Köln

Kardinal Marx müsste sich der Aufarbeitung stellen

Peter Bringmann- Henselder vom Betroffenenbeirat Köln kritisiert im Interview das Rücktrittsgesuch von Kardinal Marx . Der Kardinal solle sich der Aufarbeitung stellen und so Schritte für die Zukunft einleiten,
Köln mit dem Dom.
Foto: Jochen Tack via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Peter Bringmann- Henselder vom Betroffenenbeirat Köln kritisiert das Rücktrittsgesuch von Kardinal Marx und fordert, er möge sich der Aufarbeitung stellen. Im Bild: Skyline von Köln mit dem Dom.

Herr Bringmann- Henselder, wie bewerten Sie den Rücktritt von Kardinal Marx? 

Kardinal Marx führt an, dass die Kirche an einem toten Punkt sei, er persönliche Verantwortung übernehmen will und anderes mehr. Was aber sehr stört in seiner Aussage ist, dass er durch seinen Rücktritt Verantwortung tragen wolle, die Institution Kirche zu schützen. Aber das geht doch genau in die Richtung, die die Betroffenen satt haben. In den zurückliegenden Jahren und Jahrzehnten stand nahezu immer der Schutz der Institution Kirche im Vordergrund. An das Leid der Betroffenen wurde seitens der Kirche nicht gedacht. Aber genau hier muss ein Umdenken stattfinden und das geht nur mit Aufarbeitung, Aufklärung und den richtigen Schritten hin zur Vermeidung solcher Taten in der Zukunft. Dem müsste sich Kardinal Marx stellen, aber was macht er? Er zieht sich zurück und lässt andere die Drecksarbeit machen.

"Er hat den Medien jetzt eine Steilvorlage geliefert."

Es gibt viel Anerkennung für diesen Schritt, der scheidende ZdK-Präsident Sternberg sagte allerdings, es gehe der Falsche. Mancher sieht darin einen Fingerzeig auf Kardinal Woelki. Wie sehen Sie das?

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Eines muss man Kardinal Marx lassen: Er hat den Medien jetzt eine Steilvorlage geliefert, die schon seit geraumer Zeit den Wettbewerb austragen: „Wer schafft es, dass Woelki zurücktritt“. Das Rücktrittsangebot von Marx ist Wasser auf die Mühlen der Medien, die sich an Woelki abarbeiten und nicht müde werden, ihn in ein schlechtes Licht zu rücken. Stets wird geflissentlich übersehen, dass er der erste war, der einen Betroffenenbeirat eingerichtet und 2018 versprochen hat: „Ich kläre auf!“ Und mit dem Gercke-Gutachten hat er bewiesen, dass es ihm damit ernst ist. Kein anderes Bistum hat bisher ein solch umfassendes Gutachten vorgelegt, das für jeden Interessierten ungekürzt und ungeschwärzt einsehbar ist.

Was wäre aus Ihrer Sicht der nächste Schritt? 

Peter Bringmann-Henselder

Zunächst muss man sich fragen: Löst er durch seinen Rücktritt die anstehenden Probleme? Eher nicht, er stiehlt sich aus der Verantwortung. Er überlässt seinem Nachfolger diese heikle Aufgabe. Selbst das von ihm angekündigte neue Gutachten, was im Sommer dieses Jahres vorgelegt werden soll, will er nicht selbst präsentieren. Woran könnte das liegen? Wird er in diesem Gutachten womöglich der Vertuschung überführt? Will er nicht in den Strudel der negativen Presse geraten, wie es Kardinal Woelki erfahren hat und noch immer erfährt? Stößt ihm selbst auf, dass er im Laufe der letzten Monate mit eingestimmt hat in die Kritik an Woelki, der lieber ein neues Gutachten anfertigen ließ als mit dem ersten Gutachten eine Bauchlandung hinzulegen? 

Sollte das Erzbistum München das Missbrauchsgutachten der Kanzlei WSW nun veröffentlichen?

Das muss das Erzbistum München-Freising entscheiden. Wie schon gesagt, für diesen Sommer ist ein neues Gutachten angekündigt. Ob das WSW oder einer anderen Kanzlei erstellt, spielt für mich keine Rolle. Hauptsache ist doch, dass Klarheit geschaffen wird und die Aufarbeitung auch in München endlich beginnt. Dass Kardinal Marx sich aber hier aus der Verantwortung stiehlt, halte ich für falsch. Durch seinen Rücktritt erweist er der Aufarbeitung im Erzbistum München-Freising einen Bärendienst, denn ein neuer Amtsträger fängt, wie es üblich ist, wieder von vorn an und muss sich ja „erst einmal ein Bild machen!“ Den Betroffenen hilft sein Verhalten nicht.

Weitere Stimmen und Hintergründe zum Rücktrittsgesuch von Kardinal Marx lesen Sie in der kommenden Ausgabe der Tagespost.

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