Paderborn

Katholischer Protestantismus im Trend

Der Sammelband zum Synodalen Weg, "Letzte Chance" zeigt exemplarisch Denkfehler und Engführungen auf, die die Debatte beeinflussen. Eine Buchrezension
Pressekonferenz nach Synodalversammlung
Foto: Harald Oppitz (KNA) | Pressekonferenz nach den Beratungen der Synodalversammlung am 1. Februar 2020 in Frankfurt.

Die „Standpunkte“, die von der Paderborner Gemeindereferentin Michaela Labudda und dem Lehrer Marcus Leitschuh in einem Sammelband vereinigt wurden, antworten in der Regel nicht auf die Titel-Frage „Letzte Chance?“. In einigen Beiträgen ist von der vermutlich letzten Möglichkeit der Kirche die Rede, verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen. Ob es um die letzte Chance des katholischen Glaubens selbst oder um dessen gesellschaftliche Anschlussfähigkeit geht, bleibt ungeklärt.

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Lobgesang auf die eigene Veränderungs- und Reformbereitschaft

Die Beiträge des Sammelbandes sind nach der Mitgliedschaft der Autoren in einem der vier Gesprächsforen gegliedert. Was nicht heißt, dass der Leser über Prozesse, Inhalte, Diskussionspunkte oder Tendenzen innerhalb dieser Foren informiert wird. Im Gegenteil: Geboten wird  ein bunter Strauß von zumeist emotional aufgeladenen und autobiographisch gefärbten Meinungsäußerungen – weithin im Modus von Klagen und Anklagen; und in einem Jargon, den es vermutlich nur auf Tagungen von kirchlichen Funktionären gibt.

Nach der Lektüre würde Erik Flügge seine Analyse kirchlicher Ausdrucksweisen bestätigt sehen. Was er vielleicht nicht erwartet hätte: Es sind vor allem die Beiträge der jüngsten Teilnehmer, die ihre Kirchenlyrik (retardierend „Ich wünsche mir eine Kirche, die…“ oder „Stell dir vor, es gäbe eine Kirche, die …“) mit Klischees garnieren, die jeden nüchtern gebliebenen Gläubigen in die Flucht schlagen. In demselben Maße, in dem „Offenheit“, „Hör- und Dialogbereitschaft“ gefordert werden, lobt man die eigene Veränderungs- und Reformbereitschaft in Absetzung vom Traditionalismus und Dogmatismus, von der Ghettomentalität und Theorielastigkeit der Anderen.

Verhältnis von Tradition, Schrift und Dogma darf nicht übersehen werden

Der Name des emeritierten Papstes wird in dem ganzen Sammelband ein einziges Mal genannt; verbunden mit der Forderung, dass linke Abweichler dasselbe Heimatrecht in der Kirche zusteht wie den Retros, die Benedikt XVI. mit der erneuten Zulassung der Tridentinischen Messe hofiert hat. Kardinal Marx erwähnt seinen großen Münchner Vorgänger mit keinem Wort. Seine Bezugsgrößen sind Daniel Bogner, Johanna Rahner und Paul Zulehner. Papst Franziskus wird von ihm immer dann zitiert, wenn es um Geschwisterlichkeit und soziale Freundschaft, angstfreien Dialog, Offenheit und Transparenz geht. Zum Schluss seines Beitrags hofft der Kardinal, dass „wir den Heiligen Geist nicht nur nicht aus dem Spiel lassen, sondern davon ausgehen, dass er selbst unter und in allen wirkt“.

Man kann zu Protokoll geben, dass die bisher vorgetragenen Konvenienzargumente für den Ausschluss der Frau vom Sakrament des Ordo nicht überzeugen. Aber das geht nicht ohne die besagte Wertschätzung des Andersdenkenden, nicht ohne kritische Reflexion der Gegenargumente und erst recht nicht ohne die Beachtung des Verhältnisses von Tradition, Schrift und Dogma. Stattdessen schreibt die Vorsitzende der „Deutschen Ordensoberenkonferenz“ (Katharina Kluitmann OSF): „Ich habe mir geschworen, dass ich mir einst zur ersten Weihe einer Frau, sogar wenn es mit Rollator sein müsste, noch eine Mitfahrgelegenheit suche. Ich werde viele Taschentücher brauchen an diesem Tag.“

Die eigene Meinung oder Erfahrung ersetzt jedes Argument

Wie Schwester Kluitman, so hat offenbar auch die Benediktinerin Philippa Rath (Bingen) noch nie nachgedacht über das Verhältnis von Offenbarung, Christusereignis und Kirche. Andernfalls wäre ihr die folgende Frage von der Tastatur gesprungen: „Wer sind wir, frage ich mich, dass wir Gott vorschreiben wollten, wen er zu welchen Ämtern und Diensten in seiner Kirche beruft und welches Geschlecht diese Berufenen haben müssen?“

Nach eigenem Bekenntnis nicht durch den Heiligen Geist, sondern durch die großartige Theologie von Magnus Striet, „inspiriert“, erklärt die Gemeindereferentin Regina Nagel alle Ordnungssysteme und Dogmen der Kirche für veränderlich. Sie jedenfalls will sich nicht mehr „autoritär vermachten lassen“ und bezeichnet es als Skandal, dass man ihr zumute, die aus ihrer Sicht selbstverständliche Zulassung der Frau zum Sakrament des Ordo begründen zu sollen (140). Überhaupt: Die eigene Meinung oder Erfahrung ersetzt jedes Argument.

"Man kann, meine ich, fast alles erproben: Bischofswahl, verheiratete Priester, Priesterinnen, Pfarrerswahl und -abwahl, Homosexuellentrauungen, gemeinsame Eucharistieleitung. Wieso nicht?“

Für eine gänzliche Aufhebung des Unterschiedes zwischen dem besonderen Priestertum der Ordinierten und dem gemeinsamen Priestertum der Gefirmten plädiert die in Potsdam tätige Jugendbildungsreferentin Franziska Kleiner. Sie meint: „Durch die Taufe sind alle Gläubigen zum priesterlichen, königlichen und prophetischen Lebensstil berufen. Jeder Mensch darf diese Berufung für sich ausfüllen und leben. Wenn ich mir das bewusst mache, stelle ich mir die Frage: Wie wäre es, wenn sich alle Getauften auf dem Weg zum Amtspriestertum befinden würden oder es allen Getauften zumindest offenstünde, bis sie sich aktiv bewusst gegen diesen Weg entscheiden?“ (108). Zu dieser Art von katholischem Protestantismus passt die Forderung der Regensburger Kanonistin Sabine Demel nach einem Kirchenrecht, das die Stimmen der sogenannten Apostelnachfolger nicht anders gewichtet als die aller übrigen Getauften.

Aus der Tatsache, dass eine erneuerte Kirche eine Kirche der Gleichen ist, folgert die Stuttgarter „Grundsatzreferentin“ Christiane Bundschuh-Schramm: Also „empfehle ich schnell einleitbare Erprobungsphasen. Man kann, meine ich, fast alles erproben: Bischofswahl, verheiratete Priester, Priesterinnen, Pfarrerswahl und -abwahl, Homosexuellentrauungen, gemeinsame Eucharistieleitung. Wieso nicht?“ Frau Bundschuh-Schramm wendet sich – wie sie meint: „ganz im Sinne des Konzils“ – gegen „Reflexionsschleifen“ und „Vorabtheorien“. Sie vergleicht die Kirche mit einem ihr gut bekannten Wirtschaftsunternehmen, das seinem „Urporsche“ gerade deshalb treu bleibt, weil es ständig experimentiert. Damit – so sollte man annehmen – hat sich diese Autorin die Auszeichnung „Simplicissima“ verdient.

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Umgang auf Augenhöhe ist wichtig

Aber da ist noch der in Hamm tätige Pfarrer Bernd Mönkebüscher mit seinem Plädoyer für eine den Plausibilitäten der Moderne angepasste Neuinterpretation der christologischen Dogmen und vor allem auch der Sexualmoral gemäß den prophetischen Weisungen von Eugen Drewermann. Und da ist das trinitarische Bekenntnis des Mitherausgebers Marcus Leitschuh: „Gott ist. Er.Sie.Es.“; und – nicht weniger originell – die Trinitätslehre von Bettina-Sophia Karwath: „Die Communio der drei göttlichen Personen ist eine Communio größtmöglicher Gegensätze: Gott und Mensch! Dies ist uns Vorbild.“

Natürlich sollen die Mitglieder einer Synode auf Augenhöhe miteinander umgehen. Aber wenn Argumente durch Meinungen oder persönliche Erfahrungen ersetzt werden, fehlt die Autorität des besseren Argumentes und die Unterscheidung von „richtig“ und „falsch“. Man kann nur hoffen, dass die Beiträger des hier zur Besprechung stehenden Sammelbandes nicht als repräsentativ zu bezeichnen sind.

Fundamental unterschiedliche Schriftauslegung bei Protestanten und Katholiken

Denn den meisten Voten ist kaum oder gar nicht mehr bewusst, dass die katholische Tradition das Dogma anders betrachtet als die Protestanten. Diese relativieren jede Lehraussage durch ständigen Rückbezug auf eine instruktionstheoretisch verstandene Schrift. Aber die Schrift gibt es ebenso wie das Dogma nur durch die apostolisch verfasste Kirche. Es war die apostolisch verfasste Kirche, die bestimmte Zeugnisse ausgewählt (kanonisiert) und sich so für immer in ihr Gedächtnis geschrieben hat. Und es ist die apostolisch verfasste Kirche, die die Heilige Schrift verbindlich auslegt.

Für Protestanten gibt es keine irreversible Schriftauslegung in Gestalt der Dogmen, weil sie die Schrift wie eine feststehende Größe der Kirche vor- und überordnen. Für Protestanten gibt es kein apostolisches Amt und also keine Repräsentanten des gründenden, leitenden und richtenden „Voraus“ Christi vor seiner Kirche. Wer diesen fundamentalen Unterschied zwischen katholischer und protestantischer Tradition nicht beachtet, kann die Irreversibilität der dogmatischen Entscheidung des römischen Dokumentes „Ordinatio sacerdotalis“ nicht verstehen.

Nur ein Beitrag stellt die entscheidenenden Fragen

Die wichtige Frage, warum die vier Foren des Synodalen Weges angeblich notwendige Folgen des Missbrauchsskandals sind, wird nur von einem einzigen Beitrag erklärt. Das Votum des Bochumer Theologen und Sozialwissenschaftlers Matthias Sellmann hebt sich wohltuend ab von dem Betroffenheitsjargon und dem Argumentationsdefizit der oben genannten Plädoyers.

Sellmann erklärt die Aufgaben der vier Foren in Gestalt der folgenden vier Fragen: „Wie wird kirchliche Macht in Richtung Gewaltenteilung kontrollierbar?“ – „Wo liegen in der Lebensform von geweihten Amtsträgern Dispositionen zu verfehlter Machtausübung; und wie kommt man zu gut lebbaren und ausstrahlungsstarken Formen priesterlichen Lebens?“ – „Wie wird Frauen der Zugang zu amtlichen Strukturen kirchlicher Machtausübung ermöglicht?“ – „Wie kann eine neue Sicht auf die kirchliche Sexualmoral die Wahrscheinlichkeit sexueller Gewalt in kirchlichen Strukturen verhindern?“

„Der Reformpfad [lautet ] nicht: Weg von der Macht. Sondern: Hin zum Segen guter Ausübung von Macht.“

Sellmann denunziert die Macht der Kirche und ihrer Repräsentanten nicht; im Gegenteil: Diese Macht, so erklärt er, wurzelt in der Vollmacht Jesu. Diese Macht ist notwendig gegenüber allem, was Menschen wichtig ist. Denn sie bindet die Menschen an den Gott, der in Christus das Maß allen wahren Menschseins ist. „Darum lautet der Reformpfad nicht: Weg von der Macht. Sondern: Hin zum Segen guter Ausübung von Macht.“

Es lohnt sich nachzulesen, was der damalige Professor Joseph Ratzinger über die Würzburger Synode geschrieben hat. Denn der hier besprochene Sammelband gibt Anlass zu der Vermutung, dass seine Worte von damals sehr aktuell sind: „Der Kampf um neue Formen kirchlicher Strukturen scheint weithin einziger Inhalt der Synode zu werden.

Die Befürchtung, die Henri de Lubac am Ende des Konzils geäußert hatte, es könnte zu einem Positivismus des kirchlichen Selbstbetriebs kommen, hinter dem sich im Grunde der Verlust des Glaubens verbirgt, ist leider ganz und gar nicht mehr gegenstandslos. Wie damals, so sind, wie mir scheint, auch heute die wahrhaft gläubigen Katholiken kaum oder gar nicht daran interessiert, „wie Bischöfe, Priester und hauptamtliche Katholiken ihre Ämter in Balance setzen können, sondern was Gott von ihnen im Leben und im Sterben will und was er nicht will.“ (GS 12, 167f).

Michaela Labudda/Marcus Leitschuh (Hgg.):
Synodaler Weg. Letzte Chance?
Standpunkte zur Zukunft der katholischen Kirche.
Bonifatius-Verlag, Paderborn, 2021, 227 Seiten,
ISBN: 978-3-89710-873-8, EUR 18,90

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