Pfarrsekretärin in Sankt Pantaleon, fühlt sich vom Diözesanrat der Katholiken nicht vertreten. "Wenn der Diözesanrat tatsächlich für die Gläubigen im Erzbistum spräche, dann müsste er auch die Breite der Positionen innerhalb des Erzbistums widerspiegeln. Stattdessen vertritt er eine Geisteshaltung, die ich nicht teilen kann. Mein Mann und ich sind sehr erschrocken darüber, wie selbstverständlich Kardinal Woelki vorverurteilt wird, ohne dass die Ergebnisse des Gutachtens vorliegen. Dass ein Gremium wie der Diözesanrat auf diesen Zug der faktenfreien Vorverurteilungen aufspringt, zeigt weder Haltung noch Mut", äußert sie gegenüber dieser Zeitung.

Konsequenzen zieht Angelika Teresa Oehlke: "Es gibt für mich keinen Grund, die Veröffentlichung des Gutachtens über den Umgang mit sexuellem Missbrauch im Erzbistum Köln im März nicht abzuwarten und der Bistumsleitung dann Gelegenheit zu geben, Sachverhalte und offene Fragen zu klären. Klärungen, die vielleicht auch aus Gründen der Fürsorgepflicht eines Bischofs und zur Vorbeugung des Voyeurismus zurzeit noch nicht möglich sind", teilt sie via facebook mit. Sie und ihre Familie haben ihre Mitgliedschaft im Kölner Diözesanverband des Kolpingwerks Deutschlands gekündigt. "Zu sehr klaffen Überzeugungen und Sichtweisen auseinander", begründet sie diese Entscheidung. Im selben Zug legt sie ihr Amt als geistliche Leiterin des Bezirksvorstands nieder  mit großem persönlichen Bedauern, aber sie möchte ihren Überzeugungen treu bleiben. 

Ungeduld des Diözesanrats kritisiert

Auch Wilfried Becher, Präfekt der Marianischen Männerkongregation 1608 Köln, ist empört über die Tatsache, dass Kirchenangestellte, geführt von Pfarrern, sich an dem Streit beteiligen. Er selbst ist sehr froh, dass er in der Gemeinde der Wallfahrtskirche St. Maria in der Kupfergasse keine Kritik an Kardinal Woelki hört. Die Kongregation hat Woelki, der zugleich Oberster Präses der Kongregation ist, bereits brieflich versichert, dass die "Sodalen voll hinter Ihnen stehen und wo immer es nötig ist, Sie persönlich verteidigen."

Skeptisch über den Schulterschluss zwischen Diözesanrat und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken, das die umstrittene Entscheidung begrüßte, zeigt sich  Margit Maria Weber. Die Leiterin des Wilhelm-Böhler-Klubs in Bonn ist überzeugt, dass sich der Diözesanrat ein Armutszeugnis ausgestellt hat. "Warum konnte nicht der Ausgang der von Kardinal Woelki selbst in Gang gesetzten Untersuchungen abgewartet werden, die kurz vor dem Abschluss stehen? Wo bleiben das Miteinander in der Liebe Christi und das ,sentire cum ecclesia  in Bezug auf einen Kardinal, der von vielen Katholiken als Lichtgestalt des katholischen Glaubens geschätzt wird?" erklärt sie.

Alltagsrelevante Themen gehen unter

Es ist jedoch nicht allein das als unangemessen erlebte Verhalten gegenüber dem Kölner Erzbischof, das engagierte Gläubige verärgert. Die einseitige Fokussierung des Gremiums auf die Missbrauchsaufarbeitung wirkt abseitig auf alle, die in den Pfarreien der Vielfalt kirchlichen Lebens ein Gesicht geben und nun de facto als "quantit  n gligeable" übergangen werden darunter überdurchschnittliche viele Frauen. Magdalena Gralka, seit 2018 Mitglied im Bauausschuss ihres Kirchenvorstandes in Bensberg, fragt sich "wer der Diözesanrat ist, der mich angeblich als Katholikin des Erzbistums Köln vertritt. Ich finde mich absolut nicht in seiner Stellungnahme wieder und kann mich nur wundern, dass ich von diesem nach eigener Aussage demokratischen Gremium nie um meine Meinung gebeten wurde. Kardinal Woelki hat mein volles Vertrauen, dass er jetzt und in Zukunft zum Wohl des Erzbistums handelt."

Auch Karolin Wehler legt Wert auf andere Prioritäten. Die sechsfache Mutter und Beraterin für Ehe- und Familienthemen: "Welche Themen sind für uns als Familien denn wirklich wichtig? Da ist zum einen die Möglichkeit einer fundierten Ehevorbereitung, wie sie zum Beispiel in den ,Fit-für-Ehe-Kursen angeboten wird. Für Jugendliche und junge Erwachsene gibt es die unterschiedlichsten Initiativen und Gruppierungen, wo sie Orientierung finden, den Glauben kennenlernen und vertiefen und Gleichgesinnte treffen können. Ein großes Geschenk ist die Ewige Anbetung in der Kapelle des Maternushauses; dort wird rund um die Uhr um Berufungen gebetet. Besonders dankbar sind wir, dass wir auch in der aktuellen Krise immer die Möglichkeit haben, die heilige Messe zu feiern und die Sakramente zu empfangen. All das sind Fragen, die uns im Alltag wirklich betreffen und wo wir von der Kirche Hilfe zur Gestaltung unseres Lebens bekommen."

"Wie sollen die Menschen von Gottes erlösender Liebe
erfahren, wenn Christen sich ständig auch öffentlich zanken?"

Maria Elisabeth Schmidt, Gründerin des "Gipfel der Herzensbildung" und Mitarbeiterin bei "Priesterausbildungshilfe e.V." spricht offen aus, was viele Frauen an der stillen Basis seit langem bewegt: "Unser Verkündigungsauftrag beschränkt sich nicht nur auf den pastoralen Zukunftsweg und das Missbrauchsthema; es gibt viele wichtige Weinberge, die dringend beackert werden müssen, damit wir mit Gottes Gnade die Kirche aufbauen und die Nöte der Zeit lindern können. Einer von ihnen betrifft den Lebensschutz, der nach meiner Wahrnehmung sträflich in den Hintergrund getreten ist: vor der Geburt, am Ende des Lebens und ebenso in der gesamten Zeit dazwischen. Wie sollen die Menschen von Gottes erlösender Liebe erfahren, wenn Christen sich ständig auch öffentlich zanken und überdies den Eindruck erwecken, die Kirche kenne kaum noch ein anderes als das Missbrauchsthema und den pastoralen Zukunftsweg?"

Frau Schmidt verweist auf das Beispiel Jesu, der sich am Kreuz festnageln ließ und dessen Arme am Kreuz jedem zu allen Zeiten offenstehen. "Von Ihm können wir lernen, auch Spannungen auszuhalten. Wo immer wir bereit sind, uns in den geistigen Werken der Barmherzigkeit einzuüben, Spannungen aushalten und mitleiden, wird Gottes Liebe uns drängen, uns wohlwollend und beherzt einzubringen. Dann werden wir auch wieder an der Verkündigung teilhaben, zu der jeder Christ berufen ist. Sie ist fest davon überzeugt, dass das Gebet, die lebendige Beziehung zu Christus und ein Leben aus den Sakramenten helfen werde, Wege zu den Lösungen, die Gott bahnen will, im Licht der Wahrheit zu erkennen und schließlich auch zu finden.

Engagierte Gläubige grenzen sich vom Laiengremium ab

Der Forderung des Kölner Diözesanrats, den Untersuchungsbericht über Missbrauchsfälle, dessen Veröffentlichung für März geplant ist, sofort zu publizieren sowie der Beschluss, dass Delegierte des Gremiums im Diözesanpastoralrat ihre aktive Mitarbeit am Pastoralen Zukunftsweg vorübergehend aussetzen, sorgt an der Basis für Ärger. Engagierte Gläubige grenzen sich ab von dem Laiengremium, von dem sie sich nicht vertreten fühlen und bewerten das Vorgehen des Gremiums als kontraproduktiv. Ein Plädoyer für Fairness mit der Bistumsleitung und den Blick für Themen, die gläubige Katholiken im Erzbistum wichtig sind.

 

 

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