Bamberg

Kirchenmusik hilft in der Krise

Hoffnungsklänge in Corona-Zeiten: Wie Kirchenmusiker mit den Folgen der Corona-Pandemie umgehen.
"Flashmob sonoro" - Hoffnungsklänge in Corona-Zeiten
Foto: Elisa Lingria (XinHua) | Rom: Ein Mann und eine Frau mit einem Instrument stehen an einem geöffneten Fenster, und nehmen am "Flashmob sonoro" (klingender Flashmob) teil.

Ihr habt jetzt sicher frei“, ist ein Satz, den wohl viele Kirchenmusiker in seit Wochen hören. Nachvollziehbar, denn da keine öffentlichen Gottesdienste mehr gefeiert werden, alle Chorproben ausfallen müssen und auch die Ausbildung in den D- und C-Seminaren nicht mehr wie sonst möglich ist, läge es nahe, jetzt erst einmal in Ruhe den Notenschrank zu sortierten, alte Chorbücher neu einzubinden und die ungewohnt ruhige Zeit dafür zu nutzen, ein paar neue Stücke zu üben. Manch einer tut genau dies, aber die meisten Kirchenmusiker geben sich damit nicht zufrieden. Sie lieben ihren Beruf, es ist ihnen wichtig, ihren Glauben zu singen und zu spielen und deshalb haben sie schnell neue Wege gefunden, ihren Dienst zu tun. Gottesdienste gehören bei einigen weiterhin dazu.

Denn obwohl es dank der katholischen und evangelischen Fernseharbeit schon seit Jahren gut gestaltete Gottesdienstübertragungen gibt und viele Domkirchen in Coronazeiten jeden Tag eine heilige Messe lifestreamen, bei der, wie im Bamberger Dom, immer auch ein Kirchenmusiker dabei ist, haben die Gemeinden vor Ort schnell festgestellt, dass es der eigene Priester, der eigene Musiker sind, die der Gemeinde fehlen.

Hoffnungsklänge sind wichtig in diesen Tagen

Aber auch darüber hinaus gibt es gute Möglichkeiten des Teilens von Hoffnungsklängen, die gerade in diesen Tagen so wichtig sind. Dekanatskantor Ludger Stühlmeyer aus Hof war klar, dass es jetzt wichtiger denn je ist, musikalisch präsent zu sein. Im letzten Gottesdienst mit der Gemeinde hatte er zum Schluss die erste und letzte Strophe von „Großer Gott wir loben dich angestimmt.

Der Pfarrer, Holger Fiedler, hatte den Messner in die Sakristei geschickt und die Glocken anstellen lassen und ein Gemeindemitglied war spontan in den Altarraum gegangen und hatte die Schellen, die ansonsten zur Wandlung und während des Gloria am Gründonnerstag ertönen, zum Klingen gebracht. Für den Kirchenmusiker ein klares Signal, dass er jetzt nicht einfach aufhören könnte, für die Gemeinde zu singen und zu spielen. Deshalb rief er, basierend auf den ohnehin schon bestehenden Netzwerken der Chöre, Bands und seines nebenberuflichen Kirchenmusikteams die WhatsApp Gruppe #musicforyou ins Leben. Hier postet er, ebenso wie auf Facebook jeden Tag ein Musikstück.

Das Echo auf diese Aktion übertraf die Erwartungen. Inzwischen sind Menschen aus ganz Deutschland Mitglied in dieser Gruppe und die Musikstücke werden in anderen Chor- und Musikgruppen weitergeteilt. Beiträge einstellen darf natürlich nicht nur der Kantor. Auch die WhatsApp Gruppenmitglieder können etwas posten.

Vom selbst eingesungenen Lieblingschoral bis zum viralen Youtubeclip

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Das Spektrum reicht dabei vom selbst eingesungenen Lieblingschoral bis zum viralen Youtubeclip und am Ostersonntag waren mit den einander ausgesprochenen Osterwünschen Bilder aus allen Kirchen des Seelsorgebereiches mit den Osterkerzen zu sehen, die in der Osternachtfeier in der Pfarrkirche entzündet worden waren. Wer kein Smartphone hat, muss ebenfalls nicht auf den vertrauten Orgelklang verzichten. Denn Interessierte werden gerne auch via Email beliefert. Mit dem Regionalradio hat Stühlmeyer am ersten Tag der gottesdienstlosen Zeit Kontakt aufgenommen. Dort wird nun an jedem Sonntag und den hohen Feiertagen ein geistlicher Impuls mit Musik gesendet.

Die Idee macht Schule, denn inzwischen ist auch ein evangelischer Pfarrer mit von der Partie. Die Schülerinnen und Schüler, die im D- und C-Kurs zu nebenberuflichen Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusikern ausgebildet werden, haben in der ersten Woche der Ausgangsbeschränkungen ebenfalls eine WhatsApp Gruppe gebildet. Sie sind es in Hof ohnedies gewohnt, dass die neuen Medien in den Unterricht miteinbezogen werden. Egal, ob es um Noten geht, die auf diesem Wege schnell übermittelt werden können, um das Hören einer empfehlenswerten Interpretation, die dem Schüler direkt aufs Smartphone geschickt wird oder um einen Psalm, den der Kantor als Lernhilfe einsingt – das Handy ist an der Orgel immer mit dabei. Bei einem Schüler ist das auch deshalb wichtig, weil er inzwischen ins Studium nach München gegangen ist und nur jede zweite Woche zuhause sein kann. Da kann es schon hilfreich sein, wenn man zwischendurch sein Stück einmal aufnehmen und dem Lehrer zur Kontrolle schicken kann. Auch Theorieaufgaben können auf diesem Wege leicht geteilt werden und so gab es in den vergangenen Wochen verstärkt Klausuren in Liturgik und Musiktheorie.

Was wird der Kantor diesmal spielen?

Die Schüler, Chorsänger, Solisten und Gemeindemitglieder haben sich inzwischen so an die tägliche Musiklieferung gewöhnt, dass sie jeden Morgen gespannt darauf warten, was ihr Kantor diesmal für sie spielen wird. Und ein Gruppenmitglied meinte ein wenig melancholisch, dass sie nach Aufhebung der Ausgangssperre diesen täglichen Hoffnungsklang sehr vermissen würde.

Dass Musik nicht an Zeit und Raum gebunden ist, kann man auch auf Facebook erleben. Hier spielen Kirchenmusiker wie Ruben Sturm, Domorganist am Hohen Dom St. Martin zu Rottenburg ganze Orgelkonzertreihen für ihre Zuhörer und Kantor Volker Oertel aus Dinkelsbühl Gemeindelieder zum Mitsingen ein. Guus Theelen aus den Niederlanden postet jeden Tag mehrere liturgisch gut ausgewählte Youtubeclips. Und natürlich führt die Kirchenmusik Menschen nicht nur im Internet zusammen, wie die Aktion der evangelischen Kirche, an einigen Abenden gemeinsam auf den Balkonen und an Fenstern stehend „Der Mond ist aufgegangen“ zu singen und zu spielen zeigt.

Interessenten wenden sich bitte an https://chat.whatsapp.com/HtzegXXLBGLcVBmUpc465
oder: info@die-tagespost.de

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