Würzburg

Katechese des Leidens

Das Sterben Johannes Pauls II.: Seine letzte Enzyklika.
Das Sterben Johannes Pauls II.
Foto: epa ansa Onorati (ANSA) | Als Beter bleibt der heilige Johannes Paul II. auch durch die Aufnahmen in den letzten Lebensmonaten in Erinnerung.

Wer erinnert sich nicht an die äußeren Umstände des Sterbens Johannes Pauls II. am 2. April 2005, dem Samstag nach Ostern und Vorabend zum Sonntag der göttlichen Barmherzigkeit? Tausende warteten an jenem Abend betend auf dem Petersplatz, bis Erzbischof Sandri gegen 22 Uhr verkündete, dass „unser geliebter Heiliger Vater in das Haus des Herrn eingegangen“ sei. Er war um 21.37 Uhr in seiner Wohnung gestorben.

Hunderttausende standen vom 5. bis 7. April, bis zu zwölf Stunden geduldig wartend, Schlange, um an dem im Petersdom aufgebahrten Leichnam Johannes Pauls II. ein kurzes Gebet sprechen zu dürfen, und gut drei Millionen pilgerten am 8. April nach Rom, um am Begräbnis Johannes Pauls II. teilzunehmen, davon rund 300.000 auf dem Petersplatz, die am Ende des von Kardinal Ratzinger zelebrierten Requiems lang und vernehmlich „Santo subito“ riefen. Die meisten folgten dem bewegenden Requiem, zu dem sich zahlreiche Regierungschefs aus der ganzen Welt und Repräsentanten aller Religionen eingefunden hatten, vor den großen Leinwänden, die in der Stadt aufgestellt worden waren.

"Alle sahen seine Versuche, zu sprechen,
aber er brachte kein Wort hervor"

Schon der Karfreitag 2005 prägte sich der Welt ein. Johannes Paul II. konnte am Kreuzweg vor dem Kolosseum nicht mehr teilnehmen. Er folgte dem Kreuzweg vor einem Bildschirm in der Kapelle seines päpstlichen Hauses, sitzend und mit beiden Händen ein großes Holzkreuz umfassend. Noch erschütternder waren die Bilder am Ostersonntag, dem 27. März 2005. Johannes Paul II. wollte vom Fenster seines Hauses aus den Segen „Urbi et Orbi“ erteilen. Alle sahen seine Versuche, zu sprechen, aber er brachte kein Wort hervor. Nachdem er ein dreifaches Kreuzzeichen gemacht hatte, wurde er vom Fenster weggeschoben.

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Mit seinem Sterben befasste sich Johannes Paul II. schon lange vor dem Attentat bei der Generalaudienz auf dem Petersplatz am 13. Mai 1981, bei dem er durch die Schüsse von Ali Agca lebensgefährlich verletzt wurde. Während der ersten Fastenexerzitien seines Pontifikats begann er am 6. März 1979 ein Testament zu verfassen, das er in den folgenden Jahren, jeweils während der Exerzitien, mehrfach ergänzte, zuletzt am 17. März 2000. Darin kam er auch auf das Attentat von 1981 zurück. Die göttliche Vorsehung habe ihn „auf wunderbare Weise vor dem Tod bewahrt“. Der Herr über Leben und Tod habe ihm „dieses Leben verlängert, ja gleichsam von neuem geschenkt“. Er hoffe, dass ihm die göttliche Barmherzigkeit auch „die für diesen Dienst nötige Kraft geben möge“. Zugleich fragte er sich angesichts des bevorstehenden 80. Geburtstages, „ob es nicht Zeit wäre, mit dem biblischen Simeon zu wiederholen: Nunc Dimittis“: Nun lässt Du Herr Deinen Knecht in Frieden scheiden.

Er verbarg seine Leiden nicht

Zunehmende gesundheitliche Beeinträchtigungen, auch infolge des Attentats, begleiteten Johannes Paul II. in den letzten Lebensjahren. Er verbarg seine Leiden nicht. Auf seiner letzten Auslandsreise im August 2004 nach Lourdes sagte er in der Grotte von Massabielle, er spüre, dass er das Ziel seiner Pilgerfahrt erreicht habe. Er begrüßte die vielen kranken Pilger am Fest Mariä Himmelfahrt mit den Worten „Ich teile mit euch den Lebensabschnitt, der von körperlichen Gebrechen gezeichnet ist, der aber deswegen im wunderbaren Plan Gottes nicht weniger Früchte trägt.“

Seine letzten Lebensjahre waren eine Katechese des Leidens, das er ohne Verbitterung ertrug. Er zeigte der Welt, dass die Nachfolge Christi eine Nachfolge des Gekreuzigten ist. Nicht wenige in der Kurie und außerhalb der Kurie störten sich daran, sehen zu müssen, wie Johannes Paul II. trotz seiner Leiden und seiner zunehmend eingeschränkten Möglichkeiten, sich zu bewegen, zu sprechen und seine Mimik zu beherrschen, sein Amt weiter ausübte. Einen Schlüssel zum Verständnis dieses Durchhaltewillens liefert das Apostolische Schreiben „Salvifici doloris“ über den christlichen Sinn des menschlichen Leidens, das er am 11. Februar 1984, dem Gedenktag unserer lieben Frau von Lourdes, veröffentlicht hatte. Darin schrieb er: „Das Geheimnis der Erlösung der Welt ist auf wunderbare Weise im Leiden verwurzelt, und dieses findet seinerseits in jenem Geheimnis seinen höchsten und sichersten Bezugspunkt.“

Sein Sterben war seine letzte Enzyklika

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Die christozentrische Anthropologie des II. Vatikanischen Konzils liefert einen Schlüssel zum Verständnis seines Durchhaltewillens, ja seines gesamten Pontifikats. Nur im Geheimnis des fleischgewordenen Wortes kläre sich das Geheimnis des Menschen wahrhaft auf, hatte das Konzil in „Gaudium et spes“ Ziffer 22 erklärt und in Ziffer 24 hinzugefügt, nur durch die aufrichtige Hingabe seiner selbst könne sich der Mensch selbst finden. Ein Beispiel für diese Haltung war für Johannes Paul II. Gianna Beretta Molla, eine italienische Ärztin, die sich weigerte, ihre Schwangerschaft abzubrechen, als sie an Krebs erkrankt war und eine Woche nach der Geburt ihres Kindes am 28. April 1962 starb. Bei ihrer Heiligsprechung am 16. Mai 2004 sagte Johannes Paul II., das Opfer, mit dem die heilige Gianna Beretta Molla ihr Leben besiegelte, zeuge davon, „dass nur derjenige, der den Mut hat, sich Gott und den Brüdern ganz zu schenken, sich selbst“ verwirkliche. Johannes Paul II. hatte den Mut, sich Gott und den Brüdern, der Kirche und der Welt zu schenken. Sein Sterben war seine letzte Enzyklika, sein Begräbnis das Fest eines Heiligen. Seine letzten Worte „Ich bin froh, seid ihr es auch“ sind ein Vermächtnis für ein menschenwürdiges Sterben.

Der Autor verdankt Johannes Paul II. eine entscheidende Wende auf seinem akademischen Lebensweg. Nach der Promotion hatte er mehrmals Vorschläge abgelehnt, seinen akademischen Weg an einer theologischen Fakultät im Fach Christliche Gesellschaftslehre fortzusetzen: Er sei Politikwissenschaftler und wolle es bleiben. Als wenige Wochen nach dem ersten Deutschlandbesuch Johannes Pauls II. im November 1980 erneut eine Aufforderung kam, sich auf die neu errichtete Professur für Christliche Sozialwissenschaften an der Universität Osnabrück zu bewerben, willigte er ein – in der nachhaltigen Freude über diesen Besuch und fasziniert vom Mut, vom Humor und vom Glauben dieses Papstes sowie von seinem Einsatz für den Schutz des Lebens. Die Erfahrung, dass auch eine theologische Fakultät eine recht weltliche Angelegenheit ist, blieb ihm nicht erspart. Aber seine Freude über die historische Wirkung und die Lehren dieses heiligen Papstes ist ungebrochen.

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