Vatikan

Kardinal Cordes kritisiert das neue Schreiben des Dikasteriums für Laiengemeinschaften

Zu wenig Anerkennung für den Wert geistlicher Gemeinschaften, zu viel Kontrolle, die ausgeübt wird: Kardinal Cordes sieht das neue Dekret kritisch.
Kardinal Paul Josef Cordes

 Mit dem am Freitag veröffentlichten Decreto generale des Dikasteriums für Laien, Familie und Leben schafft die vatikanische Behörde neue Strukturen für gut hundert Verbände, darunter die Gemeinschaft Sant Egidio, der Neokatechumenale Weg, der Schönstatt-Frauenbund oder die internationale Gemeinschaft zölibatär lebender Frauen. Nicht von den Neuregelungen betroffen sind Institute des geweihten Lebens und Gesellschaften apostolischen Lebens. Auch die Gründer von Laienorganisationen können auf Antrag von den Vorgaben befreit werden.

Das neue Generaldekret möchte Machtmissbrauch entgegenwirken

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Ziel des Generaldekrets ist die Beschränkung der Dauer für die Wahrnehmung von Leitungsaufgaben. Damit soll in Laiengemeinschaften dem Machtmissbrauch entgegengewirkt werden. In zentralen Leitungsgremien ist die Amtszeit der Mitglieder daher nun auf maximal fünf Jahre beschränkt, wobei eine Wiederwahl möglich ist. Strebt die entsprechende Leitungsperson eine weitere Amtszeit an, ist dies nicht ausgeschlossen, sie muss aber für mindestens eine Wahlperiode pausieren. Vorsitzende müssen nach zehnjähriger Amtszeit ebenso lange aussetzen, bevor sie sich erneut zur Wahl stellen. Kürzere Amtszeiten sind für Posten wie Schatzmeister, Sekretär möglich. Aber auch für sie gilt, dass nach zehn Jahren in diesen Ämtern eine Auszeit von in diesem Fall fünf Jahren vorgeschrieben ist.

Nach der Unterschrift unter das Dekret durch den Präfekten des Dikasteriums für Laien, Familie und Leben, Kardinal Kevin Joseph Farrel, des zuständigen Sekretärs, Alexandre Awi Mello, und Papst Franziskus ist das Dokument kirchenrechtlich bindend. Es tritt in drei Monaten in Kraft. Der bislang großen Freiheit der Laienorganisationen werden dann deutlich engere Grenzen gesetzt, wie Ulrich Rhode, Professor für Kirchenrecht an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom betonte. Sie können nicht mehr wie bisher die Vergabe von Ämtern, die Länge der Amtszeiten oder die Einbeziehung von Mitgliedern in Wahlen selbstständig gestalten. Allerdings unterscheidet das Dokument nicht zwischen privaten und öffentlichen Organisationen und Diözesan- und Landesverbände sind nicht zur Einhaltung der neuen Vorgaben verpflichtet. Rhode ergänzte, dass man nun abwarten müsse, ob andere vatikanische Behörden dem Beispiel des Dikasteriums für Laien folgen und ähnliche Regelungen für die ihnen unterstellten Strukturen erlassen würden.

Das Dekret erweckt "den Eindruck, eine Materie zu behandeln, die lästig und einzuzäunen ist".

Kardinal Paul Josef Cordes sieht das neue Dekret kritisch. In einer Stellungnahme gegenüber der „Tagespost“ betonte er, dass dem Dokument angesichts der geistlichen Vitalität der Bewegungen jeglicher Impulscharakter fehle. Cordes vermisst den „Dank an Gott, dass er der Kirche in unserer säkularisierten Zeit ,Gott-bereite Glieder‘ (Balthasar) gegeben hat, die vor allem ihn unter die Menschen tragen wollen.“ Als Desiderat bezeichnet der Kardinal auch den Appell der neuen geistlichen Gemeinschaften, „das Christentum nicht in politischer Theologie oder säkularem Humanismus verflachen zu lassen“. Cordes verweist zudem auf „die vielen geistlichen Berufe und katholischen Familien, die sie der Kirche geschenkt haben“ und die Weisung, dass sie „wie es immer noch dringend geboten ist, besonders von geweihten Hirten“ empfohlen und gefördert werden sollten.

Stattdessen erwecke sowohl das Dekret als auch die „Nota explicative“ „den Eindruck, eine Materie zu behandeln, die lästig und einzuzäunen ist.“ Statt der „breiten Hervorhebung der rechtlichen Kompetenz des Dikasteriums“ hätte Cordes sich „zunächst eine knappe Darstellung des erstaunlichen Phänomens“ der neuen geistlichen Gemeinschaften gewünscht, die an das Zweite Vatikanische Konzil anknüpft, das dem Laienapostolat starke Impulse gegeben hat. Der Kardinal erinnert dabei an das Gutachten des überragenden Kenners geistlicher Strömungen, Kardinal Hans Urs von Balthasar für den „Rat für die Laien“ aus dem Jahr 1993 in dem es heißt: „Es muss wohl erst unser Jahrhundert abgewartet werden, um eine solche Blüte und Vielfalt von selbstständigen Laienbewegungen in der Kirche sich ausbreiten zu sehen,“ von denen, „die Großzahl aus neuen, eigenständigen Anregungen des Heiligen Geistes hervorgegangen sind.“ Dies gilt laut Cordes heute mehr denn je. Denn in „vielen Kontinenten“ sind die neuen geistlichen Gemeinschaften „eine glückliche Hilfe gegen das Abdriften von Katholiken in kirchenfeindliche Sekten“.

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