Kirchenvater im Grauschleier

Thomas Fries' Versuch, aus dem augustinischen Denken Impulse für eine eucharistische Spiritualität herzuleiten, enttäuscht.
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Foto: KNA | Fries' Blick auf die Eucharistie, das Zentrum des kirchlichen Lebens, bleibt leider unscharf und lückenhaft.

Die Eucharistie steht zweifelsfrei im Zentrum des kirchlichen Lebens. Gleichzeitig muss man konstatieren, dass auch von den Katholiken, die noch mehr oder weniger regelmäßig die Sonntagsmesse besuchen, nicht mehr alle wirklich wissen, was es damit eigentlich auf sich hat. Deshalb ist das vorzustellende Buch im Grunde eine gute Idee. Anhand ausgewählter Texte aus den Werken eines der größten christlichen Denker – des heiligen Augustinus – will es Impulse für eine eucharistische Spiritualität geben.

Thomas Fries ist für eine solche populär gehaltene Einführung gewissermaßen prädestiniert, hat er doch 2015 eine umfangreiche Monographie zum Thema „Eucharistische Spiritualität bei Augustinus“ vorgelegt. Sein neues Buch „Empfangt, was ihr seid. Impulse Augustins für eine eucharistische Spiritualität“ ist dagegen ein handliches Bändchen. Es erscheint in der vom Provinzialat der Deutschen Augustiner herausgegebenen Reihe „Augustinus – heute“.

Zweifellos gibt es in diesem Buch gute Gedanken und wertvolle Impulse. Begriffe wie „Tugend“ und „Demut“, deren volles Bedeutungsspektrum zeitgenössischen Lesern wohl nicht immer noch voll präsent ist, werden klug und anschaulich erklärt. Auch die Zeichensprache der Liturgie wird gut erläutert. Der Autor beweist auf fast jeder Seite, dass er sich im umfangreichen Schrifttum Augustins hervorragend auskennt.

Seine wörtlichen Zitate aus Augustins Werken besitzen auch die in solchen Fällen gebotene Stellenangabe. Die indirekten Zitate stellen allerdings ein Problem dar. Oft werden Gedanken als augustinisch referiert, ohne dass mitgeteilt würde, wo das denn eigentlich beim Kirchenvater steht. Es ist zudem oft schwer zu erkennen, wo die Wiedergabe augustinischer Gedanken aufhört und die Interpretation von Fries anfängt.

Obwohl das Buch insgesamt nur 147 Seiten umfasst, muss man ihm an manchen Stellen leider eine gewisse Langatmigkeit attestieren. Aussagen und Gedanken werden zur Ermüdung des Lesers mehrfach hintereinander inhaltlich wiederholt, obwohl das Gemeinte schon beim ersten Mal klar ist.

Verkürzte Inhalte und unpassende Politisierung

Zudem sind manche Schlussfolgerungen, die Fries aus seiner Interpretation augustinischer Texte zieht, einfach nur banal und reduzieren den Kirchenvater auf das Niveau von Kalenderweisheiten.

Bedenklich ist, dass der Opfercharakter der heiligen Messe in diesem Buch nicht deutlich genug hervortritt. Die Eucharistie als „Gedächtnisfeier an die Hingabe Christi am Kreuz“ zu bezeichnen, ist etwas zu wenig. Und die Aussage, dass der neue Messritus besonders große Ähnlichkeiten mit dem „Ablauf der Eucharistiefeier, wie Augustinus sie gefeiert hat“, aufweise, ist doch arg verkürzt.

Die Bezüge, die Fries zu aktuellen Themen herstellt, fordern zu Widerspruch heraus. „Einsatz für Menschen auf der Flucht“ kann viel bedeuten, aber man hat doch den Eindruck, dass Fries eher zu einem „all refugees welcome“ als zu einer verantwortungsvollen Einwanderungspolitik tendiert. Es ist bedauerlich, wenn ein Buch über „eucharistische Spiritualität“ dazu verwendet wird, politische Botschaften zu transportieren.

Problematisch sind auch die Überlegungen zur konfessionellen Spaltung der Christenheit. Die diesbezüglichen Aussagen bei Fries entsprechen dem üblichen ökumenistischen Mainstream: „Was ist mit der Glaubensspaltung in evangelische und katholische Kirche, wo die Eucharistie nicht gemeinsam gefeiert werden kann? Streben wir nach der Einheit und was tun wir theologisch und praktisch dafür, die Spaltung zu überwinden? Halten wir Differenzen aus, ohne daraus Vorwürfe gegeneinander zu erheben?“ Wie eine solche Einheit erreicht werden soll, solange der für logisches Denken grundlegende Satz vom Widerspruch gilt – es können nicht zwei einander widersprechende Aussagen gleichzeitig wahr sein –, bleibt freilich auch bei Fries vielsagend unbeantwortet. Es fehlt auch nicht das Schlagwort von der „versöhnten Verschiedenheit“, das letztlich doch nur den relativistischen Verzicht auf die Frage beschreibt, welche von zwei gegensätzlichen Positionen die richtige ist.

Insgesamt betrachtet kann dieses Buch nicht überzeugen. Vieles ist zwar irgendwie richtig, manches aber ist deutlich erkennbar schief gedacht. Insgesamt hinterlässt „Empfangt, was ihr seid“ nur einen sonderbar blassen Eindruck. Die Chance, augustinisches Gedankengut für die Gegenwart fruchtbar zu machen, ist hier zumindest teilweise vertan worden.

Thomas Fries: Empfangt, was ihr seid.
Impulse Augustins für eine eucharistische Spiritualität.
Echter Verlag, Würzburg 2018, 147 Seiten, ISBN: 978-3429042028, EUR 14,90

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