Vatikanstadt/ Frankfurt

Kardinal Koch vermisst Realitätsbezug im Kommunionsstreit

Der Ökumenische Arbeitskreis hat im Streit um die Interkommunion ein neues Papier veröffentlicht. Darin beharrt der Arbeitskreis auf die wechselseitige Kommunions-/Abendmahlsteilnahme auf Gewissensbasis. Der vatikanische Ökumene-Beauftragte, Kardinal Koch, hat sich nun dazu geäußert.
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Foto: imago stock&people | In der Debatte um die Interkommunion von Protestanten und Katholiken bemängelt der Ökumene-Beauftragte des Vatikans, Kardinal Kurt Koch, dass die Forderungen des ÖAK lediglich auf akademischer Ebene bleiben, ...

Gibt es eine Einsetzung des Abendmahls und der Apostel als Priester und Bischöfe, mit der sich ein konkretes Verständnis der bleibenden Gegenwart Jesu Christi in Brot und Wein verbindet oder nicht? Das ist die Frage, um die derzeit zwischen dem Ökumenischen Arbeitskreis der Kirchen, deren Leiter auf katholischer Seite zugleich der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz ist, und dem Vatikan gestritten wird.

Geringe Dialogbereitschaft

Wenn dem so ist, wie die Lehrmäßigen Anmerkungen betonen, die Georg Bätzing im September 2020 zugingen, dann ist die Debatte um die gegenseitige Einladung zum Abendmahl, die der ÖAK in Gestalt der Vertreter evangelischer wie der katholischen Kirche auszusprechen nach wie vor entschlossen ist, eigentlich vom Tisch. Um genau diese Schlussfolgerung nicht ziehen zu müssen, hat der Arbeitskreis nun in einer von Dorothea Sattler und Volker Leppin als wissenschaftlichen Leitern des ÖAK unterzeichneten Stellungnahme zu den „Lehrmäßigen Anmerkungen zum Dokument ,Gemeinsam am Tisch des Herrn‘“ auf 26 Seiten ihre Sicht der Dinge ein weiteres Mal bekräftigt.

Im Vatikan hat diese Stellungnahme ein Erstaunen ausgelöst, das man ohne weiteres auch als Verärgerung interpretieren kann. Der für die Fragen der Ökumene zuständige Kardinal Kurt Koch ist zunächst über Duktus und Ton der Stellungnahme verwundert, die in ihrer Gesamtheit der Zurückweisung der Lehramtlichen Anmerkungen gewidmet ist und nur in ihren letzten Sätzen die Bereitschaft zu einem weiteren Dialog betont.

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Verzicht auf gemeinsame Feier als unchristlich gesehen

Wie der genau aussehen soll, bleibt offen, denn das Ergebnis steht nach der Lektüre der Stellungnahme im Grunde fest. Der ÖAK bezieht sich in seinem Verständnis der Gegenwart des Herrn nicht auf die Frage der Transsubstantiation, sondern erweitert den Begriff um die Gegenwart im Wort und in der Versammlung der Gläubigen. Die Gleichwertigkeit dieser Gegenwartsweisen wird unausgesprochen vorausgesetzt und die Unterschiede im Eucharistieverständnis demgemäß als nachrangig angesehen. Denn die Gläubigen können, so die Stellungnahme des ÖAK, „gewiss sein, dass auch in der jeweils anderen Feierform die Verheißung der Gegenwart Jesu Christi gilt“.

Wenn Jesus Christus aber ohnehin „irgendwie da ist“, erscheint der genaue Blick auf seine Gegenwartsweisen kleinlich und überflüssig. Mit dem einen weiteren Dialog im Grunde unterbindenden Argument „das Mahl zur Versöhnung in Christus Jesus in Unversöhntheit zu begehen, widerspricht der Botschaft Jesu und entstellt den Sinn des eucharistischen Tuns“, wird der bisherige Verzicht auf ein gemeinsames Abendmahl als im Kern unchristlich apostrophiert. Dieser pastoralen Argumentation stellen die Autoren eine wissenschaftliche an die Seite.

Forderungen nicht mit dem kirchlichen Kern in der Realität vereinbar

Die historisch kritische Forschung hat herausgearbeitet, dass es im Urchristentum viele Formen von Abendmahlsfeiern gab. Implizit, denn ausgeführt wird dieser entscheidende Punkt nicht, schließt der ÖAK daraus, dass sich mit diesen verschiedenen Feierformen auch unterschiedliche Eucharistieverständnisse verbanden. Deren gemeinsamer Feier in versöhnter Verschiedenheit unter Teilnahme aller, die dies wollen, wird in der Stellungnahme Vorrang eingeräumt. Die noch nicht vorhandene Einheit der Christen, die, wie die Autoren einräumen, Zeit braucht, soll durch gemeinsame Eucharistiefeiern vorangebracht werden. Inwieweit ein solches Vorgehen das Eucharistieverständnis vertiefen helfen soll, das, wie die Autoren der Studie selbst einräumen, weitgehend verdunstet ist, bleibt offen.

Kardinal Kurt Koch beklagt in seiner Reaktion auf die Stellungnahme die Diskrepanz zwischen akademischem Diskurs und gemeindlicher Praxis: „Im Votum finden sich gewiss viele gute Aussagen, die jedoch im akademischen Bereich verbleiben und nicht an die kirchliche Realität zurückgekoppelt sind. Würden sie mit dieser konkreten Realität geerdet, müssten viele als fraglose Konsense ausgegebene Aussagen in Frage gestellt werden. Dass diese Erdung zu einem großen Teil nicht geschehen ist, erstaunt umso mehr, als der ÖAK sich immer wieder auf den Primat der Praxis beruft, ihn aber weitgehend nicht einlöst.“

Schreiben an Bätzing von ÖAK beantwortet

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Koch stellt außerdem die Frage, warum die Stellungnahme ausgerechnet jetzt veröffentlicht wurde. „Die Kongregation für die Glaubenslehre hat ihr Schreiben an den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz adressiert; von ihm erwarten wir hier in Rom deshalb eine Antwort.“

Kurt Koch geht davon aus, dass Georg Bätzing den ÖAK um eine Stellungnahme gebeten hat, um seine Antwort vorzubereiten. Gerade unter diesem Gesichtspunkt aber wirft eine so frühzeitige Veröffentlichung – zwischen der Versammlung der Ökumene- und Glaubenskommission  und der Vollversammlung der deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Koch zufolge Fragen auf. Die Antwort auf diese Fragen dürfte nach dem bisherigen Vorgehen klar sein. Durch die Veröffentlichung der Stellungnahme soll ein weiteres Mal unterstrichen werden, dass in der deutschen Kirche niemand mehr einsieht, warum Christen hierzulande auf gemeinsame Abendmahlsfeiern verzichten sollen, dass dies wissenschaftlich begründbar und pastoral geboten ist.

Ganzheitlicher Blick auf die Eucharistie fehlt

Betrachtet man die Verlaufslinien der Auseinandersetzung zwischen dem ÖAK, der Bischofskonferenz und dem Vatikan, wird klar, dass hier zwei grundsätzlich verschiedene Sprachen gesprochen werden. Während die Lehramtlichen Anmerkungen auf der Grundlage der Heiligen Schrift und der Tradition von einem von Beginn an grundgelegten Eucharistieverständnis ausgehen, legt der ÖAK aufgrund seines historisch kritischen Ansatzes ein facettenreiches Bild diverser Feierformen und Eucharistieverständnisse zugrunde.

Was diesem wissenschaftlichen Ansatz fehlt, ist die Einbeziehung der Erkenntnisse der Ritenforschung. Denn bei der Feier der Eucharistie geht es nicht um eine wissenschaftliche Debatte, sondern um die Erlösung in Jesus Christus. Die aber findet nicht nur im Kopf statt. Sie bezieht den ganzen Menschen mit Leib, Geist und Seele mit ein. Die auf den Gemeinschaftsaspekt des Abendmahles enggeführte akademische Position des ÖAK kann sich deshalb im letzten nicht als zielführend erweisen. Denn ihr fehlt der entscheidende Blick auf den Opfercharakter der Eucharistie.

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