Vatikanstadt

Kardinal Burke moniert die Verwirrung durch die päpstliche Erklärung

Im Wortlaut: Stellungnahme von Kardinal Raymond Leo Burke zu den Aussagen von Papst Franziskus über eingetragene Lebenspartnerschaften. Die Tagespost dokumentiert die Erklärung des Kardinals in voller Länge.
Kurienkardinal Raymond Burke
Foto: Giuseppe Giglia (ANSA) | Kurienkardinal Raymond Burke wirft dem Papst vor, Verwirrung unter den Gläubigen auszulösen.

Die Nachricht, Papst Franziskus habe erklärt, Menschen mit homosexueller Veranlagung hätten als Kinder Gottes „ein Recht auf eine Familie“ und  niemand solle „aus diesem Grund ausgestoßen oder unglücklich gemacht werden“, wurde in den internationalen Medien mit starkem Nachdruck als ein Kurswechsel bezeichnet. Außerdem schreiben sie, er habe erklärt: „Wir müssen eine eingetragene Lebenspartnerschaft schaffen. Auf diese Weise sind sie rechtlich abgesichert. Dafür bin ich eingetreten“. Diese Erklärungen wurden in einem Interview mit Evgeny Afineevsky geäußert, dem Regisseur eines Dokumentarfilms mit dem Titel „Francesco“, welcher am 21. Oktober 2020 anlässlich des Internationalen Filmfestivals in Rom („Festa del Cinema di Roma“) uraufgeführt wurde.

Verwirrung hervorgerufen

Lesen Sie auch:

Solche Erklärungen rufen große Verwirrung hervor und führen zu Desorientierung und irrigen Annahmen unter den katholischen Gläubigen, da sie im Gegensatz zur Lehre der Heiligen Schrift und der kirchlichen Überlieferung sowie zu den jüngsten lehramtlichen Aussagen stehen, durch welche die Kirche das gesamte in der Heiligen Schrift und der Überlieferung enthaltene Glaubensgut bewahrt, schützt und interpretiert. Unter den Menschen guten Willens, die ernsthaft wissen möchten, was die Katholische Kirche lehrt, lösen sie Verwunderung aus und führen zu irrigen Annahmen in Bezug auf die kirchliche Lehre. Sie erlegen den Seelenhirten die Gewissenspflicht auf, angemessene und notwendige Klarstellungen vorzunehmen.
Erstens sind diese Erklärungen aufgrund ihres Kontexts und ihres Anlasses bar jedes lehramtlichen Gewichts. Sie werden richtigerweise als einfache Privatmeinung der Person interpretiert, die sie geäußert hat. Diese Erklärungen sind in keiner Weise verbindlich für die Gewissen der Gläubigen, die vielmehr gehalten sind, in gläubigem Gehorsam an dem festzuhalten, was die Heilige Schrift und die Überlieferung sowie das ordentliche Lehramt der Kirche über das fragliche Thema lehren. Im Besonderen sind folgende Punkte zu beachten.

  1. „Gestützt auf die Heilige Schrift, die sie als schlimme Abirrung bezeichnet, hat die kirchliche Überlieferung stets erklärt, ,daß die homosexuellen Handlungen in sich nicht in Ordnung sind‘“ (Katechismus der katholischen Kirche, 2357; Kongregation für die Glaubenslehre: Persona humana, Erklärung zu einigen Fragen der Sexualethik, 8 [1]), insofern sie gegen das natürliche Gesetz verstoßen, die Weitergabe des Lebens beim Geschlechtsakt ausgeschlossen bleibt und sie einer wahren affektiven und geschlechtlichen Ergänzungsbedürftigkeit entbehren. Daher können sie nicht gutgeheißen werden.

  2. Die speziellen und manchmal tief sitzenden Neigungen von Personen, Männern und Frauen, mit homosexueller Veranlagung, die eine Prüfung für sie sind, stellen, obgleich sie in sich selbst keine Sünde konstituieren, eine objektiv ungeordnete Neigung dar (Katechismus der katholischen Kirche 2358; Kongregation für die Glaubenslehre: „Erwägungen zu den Entwürfen einer rechtlichen Anerkennung der Lebensgemeinschaften zwischen homosexuellen Personen, 3 [2]). Diesen Menschen ist daher mit Achtung, Mitleid und Takt zu begegnen und jede ungerechte Zurücksetzung zu vermeiden. Der katholische Glaube lehrt die Gläubigen, die Sünde zu hassen, aber den Sünder zu lieben.

  3. Die Gläubigen und vor allem katholische Politiker sind gehalten, sich der rechtlichen Anerkennung homosexueller Lebensgemeinschaften zu widersetzen (Kongregation für die Glaubenslehre: „Erwägungen zu den Entwürfen einer rechtlichen Anerkennung der Lebensgemeinschaften zwischen homosexuellen Personen“, 10 [3]). Das Recht, eine Familie zu bilden, ist kein persönliches Recht, das es zu verteidigen gilt, sondern es muss dem Plan des Schöpfers entsprechen, der den Menschen in geschlechtlicher Verschiedenheit gewollt - „als Mann und Frau schuf er sie“ (Gen 1,27) – und so den Menschen, den Mann und die Frau, zur Weitergabe des Lebens berufen hat. „Weil die Ehepaare die Aufgabe haben, die Folge der Generationen zu garantieren, und deshalb von herausragendem öffentlichen Interesse sind, gewährt ihnen das bürgerliche Recht eine institutionelle Anerkennung. Die homosexuellen Lebensgemeinschaften bedürfen hingegen keiner spezifischen Aufmerksamkeit von Seiten der Rechtsordnung, da sie nicht die genannte Aufgabe für das Gemeinwohl besitzen.“ (ebd. Nr. 9 [4]). Von einer homosexuellen Lebensgemeinschaft im selben Sinne zu sprechen wie von der ehelichen Gemeinschaft einer Ehe ist in der Tat zutiefst irreführend, da es eine solche Gemeinschaft zwischen Personen desselben Geschlechts nicht geben kann. Was die Rechtspflege betrifft, können Menschen mit homosexueller Neigung immer gesetzliche Bestimmungen in Anspruch nehmen, um ihre persönlichen Rechte zu schützen.
    Lesen Sie auch:

    Es gibt Anlass zu tiefster Betroffenheit und dringender pastoraler Sorge, dass die persönlichen Ansichten, die von der Presse mit solchem Nachdruck verbreitet und Papst Franziskus zugeschrieben werden, nicht der beständigen Lehre der Kirche entsprechen, die in der Heiligen Schrift und der kirchlichen Überlieferung zum Ausdruck kommt und durch das Lehramt bewahrt, geschützt und interpretiert wird. Die Unruhe, die Verwirrung und die irrigen Annahmen, die sie unter den katholischen Gläubigen hervorrufen, sowie der Skandal, den sie verursachen, indem sie den vollkommen falschen Eindruck vermitteln, dass es in der Katholischen Kirche einen Kurswechsel gegeben habe - dass sie also ihre beständige Lehre hinsichtlich solch grundlegender und entscheidender Fragen geändert habe -, sind gleichermaßen traurig und beunruhigend.


Kardinal Raymond Leo Burke

Rom, den 22. Oktober 2020


[1] „…suapte intrinseca natura esse inordinatos.” Sacra Congregatio pro Doctrina Fidei, Declaratio, Persona humana, „De quibusdam quaestionibus ad sexualem ethicam spectantibus,” 29 Decembris 1975, Acta Apostolicae Sedis 68 (1976) 85, Nr. 8. deutsch:

https://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/documents/rc_con_cfaith_doc_19751229_persona-humana_ge.html
(Zuletzt abgerufen: 2.11.2020)

[2] Vgl. Congregatio pro Doctrina Fidei, Epistula, Homosexualitatis problema, „Ad universos catholicae Ecclesiae episcopos de pastorali personarum homosexualium cura,” 1 Octobris 1986, Acta Apostolicae Sedis 79 (1987) 544, Nr. 3. deutsch:
https://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/documents/rc_con_cfaith_doc_19861001_homosexual-persons_ge.html
(Zuletzt abgerufen: 2.11.2020)

[3] Congregatio pro Doctrina Fidei, Nota, Diverse quaestioni concernenti l’omosessualità, „De contubernalibus eiusdem sexus quoad iuridica a consectaria contubernii,” 3 Iunii 2003, Acta Apostolicae Sedis 96 (2004) 48, Nr. 10  deutsch:
http://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/documents/rc_con_cfaith_doc_19751229_persona-humana_ge.html
(Zuletzt abgerufen: 2.11.2020)

[4] „Poiché le coppie matrimoniali svolgono il ruolo di garantire l’ordine delle generazioni e sono quindi di eminente interesse pubblico, il diritto civile conferisce loro un riconoscimento istituzionale. Le unioni omosessuali invece non esigono una specifica attenzione da parte dell’ordinamento giuridico, perché non rivestono il suddetto ruolo per il bene comune.“deutsch (ebd.):
https://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/documents/rc_con_cfaith_doc_20030731_homosexual-unions_ge.html
(Zuletzt abgerufen: 2.11.2020)


Übersetzung aus dem Englischen von Claudia Reimüller

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Themen & Autoren
Raymond Leo Burke Bibel Gläubige Hass Kardinäle Katholische Kirche Katholizismus Kongregation für die Glaubenslehre Lebensgemeinschaften Lebenspartnerschaften Papst Franziskus Päpste

Kirche

Einsame Kirche am Meer
Vatikanstadt

Ins Niemandsland der Kirche Premium Inhalt

Kirchenfunktionäre in Europa müssten den Untergang des Christentums fürchten, wenn Afrika und Asien nicht zeigen würden, dass Evangelisierung fruchtbar sein kann.
27.10.2021, 17 Uhr
Guido Horst